Sonntag, 24. September 2017
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USA: Freiwilligenprojekt - Wildlife-Center - Florida

 

Text von Lisa Schnaidt, erschienen in:

(Nix für) Stubenhocker. Die Zeitung für Auslandsaufenthalte, Nr. 6 / 2016, S. 47-49

 

Ein warmer Winter in Florida

Einsatz im Wildlife-Center

 

Freiwilligenprojekt USA

 

Es war so winzig und hilflos, vielleicht drei oder vier „inches“ groß. Auch wenn ich bis heute noch nicht genau weiß, wie viele Zentimeter das genau sind, wusste ich, dass es nun mal sehr klein war. Die Pfoten waren so groß wie meine Fingernägel und weder Augen noch Ohren waren geöffnet. Nur fiepen konnte es. Es passte in meine Handfläche, lag dort, seine kleine lederne Nase in die Luft gestreckt, auf der Suche nach seiner Mutter. Doch die war nicht mehr da. Ich war jetzt da, ich hielt ein Leben in den Händen, ein kleines, aber nicht weniger wertvolles Leben. In Florida war es auch im Dezember noch warm, 28°C und Sonnenschein. Ich war nicht in winterlicher Stimmung, die Lichterketten und Weihnachtskugeln wirkten fehl am Platz, und auch die Weihnachtslieder irritierten mich eher, als dass sie Vorfreude auf die kommenden Feiertage in mir auslösten. Ich hatte kein Festtagsgefühl, als ich mein Findelkind in den Händen hielt, und doch hatte der Moment etwas Magisches, als es mit seinen Pfötchen meinen Finger umschloss und leise zu schnurren begann. Immer wieder wärmte ich Baumwolltücher in der Mikrowelle auf und wickelte den jungen Waschbären darin ein, denn er war unterkühlt und geschwächt. Aber nach einiger Zeit fing er an, sich zu bewegen, strampelte sogar ein bisschen, und ließ sich mit speziell angerührter Milch füttern. Danach beruhigte er sich, der Bauch war kugelrund, und er schnurrte noch ein bisschen, bevor er einschlief.

 

„Schon nach den ersten Tagen zerstreuten sich meine Zweifel.“

 

An diesen Moment werde ich mich noch sehr lange erinnern, weil er so besonders war und ich etwas Vergleichbares in Deutschland wohl nie erlebt hätte. Während sich mein kleiner Waschbär, eingekuschelt in haufenweise Decken und Tücher, von den vergangenen Stunden erholte, ließ ich noch einmal die vergangenen Monate Revue passieren: Mich bewegten unterschiedliche Gründe, den Winter in Florida zu verbringen. Da war die Ungewissheit, was ich studieren sollte, da war meine Abneigung den kalten Tagen gegenüber und da war mein Wunsch, irgendwann einmal amerikanischen Boden zu betreten. Im Herbst fügte sich plötzlich alles. Ich setzte ein Anschreiben an die Organisation auf, füllte ein paar Formulare aus, und ehe ich mich versah, saß ich im Flugzeug Richtung Südflorida. Mit mir reiste immer noch die Unsicherheit: „Wird es mir dort gefallen? Werde ich mich mit meiner Gastfamilie verstehen? Wie wird es mit der Verständigung funktionieren?“ Fragen über Fragen kreisten in meinem Kopf. Aber schon nach den ersten Tagen zerstreuten sich meine Zweifel, die Amerikaner empfingen mich mit offenen Armen und freuten sich sichtlich über mein Kommen. Meine Gastfamilie bestand aus meiner Gastmutter Jenny*, ihrem Mann Tom* und meiner Gastschwester Sarah*, die ebenfalls aus Deutschland kam und beim Projekt im Wildlife-Center mithalf. Jenny leitete das Center, dessen Aufgabe es war, verletzte und verwaiste Wildtiere aufzunehmen, gesund zu pflegen oder großzuziehen und, wenn möglich, wieder auszuwildern.

