Montag, 27. März 2017
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Peru: Freiwilligendienst - Goethe-Institut - Unterricht

 

Text von Insa Wegener, erschienen in:

(Nix für) Stubenhocker. Die Zeitung für Auslandsaufenthalte, Nr. 6 / 2016, S. 43-44

 

Ein Jahr mit den Kindern von Lima

Freiwilligendienst am Goethe-Institut

 

Freiwilligendienst Peru

 

Ticktack, ticktack … Ich höre die Uhr unaufhaltsam weiterticken und sie wird immer lauter. Was das zu bedeuten hat? Meine Zeit in Lima nähert sich langsam ihrem Ende. Ich habe schon fast elf Monate in Peru verbracht. Noch vor Kurzem war doch erst die Hälfte meines Freiwilligendienstes vorbei – Bergfest in den Anden sozusagen. Zeit für einen Rückblick, wie alles begann: Ich stehe am  internationalen Jorge Chavéz Flughafen in Lima und habe 23 Stunden Flug hinter mir. Um mich herum Schilder, Rufe und Hektik, ich befinde mich in einem Meer aus unbekannten Gesichtern. Nach einer halbstündigen Suche nach meinem Namen gebe ich auf und finde stattdessen einen Taxifahrer, der auf den schönen Nachnamen Casanova hört. Dies ist sicherlich nicht der perfekte Start in meinen Freiwilligendienst. Müde und überwältigt zweifle ich daran, dass ich jemals in meiner Unterkunft für die nächsten Monate ankomme. Doch alles geht gut, das Jahr in Lima kann losgehen. Der erste Tag am Goethe-Institut, wo ich als Freiwillige arbeite, beginnt mit der Frage: Wie komme ich überhaupt dorthin? Der Verkehr lässt mich innehalten. Busse, Taxis, Autos – die Straßen sind voller Fahrzeuge, dazwischen zwei oder drei mutige Radfahrer, und offensichtlich scheint nur ein Gesetz die Straße zu beherrschen: die Hupe. Abbiegen, noch schnell über die Ampel fahren, Fußgänger über die Straße scheuchen, potenzielle Fahrgäste zum Einsteigen in den Bus oder wahlweise das Taxi bewegen, all das bedeutet hupen. Kurzum: Die Hupe ist allgegenwärtig.

 

„Jede Fahrt ist ein kleines Abenteuer, an das ich mich erst nach und nach gewagt habe.“

 

Ich entscheide mich dafür, mit dem Taxi ins Institut zu fahren, schließlich gibt es in Lima kein offizielles Transportsystem, wenn man mal den von Norden nach Süden verkehrenden Schnellbus vernachlässigt. Der Nahverkehr wird hier durch Kleinunternehmer mit Kleinbussen bestritten – und der Name ist hier zumeist auch Programm. Das kann man sich ungefähr so vorstellen: Ein energisch brüllender Mann, der sogenannte „cobrador“, lehnt sich aus der Tür eines fahrenden Busses und verkündet die zu fahrende Route. Die Fahrgäste bezahlen den „cobrador“ während der Fahrt. Natürlich gibt es keine Anzeige mit den nächsten Haltestellen und erst recht keinen Knopf, um seinen Haltewunsch anzumelden. Da heißt es, Ellenbogen raus und Richtung Tür boxen, um dann unter nachdrücklichen „baja“-Rufen – „Aussteigen!“ – aus dem Bus zu springen. Jede Fahrt ist ein kleines Abenteuer, an das ich mich erst nach und nach gewagt habe: „Ich steige da nicht ein, das ist viel zu gefährlich!“ Wer allerdings in Lima von A nach B kommen möchte, hat normalerweise keine andere Wahl, als in ein „micro“ zu steigen. Die Alternative bedeutet, Taxi zu fahren, was zwar wesentlich günstiger als in Deutschland ist, aber aufgrund fehlender Sicherheitsgurte in 90% der Fälle auch nicht unbedingt ungefährlicher als der Bus. Doch nach einiger Zeit in Lima wird auch das zur Normalität. Irgendwie ist das Chaos auf den Straßen Teil des Bildes, ohne das etwas fehlen würde. So überwältigend sind also die ersten Tage und Wochen in Lima. Ehrlich gesagt hat dieses Gefühl, immer wieder etwas Neues zu entdecken und darüber zu staunen, auch nie ganz aufgehört.

 

Mit der Zeit habe ich vieles akzeptiert und mich hier immer heimischer gefühlt. Umso schwerer fällt es, alles hinter mir zu lassen und nach vorne zu blicken. Nach all dieser Zeit ist Deutschland für mich kaum mehr als die Karte auf der letzten Seite des Deutschbuchs meiner Schüler – ein weit entferntes Land, in dem ich mich erst einmal wieder zurechtfinden muss, in dem alles etwas anders ist als hier. So sehr ich mich an manche Sachen in Peru gewöhnen musste, so alltäglich und normal erscheinen sie mir heute. Der Schritt zurück wird sehr schwer werden – auch wenn das unglaublich klingen mag, es ist doch schließlich meine Heimat. Vor allem die Arbeit an meiner Schule und in zwei sozialen Projekten hat meinen Aufenthalt geprägt. Langeweile kommt nie auf während meiner Zeit in Peru. Am Colegio Santiago Apóstol, einer Partnerschule des Goethe-Instituts in Lima, habe ich schnell das Gefühl gehabt, dazuzugehören. Im Deutschunterricht habe ich viel mit den Schülern gelacht. Beispielsweise hat „eine Ratte“ als freie Übersetzung für „einen Moment noch, bitte“ hergehalten – auf Spanisch sagt man nämlich „un ratito“. Manchmal bin ich aber auch an ihnen verzweifelt: „Was ist der Plural von Hund?“ – „Laufen!“ Ich habe einen Einblick in das peruanische Schulsystem bekommen und bin mit einer Herzlichkeit von meinen Schülern aufgenommen worden, die ich ganz sicher vermissen werde. Ich hoffe, auch das ein oder andere Missverständnis aufgeklärt zu haben, denn von Zeit zu Zeit finde ich mich mit Fragen wie diesen konfrontiert: „Als du klein warst, bist du da mal in einen Fluss gefallen?“ – „In einen Fluss? Nein, nicht dass ich wüsste. Wieso fragst du das?“ –  Deine Augen, die sind so blau. Du musst doch mal in einen Fluss gefallen sein!“

 

„Sechs Monate lang beschäftigen wir uns mit Gletschern, Germanen und Geografie.“

 

In der Asociación Cristiana El Refugio, einem Projekt für Kinderbetreuung, habe ich eine zusätzliche Aufgabe gesucht und sie als Erdkunde- und Geschichtslehrerin für die beiden ältesten Kinder gefunden. Wie alle in diesem Projekt betreuten Kinder – und das sind schließlich zwölf an der Zahl – besuchen Angel und Rahel die Deutsche Fernschule. Die Kinder im Alter von drei bis 13 Jahren  werden in einer Großfamilie aufgezogen. Das ist natürlich nur mit einem Team von freiwilligen Helfern möglich. Mein Beitrag zu der Arbeit des gemeinnützigen peruanisch-schweizerischen Vereins ist nur klein. Das Unterrichtsmaterial ist da, die Ausgestaltung ist meine Aufgabe. Sechs Monate lang beschäftigen wir uns mit Gletschern, Germanen und Geografie – nicht nur für die Kinder eine Herausforderung, auch ich habe viel Neues gelernt. Am meisten ans Herz gewachsen sind mir die Kinder aus Chorrillos. In diesem Teil der Großstadt Lima sind die Kinder viel auf sich alleine gestellt. In die Schule gehen sie vormittags, meistens jedenfalls. Danach spielen sie auf der Straße. Seitdem ein Gemeindezentrum seine Türen nahezu täglich für die Kinder und Jugendlichen des Viertels öffnet, hat sich das jedoch geändert. Basteln, Handwerken, Malen, Tanzen, auf Stelzen laufen – das ist nur eine Auswahl der angebotenen Aktivitäten. Auch samstags können die Kinder für zwei Stunden hierher kommen, um sich sinnvoll zu beschäftigen.

