Donnerstag, 27. Juli 2017
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Finnland: Au-Pair - Gastfamilie

 

Text von Carolin Sampels, erschienen in:
(Nix für) Stubenhocker. Die Zeitung für Auslandsaufenthalte, Nr. 6 / 2016, S. 40-41

 

Wochenenden im „Mökki“

Finnisches Familienleben

 

„Was macht man denn als Au-Pair?“ „Warum willst du auf die Kinder von fremden Leuten aufpassen?“ „Was willst du in so einem Land, wo es ewig dunkel ist?“ Die meisten in meinem Umfeld konnten es gar nicht fassen, dass ich nach dem Abitur als Au-Pair arbeiten wollte, und dann auch noch in Finnland. Aber ich war fest entschlossen, nach der Schule nach Skandinavien zu gehen, und bekam schließlich eine tolle Gastfamilie in Finnland. Warum ich als Au-Pair und nicht als Freiwillige oder Work & Travel-Reisende ins Ausland wollte? Für mich war klar, dass ich besser in eine Kultur und in ein fremdes Land eintauchen konnte, wenn ich bei einer Familie wohnte und dort ständig mit den Traditionen und der Sprache konfrontiert wurde. Außerdem fühlte ich mich mit gerade 18 Jahren noch nicht selbstständig genug, um komplett auf eigenen Beinen zu stehen und gar keine festen Bezugspersonen mehr in der Nähe zu haben. Zu meiner Gastfamilie gehörten die Mutter Marjaana, der Vater Aki und die drei Kinder Toivo, 14 Jahre, Oiva, elf Jahre, und Vellamo, sechs Jahre. Als ich in Helsinki landete, hatte ich noch keine genaue Vorstellung, was mich erwartete. Natürlich hatten wir vorher per Skype telefoniert und einige E-Mails ausgetauscht, aber es war doch komisch zu wissen, dass ich die nächsten zwölf Monate bei einer fremden Familie leben würde, die ich nur über das Internet kannte. Aber ich war bereit, das Risiko einzugehen, und ich wurde belohnt.

 

Au-Pair Finnland


Von Anfang an wurde ich wie ein sechstes Familienmitglied aufgenommen. In meiner ersten Woche hatten meine Gasteltern Urlaub und wir unternahmen einiges in der Umgebung. Wir besuchten verschiedene Museen und Linnanmäki, den Freizeitpark in Helsinki. „Ich glaube, ich mag dieses Au-Pair“, sagte Oiva zu seiner Mutter, nachdem wir gemeinsam mit fast allen Achterbahnen gefahren waren. Über diese Aussage freute ich mich sehr, denn ob man es glaubt oder nicht, Jugendliche kann man viel schwerer für sich gewinnen als kleinere Kinder. Ich hatte schon vorher ein bisschen Angst gehabt, dass die zwei älteren Jungen nicht auf mich hören würden oder dass ich mit ihnen nicht klarkommen würde. Daher fiel mir ein Stein vom Herzen, als meine Gastmutter mir übersetzte, was Oiva gesagt hatte. Insgesamt hatte ich zu den beiden Jungen ein gutes Verhältnis, solange es nicht um das Zubettgehen am Abend ging, wenn ich mit den Kindern alleine war. Darüber gab es meistens eine lange Diskussion, aber diese führten ja auch die eigenen Eltern oder der Babysitter. Gleich in der ersten Woche fuhren wir außerdem zum „Mökki“ meiner Gasteltern. Was ein „Mökki“ ist? In Finnland gibt es etwa 500.000 Blockhütten, auf Finnisch „Mökki“. Meistens selbst gebaut an einem See oder am Meer, gehören sie zu Finnland wie Nokia, Angry Birds oder Saunen. Fast jeder Finne hat ein „Mökki“, teilt sich eins oder kennt jemanden, der eins hat, und das er mitbenutzen darf.