 

Drei Monate lang gingen Sarah und ich ihr bei der Arbeit zur Hand und sammelten dabei nicht nur Erfahrungen in der Tierpflege. In den ersten Tagen war ich noch recht zurückhaltend, aber schnell fühlte ich mich in meiner Gastfamilie wohl und versuchte häufiger, mich aktiv an den Gesprächen zu beteiligen. Das wurde mit der Zeit immer leichter, und einige Wörter fallen mir jetzt immer noch schneller auf Englisch als auf Deutsch ein – gekochte Eier sind „boiled eggs“ für mich, eine Spritze eine „injection“ und Schildkröten „turtles.“ Als ich zum ersten Mal ein Waschbär-Junges sah, schmiss ich förmlich mit den Worten „cute“ und „sweet“ um mich, immer wieder von „ooohhh“-Rufen unterbrochen, wenn eines der Tiere mich mit seinen Pfoten abtastete. Ebenso faszinierten mich aber auch die vielen anderen exotischen Tiere, die ich in Florida kennenlernen durfte. Dazu zählten allen voran die Opossums, die sich, typisch für Beuteltiere, gern in die Tasche meines Pullovers zu einem kleinen Schläfchen zurückzogen. Wir arbeiteten außerdem mit Papageien, Schlangen, Präriehunden, Schildkröten, Geiern, Echsen und vielen weiteren Tieren, die im Wildlife-Center ein neues Zuhause gefunden hatten. Sarah und ich verbrachten meistens den ganzen Tag im Wildlife-Center. Vormittags arbeiteten wir viel, putzten Käfige, bereiteten das Futter für die Tiere zu und versorgten sie mit Medikamenten.

 

Freiwilligenprojekt Florida Wildlife-Center USA

 

Danach folgte eine ausgedehnte Mittagspause in der Sonne. Das Beste daran war, dass in der Küche ein randvoll mit Süßigkeiten gefüllter Schrank für die „volunteers“, die freiwilligen Helfer, stand, aus dem wir uns nehmen konnten, was wir wollten. Eines musste ich den Amerikanern wirklich lassen: Die Chocolate Chip Cookies waren göttlich! Bessere Kekse hatte ich vorher wirklich noch nie gegessen – und mehr Kekse wahrscheinlich auch nicht. Sarah und ich hatten nach einer Woche das ganze Team, das hauptsächlich aus den „volunteers“ bestand, kennengelernt. Wir verstanden uns mit den Leuten wirklich prima, und so lieferten wir uns bei den Putzarbeiten Wasserschlachten oder sangen im Chor mit den Papageien. Leider lernten wir wenige Gleichaltrige kennen, denn die meisten, die wir trafen, waren entweder jünger als wir, sodass sie noch zur High School gingen und wenig Zeit hatten, oder sie waren schon um einiges älter. Manchmal war das schade, doch Sarah und ich verstanden uns richtig gut und es war, als hätte ich plötzlich eine Schwester, mit der ich durch dick und dünn ging. Wir konnten stundenlang quatschen und lagen abends zusammen im Bett und schauten Soap-Serien, während wir tonnenweise Eis futterten. Auch mit Jenny und Tom funktionierte das Zusammenleben gut. Jenny erzählte uns viel über die Flora und Fauna Amerikas. Sie sprach immer voller Leidenschaft von den Vögeln, von den Blumen, von der Natur um uns herum.

 

Tom hatte andere Interessen, er lud uns in die unterschiedlichsten Restaurants ein, fuhr uns überall hin, schaute mit uns Football und wollte alles über die deutsche Kultur wissen. Beinahe täglich fielen ihm neue Fragen über uns Deutsche ein – ob wir Strände hätten, welche Autos wir fuhren, wie das Wetter sei, ob wir in Bungalows oder mehrstöckigen Häusern wohnten … Tom fragte und fragte, und so wurde nicht nur Sarahs und mein Englisch immer besser, sondern auch die Beziehung zu unseren Gasteltern. Wir wollten das amerikanische Leben voll auskosten und so bummelten wir nach der Arbeit durch die großen Einkaufszentren, einen Kaffee von Starbucks in der Hand, und ließen uns von den Rabatten bei American Eagle Outfitters, Footlocker oder Hollister verführen. Abends gingen Tom und Jenny dann mit uns Burger essen und danach schlenderten wir manchmal durch die Innenstadt und bestaunten „Glitter“ und „Glamour“ der Clubs und Bars. An den Wochenenden hatten Sarah und ich immer frei, sodass wir unsere lange Liste von Orten und Dingen, die wir noch sehen und machen wollten, jede Woche weiter abarbeiten konnten. Drei Monate erschienen uns zuerst lang („Ach, das können wir ja nächsten Monat machen, wir haben doch noch Zeit!“), aber letztendlich rasten sie nur so an uns vorbei. Wir fuhren mit einem Airboat durch die Everglades und beobachteten wild lebende Alligatoren aus nächster Nähe – dabei wusste ich nicht so recht, ob mich diese nun faszinieren oder gruseln sollten, wie sie da so still im Wasser lagen und doch jede Bewegung des Bootes genau beobachteten.

