Donnerstag, 27. Juli 2017
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China: Semester - Auslandsstudium - Peking

 

Text von Caroline Bartel, erschienen in:

(Nix für) Stubenhocker. Die Zeitung für Auslandsaufenthalte, Nr. 5 / 2015, S. 58-59

 

Fahrradfahren in Peking

Von Smogwolken, Prüfungen und singenden Chinesen

 

Nach nur einem Jahr meines Sinologie-Studiums an der Universität Wien wusste ich zwar einiges über die chinesische Kultur, doch so richtig konnte man ein Land und seine Menschen ja erst kennen, wenn man es mit eigenen Augen gesehen und hautnah erlebt hatte. Ich war noch nie zuvor in Asien gewesen, daher hatte ich nicht den blassesten Schimmer, was mich erwarten würde, als ich mich auf den Weg machte, um ein Semester an der Peking Universität in der Hauptstadt Chinas zu studieren. Es wurde das bisher größte Abenteuer meines Lebens. Angekommen in Peking, war ich überwältigt. Das lag jedoch nicht an dem Kulturschock oder an der Aufregung über den Beginn meines Auslandsaufenthalts, sondern an der dicken Smogwolke, die mir entgegenkam. Draußen war es brütend heiß, der Himmel war jedoch grau, die Luft roch dreckig und man sah die Wolkenkratzer ab dem fünften Stock im Nichts verschwinden. Das änderte sich zum Glück in den nächsten Tagen, die Sonne blitzte ab und zu durch und schließlich wechselten sich Nebeltage und Sonnenschein weitgehend ab.

 

"Für 30 € ergatterte ich ein verrostetes, quietschendes Zweirad."

 

Während der ersten Wochen in der 20-Millionen-Einwohner-Stadt war alles neu und aufregend für mich, selbst die fünfminütige Busfahrt zur Universität oder die Essensbestellung am Straßenstand um die Ecke. Nach und nach lernte ich meine Umgebung kennen und lieben. Ich begann, mir die Straßennamen und U-Bahn-Stationen zu merken und durchschaute allmählich, wie Preisverhandlungen auf chinesischen Märkten funktionierten. Die vielleicht wichtigste Errungenschaft war ein Fahrrad – für 30 € ergatterte ich ein verrostetes, quietschendes Zweirad – und ich liebte es. Von diesem Zeitpunkt an radelte ich jeden Tag froh und munter zur Universität. Obwohl ich nur zehn Minuten entfernt wohnte, wurde jede Fahrt zum Abenteuer, denn in China schienen die Menschen eine etwas andere Auffassung von Ampeln zu haben, als ich es aus Wien gewohnt war. Eine gelbe Farbe gab es gar nicht, bei Grün durfte man fahren und bei Rot konnte man stehen bleiben, jedoch erhielt ich mitunter komische Blicke, wenn ich plötzlich anhielt. Es kamen als viele ungewohnte Situationen auf mich zu, auf die ich mich aber einigermaßen schnell einstellte.

 

Zwei Dinge gab es jedoch, an die ich mich nur langsam gewöhnen konnte: Zum einen war es die Musik, die aus Lautsprechern außerhalb der Geschäfte dröhnte, und da auf chinesischen Hauptstraßen ein Laden neben dem anderen angesiedelt ist, wurden meine Ohren gleichzeitig mit Britney Spears, den Backstreet Boys und K-Pop, einer koreanischen Girlgroup, konfrontiert. Anfangs tänzelte ich noch amüsiert an den Geschäften vorbei, sehr zur Unterhaltung einiger Passanten, doch nachdem der Alltag sich eingestellt hatte, war ich nach so manchem anstrengenden Tag zugegebenermaßen genervt von der "Oops, I did it again"-Schleife vom Geschäft unter meiner Wohnung. Zum anderen wurde überall und ununterbrochen auf die Straße gespuckt, vorwiegend auf Gehwegen. Dabei ging es nicht darum, etwaige Kirschkerne loszuwerden, nein, das Spucken wurde in China zelebriert. Als Zielobjekt galten dabei meistens die Füße fremder Menschen. Da musste ich auf dem Rad schon aufpassen, nicht von dem Fahrradfahrer vor mir getroffen zu werden. Abgesehen von diesen kleinen Unannehmlichkeiten konnte mich jedoch nichts wirklich aus der Fassung bringen. Und um ganz ehrlich zu sein, selbst an das Spucken gewöhnte ich mich bis zu dem Zeitpunkt meiner Heimreise.