Das Sommerhaus meiner Gastfamilie befand sich im Südosten Finnlands, direkt am finnischen Golf auf einer kleinen Insel. Wir verbrachten viele Wochenenden in der kleinen Holzhütte, ohne fließendes Wasser und mit täglichem Saunagang. Besonders Vellamo und ich nutzten die Zeit, um draußen zu sein, die Insel zu erkunden und am Strand oder auf den Steinen zu spielen. Es war durchaus eine Umstellung für mich, auf einmal im Nirgendwo zu sein und nicht mehr den Luxus einer richtigen Toilette und Dusche oder Internetzugang zu haben. Aber es gab Strom, also war alles nur halb so schlimm, und es machte auch immer Spaß. Meine Gastmutter blieb meistens zu Hause, da sie als Ärztin viele Nachtschichten hatte, aber wir anderen fuhren oft am Freitagnachmittag 200km bis fast an die Grenze Russlands, nur um zwei Nächte in der finnischen Natur zu verbringen. Für uns Deutsche wäre das wohl unvorstellbar, aber dort oben war das normal. Den Kindern wurde für die Fahrt ein Comic von Donald Duck in die Hand gedrückt, und schon ging es los. Die anderen Wochenenden verbrachte ich oft in Helsinki. Von meiner Gastfamilie hatte ich ein Monatsticket für den Bus bekommen und konnte innerhalb von einer Stunde in Helsinki sein. Über Facebook-Gruppen lernte ich immer wieder neue Au-Pairs kennen. Wir machten das ganze touristische Programm wie eine Stadtführung, eine Bootsfahrt und ein Besuch des Hotel Torni, von dessen Dach man auf die ganze Stadt blicken kann.


Unter den anderen Au-Pairs fand ich immer „Leidensgefährten“, um sich auszutauschen, wenn es in der Familie mal nicht so rund lief, oder um sich gemeinsam über die teuren Preise in Finnland aufzuregen. Es waren wirklich viele Au-Pairs aus Deutschland dort, aber auch aus anderen europäischen Ländern. Finnen in meinem Alter lernte ich kaum kennen, da sie unglaublich zurückhaltend sind. Das änderte sich erst, als ich mit dem Tanzen begann. Freitagabends hatten wir Training und es machte viel Spaß. Wir hatten sogar zwei Auftritte während des Jahres. Richtiges Heimweh hatte ich nie. Ich vermisste natürlich meine Familie und Freunde in Deutschland und dachte mir an meinem Geburtstag, dass es schön wäre, nun zu Hause zu sein, aber tatsächlich hatte ich zu keinem Zeitpunkt den Wunsch, zurück nach Deutschland zu fahren. Dazu muss ich sagen, dass ich in der 10. Klasse auch schon ein Schuljahr in Amerika verbracht hatte und dadurch bereits wusste, wie es sein würde, die Familie für ein Jahr nicht zu sehen.
Was macht man eigentlich den ganzen Tag als Au-Pair? Mein Tagesablauf war ziemlich entspannt. Ich stand morgens etwa eine Viertelstunde früher auf als die Jungen und bereitete das Frühstück für die beiden vor. Manchmal aß ich dann noch mit Vellamo zusammen, aber meistens frühstückte sie im Kindergarten. Anschließend sorgte ich dafür, dass die Jungen sich pünktlich auf den Weg zur Schule machten. Bis mittags oder nachmittags konnte ich mir die Zeit so einteilen, wie es mir passte. Meine täglichen Aufgaben im Haushalt waren das Aufräumen der Küche und das Aufhängen der Wäsche. Einmal in der Woche sollte ich staubsaugen und alle Teppiche draußen ausklopfen – die Finnen lieben Teppiche! Kurz bevor Oiva und Toivo nach Hause kamen, bereitete ich dann das „Välipala“ vor, den Nachmittagssnack. Um 16 Uhr fuhr ich mit dem Fahrrad zum Kindergarten und holte Vellamo ab. Was mir an den finnischen Kindergärten gut gefiel, waren die detaillierten Berichte, die ich jeden Nachmittag erhielt. Darin stand, welche Aktivitäten an dem Tag stattgefunden hatten, was gut gewesen war und was nicht. Vellamo wollte nie aus dem Kindergarten weg, aber wenn wir schließlich zu Hause angekommen waren, spielten wir Gesellschaftsspiele und mit Lego oder gingen auf den Spielplatz. Manchmal war Vellamo nach dem langen Tag im Kindergarten so müde, dass wir nur noch Bücher lasen.


