Geschichte des Schüleraustausch

Eine Geschichte in Bildern, Worten und Zahlen

weltweiser · Geschichte Schüleraustausch

Geschrieben von: weltweiser

Thomas Terbeck, Dr. Michael Weichbrodt

Land: weltweit

Programm: Schüleraustausch

Erschienen in: (Nix für) Stubenhocker.

Die Zeitung für Auslandsaufenthalte,
Nr. 5 / 2015, S. 22-24

Die 15-jährige Kerria ist eine von knapp 7.000 deutschen Austauschschülern, die das Schuljahr 2014/15 in den Vereinigten Staaten von Amerika verbringen. In wenigen Stunden brachte sie ein Flugzeug über den großen Teich und schließlich zu ihrer Gastfamilie nach Salt Lake City, Utah. Ihr Großvater Günther, der im Sommer 1952 als einer der ersten Deutschen zu einem einjährigen Schüleraustausch in die USA aufbrach, benötigte erheblich länger für die Reise. Nach einem Zwischenstopp in Paris ging er im französischen Le Havre an Bord der S.S. United States. Bei durchschnittlich 30,69 Knoten erreichte er nach einer „steaming time“ von vier Tagen, sechs Stunden und 50 Minuten New York City. Günther war Teilnehmer des Austauschprogramms der amerikanischen Hohen Kommission in Deutschland, das deutsche Jugendliche im Rahmen von Demokratisierung und „Umerziehungsmaßnahmen“ für ein Jahr in die USA entsandte.

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Doch die Geschichte des Schüleraustauschs geht noch weiter zurück. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, und somit noch vor den beiden großen Kriegen, veranstalteten die Pfadfinder und ähnliche Organisationen ihre ersten internationalen Jugendlager. