Donnerstag, 27. Juli 2017
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Togo: Freiwilligendienst - Radioprojekt

 

Text von Gesa Jonasson, erschienen in:

(Nix für) Stubenhocker. Die Zeitung für Auslandsaufenthalte, Nr. 6 / 2016, S. 45-46

 

Unterwegs auf den Straßen Togos

Reportagen fürs Radioprojekt

 

Radioprojekt Togo

 

Es fing alles damit an, dass ich mir knapp zwei Jahre vor meinem Abitur Gedanken darüber machte, was ich nach der Schule eigentlich tun wollte. Schnell war klar, dass ich auf jeden Fall in die weite Welt hinausziehen würde. Ich wollte ganz weit weg, jedoch nicht in Bezug auf Kilometer und Flugstunden, sondern in dem Sinne, dass ich etwas ganz anderes erleben, eine neue Kultur und Lebenssituation kennenlernen wollte. Bald war die Idee von einem Freiwilligendienst in einem französischsprachigen Land in Afrika geboren. Ich fing an, mir Projekte anzuschauen und mögliche Organisationen unter die Lupe zu nehmen. Da es nicht allzu viele Optionen in französischsprachigen Ländern gab, fiel die Entscheidung schnell auf ein Radioprojekt in Togo mit den Internationalen Jugendgemeinschaftsdiensten (ijgd) als Entsendeorganisation. Nachdem ich meine Bewerbung eingereicht hatte und das Telefongespräch auf Französisch zum Überprüfen meiner Sprachkenntnisse hinter mich gebracht hatte, wurde ich zum Vorbereitungsseminar eingeladen. Dort lernte ich in den fünf Tagen viele andere Mitstreiter kennen. Manche von ihnen wollten nach Afrika, andere reisten nach Asien und wieder andere nach Lateinamerika. Wir hatten eine wunderbare und spannende Zeit zusammen mit tollen Gesprächen und interessanten Workshops zu Rassismus und Entwicklungszusammenarbeit sowie zur Planung und Umsetzung unserer Reise.

 

„Ich beobachtete gespannt das bunte Treiben auf den Straßen.“

 

Dann buchte ich die Flüge und ließ mich impfen. Schließlich war der Tag gekommen, an dem ich ins Flugzeug nach Togo stieg. Während der Reise traf ich eine andere Freiwillige, die in die gleiche Stadt unterwegs war wie ich und auch bei der gleichen Organisation tätig sein sollte. Am Flughafen angekommen, wurden wir von einem Mitarbeiter der Organisation vor Ort, ASTOVOT, abgeholt und direkt in ein Taxi Richtung Kpalimé, unser Zuhause für die nächsten Monate, verfrachtet. Es war eine aufregende Fahrt zu acht in einem Auto mit fünf Sitzen. Ich beobachtete gespannt das bunte Treiben auf den Straßen, hörte die fremden Klänge der einheimischen Sprachen, roch die ungewohnten Gerüche der Natur und des Essens und war dennoch froh, nach zwei Stunden endlich angekommen zu sein. Es ging weiter zu Cherita, der Sekretärin unserer Organisation, die uns erst mal bei sich aufnahm. Wir aßen gemeinsam und gingen dann mit zwei europäischen Freunden von Cherita los, um ein Bier zu trinken und unseren ersten heißen Abend in Togo zu genießen. Am nächsten Tag kamen wir in unsere Gastfamilien. Ich hatte großes Glück: Meine 29-jährige Gastmutter Emefa und ich wurden sehr gute Freundinnen. Mit meinem Gastvater John führte ich tolle Gespräche über Togo, das politische System und die wirtschaftlichen Chancen und Probleme des Landes. Außerdem hatte ich noch drei Gastgeschwister, Maxime, sechs Jahre, Eunike, vier Jahre, und Junior, zwei Jahre. Zusätzlich wohnten meine Gastgroßmutter und mein Gastcousin im Haus.

 

Doch als wären das nicht schon genug, lebten auf dem Hof noch zehn weitere Menschen im Alter von sechs Monaten bis circa 40 Jahren. Es war sehr schön, immer jemanden zum Reden zu haben und sich nie alleine zu fühlen. Ich war sehr glücklich dort und fühlte mich sehr schnell zu Hause. Außerdem war unser Hof einer der schönsten der Stadt durch die vielen bunten Blumen und die Hecken, die uns sowohl ein kräftiges Grün im Hof bescherten als auch eine praktische Ablagefläche zum Trocknen von Kleidung und Geschirr boten. Es gab nämlich weder eine Spül- noch eine Waschmaschine. Bei so vielen Menschen wurde daher ständig gewaschen. Auch ich durfte mich also ein halbes Jahr darin versuchen und merkte schnell, wie viel Arbeit die Waschmaschine uns täglich abnimmt und wie lange so eine gründliche Handwäsche dauert. Daher achtete ich immer sehr darauf, nichts dreckig zu machen, um nicht schon wieder waschen zu müssen. Noch ein paar Worte zu unseren sanitären Anlagen: Die Toilette war ein Plumpsklo in einem Häuschen auf dem Hof, es gab allerdings einen aus Lehm gebauten Sitz mit Klodeckel, man musste also nicht dauerhaft hocken. Geduscht wurde in einem gefliesten Zimmer im Haupthaus, in dem sich auch das Wohnzimmer befand. Wir duschten, indem wir mit einem kleinen Eimer Wasser aus einem größeren schöpften. Duschen war aufgrund der Hitze sehr wichtig. Das Wasser kam entweder von einer Pumpe am Ende der Straße, für das man allerdings bezahlen musste, oder aus dem Brunnen. So testete ich auch meine Fähigkeiten, Wasser aus einem Brunnen zu schöpfen, und musste feststellen, wie viel Armmuskeln und Ausdauer gefragt waren.