 

Viele Samstage verbringe ich in Chorrillos, manchmal auch einen Nachmittag in der Woche. Hier zählt nicht, wie viel man hat, sondern wie viel man geben kann: eine Umarmung, ein Küsschen, ein aufmunterndes Wort. Die Dankbarkeit dieser Kinder ist so spürbar wie die Sehnsucht nach Nähe, die sie ganz offen zeigen. Hier fühle ich mich richtig. Engagement für einen guten Zweck, das habe ich hier so deutlich wie selten gesehen. Neben all dem kommt jedoch auch das Reisen nicht zu kurz. Jeder freie Tag, jedes Wochenende, jeder Feiertag wird zur Entdeckungsreise – erst innerhalb Limas, dann in Peru, zum Schluss auch über die Grenzen des Landes hinaus. Wo es mir am besten gefallen hat? So gerne ich diese Frage beantworten würde, ich kann es nicht. Zu den Highlights zählen das Zwischenseminar in Santa Marta und der Abstecher nach Cartagena in Kolumbien mit einer unerwarteten Liebesgeschichte, trotz der 70 Moskitostiche. Auf der Reise nach Cajamarca im Andenhochland muss das Flugzeug auf halber Strecke wieder umdrehen – der Regen hat den Landeanflug unmöglich gemacht. Unglaublich, aber wahr, beim Rückflug habe ich ebenso wenig Glück mit dem Wetter gehabt. In Cusco bei einer Wanderung auf den Berg Machu Picchu habe ich eine gute Freundin gefunden und bin bei der Höhe ganz schön aus der Puste gekommen. Im Amazonasgebiet haben wir graue und rosafarbene Flussdelfine beobachten können, aber leider gehören diese Tiere einer fotoscheuen Spezies an.

 

So turbulent der Beginn meines Freiwilligendienstes gewesen ist, so mitreißend ist der Rest des Jahres verlaufen. Aller Anfang ist schwer, sagt ein Sprichwort. Doch wenn der Anfang schon schwer sein soll, wie kann man dann den Abschied in Worte fassen? Jedes Mal, wenn ich auf Reisen gegangen bin und Lima für eine kurze Zeit hinter mir gelassen habe, habe ich gewusst, dass es ein nächstes Mal geben würde. Ich hätte Zeit, um all die Museen, Ausstellungen und Kirchen zu besichtigen, um etwas mit meinen Freunden zu unternehmen, um in den Unterricht an der Schule zu gehen. Doch nun wird es kein nächstes Mal mehr geben. Meine letzte Reise innerhalb Südamerikas ist gemacht, nun wartet nur noch der Flug auf mich, der mich über den Atlantik zurück nach Deutschland bringen wird. Ein Jahr endet, 365 Tage voller Eindrücke, Erlebnisse, Erfahrungen. Dieses Jahr hat mir so viel gegeben, und was bleibt, sind eben diese drei Dinge, die ich mitnehmen werde, wenn die letzte Sekunde verstreicht. Ich habe viel gewonnen im letzten Jahr. Ich weiß, dieses Mal kann es kein nächstes Mal geben. Doch nächstes Mal gibt es ein nächstes Mal, ganz bestimmt.

 

Insa Wegener, 26, studiert im Master Englisch und Spanisch für das gymnasiale Lehramt. Ihr nächstes Reiseziel heißt Panama, bevor das Referendariat beginnt.

 

 

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