Donnerstag, 27. Juli 2017
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China: Unterrichten - Englischlehrer

 

Text von Cornelia Doppler, erschienen in:

(Nix für) Stubenhocker. Die Zeitung für Auslandsaufenthalte, Nr. 6 / 2016, S. 53-54

 

120 chinesische Namen

Schauspielkunst im Englischunterricht

 

Englischunterricht China

 

„Ich mach noch einmal Schnitzel für dich, dort bekommst du vermutlich ohnehin nur Reis.“„Aber du sprichst doch gar kein Chinesisch, wie willst du denn mit den Menschen reden?“ „Ganz alleine? Du bist aber mutig!“ Solche und ähnliche Sätze hörte ich oft genug, wenn ich von meinen Plänen erzählte, zwei Monate lang Englisch an einer chinesischen Schule außerhalb von Peking zu unterrichten. Und um ganz ehrlich zu sein, hatte ich selbst ein paar Mal ein mulmiges Gefühl im Bauch, wenn ich an das bevorstehende Abenteuer dachte, obwohl ich bereits mehrmals länger im Ausland gewesen war. Doch bisher waren es mit den USA, Australien und Hongkong englischsprachige Destinationen gewesen, China war also eine neue, in meinen Augen etwas größere Herausforderung. Mit dem Online-TEFL-Kurs erwarb ich das Zertifikat für Englischlehrer, und zusammen mit meinen Kenntnissen aus dem Wirtschaftspädagogik-Studium fühlte ich mich durchaus der Aufgabe gewachsen, chinesischen Schülern etwas Englisch beizubringen. Dennoch wurde ich ein paar Tage vor dem Abflug immer wieder mitten in der Nacht wach, weil ich von sehr peinlichen und unangenehmen Situationen träumte. Und ich sollte auch einige Überraschungen erleben – doch Gott sei Dank waren sie weder peinlich noch unangenehm. Nach der reibungslosen Ankunft in Peking machte sich große Erleichterung in mir breit. Ich wurde sogar mit einem Schild empfangen, auf dem mein Name stand. Darüber war ich auch sehr froh, weil ich die Lehrerin, von der ich nur ein verschwommenes Foto gesehen hatte, vermutlich nicht in der chinesischen Menschenmenge wiedererkannt hätte.

 

„Sechs verschiedene Klassen durfte ich unterrichten.“

 

Nach einem halben Tag Eingewöhnung am Campus, den ich für die nächsten zwei Monate mein Zuhause nennen konnte, ging es dann schon in die Klassen. Sechs verschiedene durfte ich unterrichten, insgesamt waren es etwas mehr als 120 Schüler, und das bedeutete 120 chinesische Namen. Daher war ihre erste Aufgabe, ein Namensschild mit ihrem englischen Namen zu basteln, damit ich auch nur den Ansatz einer Chance hatte, sie direkt anzusprechen. Alle Chinesen suchen sich normalerweise einen englischen Namen aus, damit Nicht-Chinesen es einfacher haben. Bei einigen musste ich jedoch etwas grinsen – die Einfälle reichten von Apple über Barbie bis Handsome. Wenn mich nach meiner Rückkehr jemand fragte, wie denn der Unterricht so war, fiel mir als Erstes immer folgende Geschichte ein: Ich veranstaltete eine Stunde zu dem Satz „my favorite … is …“. Unter anderem sammelten wir so viele Tiernamen wie möglich. Als der Ideenfluss etwas nachließ, wollte ich meinen Schülern mit ein paar Hinweisen auf die Sprünge helfen und fing an, mit ausgestreckten Armen, großen Flügelschlägen und tollem Vogelgesang durch die Klasse zu „fliegen“. Von allen Seiten grinsten mich die Schüler an, doch keiner nannte die richtige Antwort. Stattdessen fingen ein paar von ihnen in den vorderen Reihen an, „miao“ zu rufen. Auch wenn viele Dinge in China anders tickten – ein Vogel machte selbst hier bestimmt nicht „miao“.

 

Nachdem ich versucht hatte, abwechselnd die Geräusche von Vögeln und Katzen nachzumachen, war die Verwirrung komplett, sowohl bei den Schülern als auch bei mir. Erst nach ein paar Minuten ging einem Schüler ein Licht auf, und ich wurde aufgeklärt, dass das chinesische Wort für Vogel so klingt wie das „miao“ einer Katze. Diese Übersetzung werde ich wohl niemals vergessen. Immer im Gedächtnis bleiben wird mir auch die Strategie eines Schülers, für den Englisch nicht zu den Lieblingsfächern zählte. Dementsprechend konnte er nur wenig Englisch, ich wollte ihn aber trotzdem motivieren und stellte ihm deshalb immer wieder einfache Fragen. Die Standardantwort von demotivierten Schülern wäre vermutlich gewesen: „Das kann ich nicht.” Der Schüler in der vorletzten Reihe überraschte mich jedoch mit seiner Antwort. Er grinste mich an und sagte: „I don’t understand what you say but you are so beautiful.”Ich war kurzzeitig sprachlos, grinste dann aber zurück und ließ seine Antwort gelten. Ich nahm ihm tatsächlich ab, dass er mich nicht verstanden hatte, und wollte seine Anstrengungen honorieren, wenigstens diesen einen Satz perfekt auszusprechen. Außerdem freute ich mich über das Kompliment, dass ich so hübsch sei. In den zwei Monaten lernte ich zum einen, alle möglichen, noch so eigenartigen Handzeichen und Kritzeleien zu entziffern, und zum anderen den Einsatz von Körper- und Zeichensprache vor einer größeren Anzahl von Personen. Es kam nicht selten vor, dass ich mich in den Klassen schauspielerisch austobte, um beispielsweise unterschiedliche Berufe darzustellen. Die zeichnerisch größte Herausforderung waren die Unterwasserlebewesen, die wir durchnahmen – wie sollte ich auf Anhieb ein Seepferdchen oder einen Clownfisch richtig zeichnen?

 

„Ich fühlte mich bei den Dreharbeiten sehr exotisch.“

 

Anderssein fällt auf, das ist klar. Der Mensch schaut nun mal hin, wenn jemand besonders groß, dünn oder – wie in meinem Fall – außergewöhnlich blond ist. Durch mein mitteleuropäisches Aussehen mit blonden Haaren und heller Haut wurde ich an einigen bekannten Touristenspots das Highlight für manche Chinesen und ziere vermutlich chinesische Fotoalben auf Hunderten von Bildern. Aber mein Aussehen war nicht nur an den Wochenenden für Chinesen interessant, sondern wurde auch von der Schule genutzt, um mit einem ausländischen Lehrer zu werben. Zusätzlich zu einem kurzen Fotoshooting in einer Klasse zu Anfang meines Aufenthalts wurde in meiner letzten Woche ein kompletter Film gedreht. Zwei Tage waren voll mit Terminen, bei denen jeweils kurze Filmsequenzen gedreht wurden. Eine knappe Stunde stand ich für ein paar Einführungssätze vor der Schule, danach musste ich mich für die Teezeremonie umziehen, dann wurde ich in einem wiederum neuen Outfit zwei Stunden lang in der Klasse gefilmt. Daraus entstanden einige Stunden Filmmaterial, aus denen ein 15-minütiges Werbevideo geschnitten wurde, das hoffentlich viele neue Schüler anzieht. Ich fühlte mich bei den Dreharbeiten sehr exotisch, als das Aushängeschild schlechthin.

 

Sehr spannend war dabei, die Liebe zum Detail – oder vielleicht passender den Perfektionswahn – mitzuerleben, den die Chinesen beim Filmen an den Tag legten. Für die Szene in der Klasse gingen wir in einen neuen Raum, die Tische wurden genau in Reih und Glied angeordnet, die Namensschilder mussten perfekt mit der Tischkante abgestimmt werden und die Bücher dann wiederum perfekt mit den Namensschildern in einer Reihe liegen. Die Schüler wurden umgesetzt: die hübscheren in die erste Reihe, die unruhigeren nach hinten. Ich wurde gebeten, meine schöneren Schuhe anzuziehen. Die Dreharbeiten waren definitiv ein Ereignis, das ich nicht missen möchte und das man in der Form vermutlich auch nur in China miterleben kann. Wenn ich nicht gefilmt wurde, unterrichtete oder unterwegs war, versuchte ich mich an der chinesischen Sprache. Der „Student-Manager“ und einige Schüler versuchten dreimal die Woche beim Teetrinken, mir ein paar Wörter und Satzkonstruktionen beizubringen. Die Strategie „Was willst du denn lernen?“ ohne Buch und ohne gemeinsame Sprache als Grundlage war allerdings nicht die vielversprechendste. Doch auch wenn ich nicht allzu viel davon mitnahm, war es jedes Mal sehr lustig. Das war vor allem auf meine Aussprache zurückzuführen, über die sich die Schüler gerne amüsierten. Chinesisch hat im Gegensatz zu Deutsch auch Tonlagen, das heißt, es macht einen Unterschied, wie man eine Buchstabenfolge betont, und das ändert auch sofort die Bedeutung des Wortes. Beispielsweise können die beiden Buchstaben „ma“ je nach Betonung vier unterschiedliche Dinge bedeuten. Ich habe daher großen Respekt vor jedem, der Chinesisch lernt.

 

Leider vergehen Auslandsaufenthalte immer viel zu schnell, und deshalb kam auch in China bald der Moment des Abschieds. Die letzten Stunden am Campus waren von traurigen Gesichtern geprägt, und viele Schüler klopften an meine Tür, um sich noch ein letztes Mal zu verabschieden. Einige drückten mir ganz schüchtern kleine Geschenke in die Hand. Es waren auch viele Botschaften dabei, dass sie mich vermissen würden, dass ich wiederkommen solle und dass sie hofften, ich würde „happy as a chopstick“ sein. Was „glücklich wie ein Essstäbchen“ genau bedeutet, weiß ich bis heute nicht, aber ich vermute, dass es ein nettes chinesisches Sprichwort ist. Rückblickend durfte ich in China unglaublich viele Erfahrungen sammeln, sowohl positive als auch negative. Aber nichts davon bereue ich und ich kann nur jedem empfehlen, den Schritt zu wagen und sich einer neuen Herausforderung in einem anderen Land zu stellen. Dabei spielt es keine Rolle, ob dies in China oder in einem anderen Land ist – man erlebt Dinge, die man zu Hause für unmöglich gehalten hätte und die einen das ganze Leben lang begleiten werden.

 

Cornelia Doppler, 25, studiert in Wien Wirtschaftspädagogik. Für ein Semester hat sie pausiert, um durch Süd- und Mittelamerika zu reisen und ihr Spanisch zu verbessern. Ihre Leidenschaft fürs Reisen möchte sie in irgendeiner Form zu ihrem Beruf machen.

 

 

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