 

Auslandssemester Peking Auslandsstudium China

 

Eine chinesische Angewohnheit, die mir um einiges angenehmer in Erinnerung blieb und die ich mir zu eigen machte, war das Singen. Chinesen singen immer und überall: in der U-Bahn, auf dem Weg zum Gemüseverkäufer und beim Radfahren. Ich liebte es, auf der Straße vor mich hin zu summen und zu singen, ohne verwunderte oder gar empörte Blicke auf mich zu ziehen. Zelebriert wurde das Ganze beim sogenannten "KTV", was so viel bedeutet wie Karaoke. Die Chinesen gehen zwar kaum aus, abends versammelt man sich aber häufig in "KTV"-Clubs, mietet sich einen Raum und singt alles von chinesischen Schnulzen bis zu amerikanischen Pop- und Rocksongs. Anfangs war ich etwas skeptisch, doch mit der Zeit entwickelte ich eine ausgeprägte Begeisterung für "KTV" und so begann manch ein Freitagabend im "KTV"-Club um die Ecke. Als das Ende des Sommersemesters nahte, lernte ich einen weiteren Aspekt der chinesischen Kultur kennen: das Lernen. Die Lehrer waren zwar an das etwas andere Lernverhalten der ausländischen Studenten gewöhnt, was sie trotzdem nicht davon abhielt, uns am eigenen Leibe spüren zu lassen, was chinesische Schüler ihr ganzes Leben lang durchmachten. Es wurden chonungslos Vokabeln und Grammatik geprüft, wir mussten Referate halten, und in der Freizeit versuchten wir alle mehr oder weniger erfolgreich, uns die gelernten Schriftzeichen der vergangenen Monate wieder in Erinnerung zu rufen.

 

Nach den größtenteils erfolgreichen Prüfungen ging es für uns ans Reisen. Ich wollte gemeinsam mit einem amerikanischen Freund das ländliche China erforschen, in dem 80% der Chinesen unter teilweise ärmsten Bedingungen leben. Während des Semesters hatte ich bereits einige Kurztrips in verschiedenste Teile Chinas unternommen, zum Beispiel in den hohen Norden, die Innere Mongolei, zur Chinesischen Mauer und nach Shanghai und Qingdao. Nun ging es für meinen Wegbegleiter und mich in den Süden von Hongkong über Yangshuo bis nach Yúnnán. Angekommen in Hongkong, traf mich erstmal der Schlag. Nach den breiten Wegen und der Weite Pekings fand ich mich nun in einer Tropenstadt mit engen Straßen und Doppeldeckerbussen wieder. Hongkong ist wohl die aufregendste Stadt, die ich bisher bereist habe. Traditionelle kantonesische Kultur mit buddhistischen Tempeln trifft hier auf eine moderne, atemberaubende Skyline. Mit einem Gefühl, als wäre ich Darstellerin in einem Jackie-Chan-Film, wanderte ich durch die Stadt und konnte kaum genug bekommen.

 

"Ich fühlte mich wie im Paradies."

 

Wir verbrachten noch einige Tage in Hongkong, doch dann konnte ich meine Reise ins ländliche China kaum noch erwarten. Nach einer nächtlichen Zugreise und einer weiteren einstündigen Busfahrt kamen wir schließlich in Yangshuo an. Die Landschaft in diesem kleinen Ort war einfach überwältigend, geprägt von Bergen mit abgeflachten Gipfeln, Reisfeldern und Flüssen. Ich fühlte mich wie im Paradies. Die Tage in Yangshuo verbrachten wir mit Radfahren am Fluss und durch klitzekleine Bergdörfer. Ich kam aus dem Staunen über die Schönheit der Landschaft erst heraus, als ich mich, überwältigt von der Szenerie, gemeinsam mit meinem Rad in einem Reisfeld liegend wiederfand. Der Radweg war schmal und rutschig, und so geschahen das ein oder andere Mal kleinere Unfälle, welche im Nachhinein als Reiseanekdoten dienten. Für gute Geschichten sorgten auch die unzähligen Übersetzungen vom Chinesischen ins Englische, auf die ich während meiner Reise stieß. Auf Schildern und Speisekarten übersetzten die Chinesen nach Lust und Laune zum Beispiel erhielten wir folgenden Warnhinweis: "Watch out, hugo waves!"

 

Nach Yangshuo in der Provinz Guangxi ging es mit dem Nachtzug weiter in die Nachbarprovinz Yúnnán. Diese ist berühmt für ihren Tee, und so fand ich mich des Öfteren in kleinen Teeläden wieder, um meinen Liebsten zu Hause ein Stück China mitzubringen. Gemeinsam mit unseren neuen chinesischen Freunden, die wir im Hostel kennenlernten, erforschten wir auf dem Fahrrad die unendlichen Weiten Yúnnáns. Bergauf und bergab fuhren wir vorbei an Bergen, kleinen Seen und vor allem Wiesen und Feldern. Die Farbenpracht, die sich uns bot, werde ich mein Leben lang nicht vergessen: knallrote Mohnblumen, gefolgt von gelben Wiesen und Weideflächen. Das Highlight der Reise in Yúnnán war jedoch Shangri-Lah, ein für mich wunderbar spiritueller Ort nahe Tibet. Die Wanderung zum Gipfel eines heiligen Berges war eine tiefgreifende Erfahrung und ließ mich ein wenig tibetische Luft schnuppern. Ein unglaubliches Erlebnis war auch das gemeinsame Tanzen im Mondschein mit den Einheimischen. Danach ging es wieder zurück nach Peking und der weniger schöne Teil meines Auslandsaufenthalts näherte sich: Es folgten unzählige Verabschiedungen und Umarmungen, ich flog zurück nach Hause.

 

Das Ziel meiner Reise, mein Chinesisch zu verbessern, konnte ich ohne Zweifel erreichen. Neben achtzehn Wochenstunden Sprachkurs war ich immerhin ununterbrochen von Chinesen umgeben, und da diese, selbst wenn sie Englisch gelernt hatten, selten den Mut aufbrachten, es auch zu verwenden, war ich von Beginn an gezwungen, mich auf Chinesisch zu verständigen. Das war anfangs sehr hart, doch auf diese Weise verbesserte sich mein Chinesisch im Eiltempo. Je besser ich mich mit meinem Gegenüber verständigen konnte, desto motivierter wurde ich, diese verrückte Sprache zu lernen. Nach einiger Zeit, als ich mich einigermaßen fließend unterhalten konnte, realisierte ich auch, dass die Leute viel offener auf mich zugingen und dass die Taxifahrten auf einmal billiger wurden. Ich war kein Tourist mehr, den man abzocken konnte, ich war nun eine Einwohnerin Pekings, und fühlte mich mehr und mehr zu Hause. Das Wunderbarste an der gesamten Reise waren ohne Zweifel die Freundschaften, die ich schloss. Neben einigen chinesischen Freunden lernte ich an der Universität Menschen aus aller Welt kennen, viele Europäer und Amerikaner, aber auch Studenten aus Neuseeland, Afrika und Südkorea. Nachdem das Semester vorüber war, entschwanden wir alle in die verschiedensten Ecken der Welt. Ich werde mich noch lange an meine Zeit in China erinnern, an die guten und schlechten Tage und an das riesengroße Abenteuer, welches es für mich war.

 

Caroline Bartel, 23, ist bereits ein weiteres Mal für ein Praktikum bei der Österreichischen Botschaft nach China zurückgekehrt. Das nächste Abenteuer ist auch schon in Planung: eine Südafrikareise, um bei einer NGO im Bereich Sustainable Development zu arbeiten.

 

 

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