„Dank meiner Gastfamilie bekam ich einiges von Finnland zu sehen.“


Montags und donnerstags fuhr ich um 17 Uhr zum Sprachkurs nach Helsinki, denn dann war mein Gastvater früher zu Hause. An den anderen Tagen spielte ich bis 19 Uhr mit den Kindern – manchmal wurde es auch später – und brachte die drei schließlich ins Bett. Mittwochs hatte ich jede zweite Woche Fahrdienst, dann brachten Vellamo und ich Toiva in den Nachbarort zum Orchester. Zu meinen Aufgaben gehörte es auch ab und zu, die Kinder zu Freunden oder zu Veranstaltungen zu bringen. Samstags und sonntags arbeitete ich auch manchmal. Dann konnten meine Gasteltern in Ruhe spazieren gehen oder Dinge rund um das Haus erledigen. Alles in allem hatte ich jedoch weniger Arbeit als andere Au-Pairs in der Nachbarschaft. Dank meiner Gastfamilie bekam ich einiges von Finnland zu sehen. Wir waren mehrmals in der Heimatstadt meiner Gastmutter, in Kotka. Auf dem Weg zum Sommerhaus hielten wir einmal in Porvoo, einer wundervollen kleinen Stadt. Außerdem unternahmen wir einen Kurztrip nach Oulu, zu den Eltern meines Gastvaters. Das Highlight war jedoch die Reise zu den Ålandinseln, einer Inselgruppe zwischen Schweden und Finnland, wo wir im Februar eine Woche Urlaub machten. Dort wird Schwedisch gesprochen, die Inseln gehören aber zu Finnland. Danach entschied meine Gastmutter, im Sommer für sechs Wochen dort zu arbeiten.


Gesagt, getan: Die letzten sechs Wochen meines Au-Pair-Jahres verbrachte ich also in Mariehamn auf Åland. Die meiste Zeit waren wir Mädels alleine, da mein Gastvater weiterhin auf dem Festland arbeitete und die Jungen lieber die Ferien mit ihren Freunden verbrachten. Während Marjaana arbeitete, erkundeten Vellamo und ich die Insel. Wir unternahmen einige Fahrradtouren, zum Beispiel zum Strand, oder fuhren mit dem Auto auf benachbarte kleine Inseln, um dort zu
picknicken. Abends kochte ich dann das Essen, wobei Vellamo sehr gerne mithalf. Diese Wochen auf Åland gehören für mich zu den unvergesslichsten Tagen in Finnland, weil Vellamo und ich viel Zeit miteinander verbracht haben und dieser Ort tatsächlich einer der schönsten in Finnland ist. Zum Schluss will ich euch noch die weisen Worte einer Zurückgekehrten mit auf den Weg geben: Wenn ihr Fernweh verspürt oder den Drang habt, etwas anderes zu erleben als den täglichen Trott, dann macht euch auf den Weg ins Ausland – egal, ob ihr drei Wochen, drei Monate oder zwei Jahre dort bleibt. Man lernt in der Zeit so viel über sich selbst, fern von der Familie und den Freunden. Ich kann gar nicht beschreiben, wie viel selbstständiger ich durch das Au-Pair-Jahr geworden bin. Für mich war es die beste Entscheidung meines Lebens. Also zieht los und findet euer zweites Zuhause!

 

Carolin Sampels, 21, studiert Englisch und Geografie an der Universität Bonn und möchte im Master ein Auslandssemester in Norwegen verbringen oder als Teaching Assistant in den USA arbeiten.

 

 

 

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