 

Freiwilligenprojekt Togo

 

Morgens stand ich normalerweise zwischen 5 und 6 Uhr auf, um noch ein wenig von der kalten Morgenluft mitzubekommen, frühstückte und machte mich auf den Weg zur Arbeit. Wie viel Glück ich mit meinem Projekt hatte, wurde mir schon in der ersten Woche klar. Ich machte fast täglich Reportagen, für die ich mir die Themen selbst aussuchen durfte. Zusammen mit anderen Freiwilligen erstellten wir zunächst Reportagen über unsere Beobachtungen: „Warum liegt hier so viel Müll herum? Warum sind die Straßen in so einem Zustand? Wie hoch ist die Unfallrate der allgegenwärtigen Motorräder?“ Wir sprachen mit der Kommune, mit Menschen auf der Straße, aber auch mit Hilfsorganisationen und privaten Unternehmen. Nachdem wir die meisten unserer Beobachtungen abgehandelt hatten, wurden unsere Themen vielseitiger. So erstellten wir zum Beispiel auch eine Reportage über Homosexualität, die in Togo sehr verpönt ist und für die sogar die Gefängnisstrafe verhängt werden kann. Auf diese Weise lernte ich viel über meine neue Heimat, die Menschen und das System. Das einzige Problem war der ständige Wechsel der Freiwilligen in meinem Projekt. Ich musste mich daher bei der Arbeit immer wieder auf neue Mitarbeiter einstellen, und es fiel mir schwer, meine Freunde gehen zu lassen und offen für die nächsten Freiwilligen zu sein. Doch mit dem Team selbst verstand ich mich sehr gut und zum Teil entstanden enge Freundschaften. Grund dafür war auch die allmorgendliche Teamsitzung, in der wir den vergangenen Tag reflektierten und neue Projekte, Reportagen und Ideen sammelten. Mit meinen Kollegen verbrachte ich auch nach der Arbeit viel Zeit.

 

Kpalimé hat circa 100.000 Einwohner und ist umgeben von Bergen. Überall gibt es Palmen und Mangobäume. Die Bergwanderungen und Ausflüge zu Wasserfällen zählten auf jeden Fall zu den Highlights meines Aufenthalts. Ich hatte viel Programm an den Wochenenden, und auch an den Abenden zog ich häufig mit meinen Freunden los, die zum Teil Togoer waren, aber auch andere Freiwillige. In Kpalimé gab es unzählige Freiwillige, was manchmal ein bisschen schade war, da man eher dazu neigte, mit Menschen aus dem eigenen Kulturkreis Zeit zu verbringen. Doch bei so vielen ungewohnten, neuen Dingen brauchte ich auch ab und zu Kontakt zu Menschen, die nachvollziehen konnten, was ich vermisste und was mich überraschte. Und mir fehlte so einiges: Milch, Käse und vor allem die Möglichkeit, durch die Stadt zu gehen, ohne durch mein Aussehen aufzufallen. „Yvo“ bedeutet „Weißer“ in der lokalen Sprache des Ewe-Stammes, der vor allem im Süden von Togo lebt, und das war das Wort, das ich als Erstes in Togo lernte. Ich versuchte, die Ewe-Sprache zu lernen, doch nur mit mäßigem Erfolg, da mein Französisch erst mal so ausgebaut werden musste, dass ich tatsächlich tiefgehende Gespräche über Politik, Religion und Kultur führen konnte. Außerdem hatte die Grammatik keinerlei Ähnlichkeit mit irgendeiner Sprache, die ich bisher gelernt hatte.

 

„Am liebsten aß ich Bohnen mit Palmöl, ein Gericht, das ich inzwischen sehr vermisse.“

 

Noch einige Worte zum Essen: Wie schon erwähnt, waren Milch und Käse nicht selbstverständlich. Doch wer sucht, der findet natürlich auch in Togo, wenngleich die importierten Produkte zu deutlich höheren Preisen als in Europa verkauft wurden. Milch konnte man allerdings auch als Pulver zu ganz normalen Preisen ergattern, und dieses wurde auch von den Togoern genutzt. Ansonsten gab es „Fufu“, gestampfte Yams, oder „Patê“, aufgekochtes Maismehl, oder Reis und Nudeln mit verschiedenen Soßen. Am liebsten aß ich allerdings Bohnen mit Palmöl, ein Gericht, das ich inzwischen sehr vermisse. Mir schmeckte alles sehr gut, allerdings gab es keine große Abwechslung beim Essen, sondern mehrmals die Woche das Gleiche. Seitdem ich zurück bin, freue ich mich daher über die große Essensauswahl und die vielen Käsesorten in meinem Kühlschrank. Im Allgemeinen weiß ich den europäischen Lebensstandard mehr zu schätzen, aber vermisse gleichzeitig das bunte Treiben auf dem Markt und die angenehme Atmosphäre auf den Straßen Togos, und natürlich das warme Wetter. Der Freiwilligendienst hat meine Entscheidung, Sozialwissenschaften zu studieren, noch einmal bestätigt und ich bin bereit für das neue Kapitel in meinem Leben, gestärkt durch ein gestilltes Fernweh und die bereichernden Erfahrungen der letzten sechs Monate.

 

Gesa Jonasson, 22, will Sozialwissenschaften studieren und sich wahrscheinlich später im Studium vor allem mit globalen Themen beschäftigen.

 

 

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