 

Wir erkundeten Key West, den südlichsten Punkt Nordamerikas, und aßen die traditionellen Spezialitäten wie den Limettenkuchen „Key Lime Pie“ und „Conch Fritters“ aus Meeresschnecken, die uns überraschend gut schmeckten. Jenny und Tom fuhren mit uns quer durchs Land von der Ost- an die Westküste, sodass wir die Sonne auch einmal über dem Meer untergehen sehen konnten. Sarah und ich machten Fort Lauderdale und Miami unsicher, gingen ins Kino und besuchten eines der größten Outlets Amerikas. Das Highlight war aber unsere dreitägige Kreuzfahrt auf die Bahamas. Wir badeten nicht nur im türkisblauen Wasser, sondern fuhren auch Jet-Ski und drückten dabei das Gaspedal voll durch. Wir waren zur Weihnachtszeit in Südflorida und es war wirklich ein komisches Gefühl, mitten im Dezember am Strand zu liegen. Unsere Gastmutter war ganz verrückt nach kleinen Weihnachtsmann-Figuren, Baumkugeln, Engeln und wirklich allem, das auch nur im entferntesten Sinne an das Fest der Liebe erinnerte. Daher musste natürlich auch ein großes Weihnachtsfest gefeiert werden. Genau genommen feierten wir gleich dreimal: im Wildlife-Center, nach deutscher Tradition am 24. Dezember und nach amerikanischer Tradition am 25. Dezember. Schon Wochen vorher begann Jenny einen regelrechten Backmarathon mit Chocolate Chip Cookies, Ingwer-Plätzchen, Minze-Schokoladen-Keksen und Marshmallow-Schoko-Konfekt. Sarah und ich steuerten noch Vanillekipferl und Bayerische Busserl bei, die die Amerikaner geradezu verschlangen. Ich weiß nicht, wie oft wir Kekse nachbacken mussten.

 

„Alles war so aufregend und neu, dass für Heimweh oder Sehnsucht gar keine Zeit blieb.“

 

Bevor ich losflog, hatte ich mir Sorgen gemacht, wie ich die Feiertage in Amerika ohne Freunde und Familie überstehen würde. Doch letztendlich ging es mir viel besser als gedacht, da alles so aufregend und neu war, dass für Heimweh oder Sehnsucht gar keine Zeit blieb. Mit Jenny sahen wir uns an Heiligabend einen romantisch-kitschigen Weihnachtsfilm an und bereiteten eine Erdbeer-Sekt-Bowle zu. Mit Tom gingen wir am nächsten Tag in die Kirche und machten Glühwein. Es war immer etwas los, und dann kam auch schon Silvester. Sarah und ich waren an dem Abend ein bisschen enttäuscht, denn wir waren beide unter 21 Jahre alt und somit in Amerika noch minderjährig. Deshalb feierten wir Silvester im kleineren Rahmen zu Hause, doch ein paar bunte Raketen sahen wir trotzdem. Natürlich fassten wir auch gute Vorsätze für das kommende Jahr, an die ich mich aber schon nicht mehr erinnern kann – „weniger Süßigkeiten essen“ strichen wir jedenfalls bereits am nächsten Tag von der Liste. Und so schnell, wie ich im Flugzeug Richtung Amerika gesessen hatte, stand ich auch wieder am Flughafen auf dem Weg zurück nach Deutschland. Mein Koffer quoll über von Klamotten, aber ich nahm auch jede Menge schöner Erinnerungen mit.  Einerseits freute ich mich auf meine deutsche Familie und meine Freunde, andererseits machte es mich traurig, zu wissen, dass ich meine amerikanische Familie nun nicht mehr jeden Tag um mich haben würde. Doch es heißt nicht umsonst: „Man sieht sich immer zweimal im Leben“. Das wird bestimmt nicht mein letzter Besuch in den USA gewesen sein. Ich habe in Florida ein zweites Zuhause gewonnen und weiß, dass dort irgendwo ein kleiner Waschbär durch die Wälder zieht, der einmal in meine Handfläche gepasst hat.
* Namen geändert.

 

Lisa Schnaidt, 21, studiert Multimedia Production an der FH Kiel. Sie plant auch schon ein Auslandssemester, weil sie gerne wieder „losziehen“ möchte. Sie spart für eine weitere Reise in die USA und hat nach wie vor Kontakt zu ihrer Gastfamilie aus Florida.

 

 

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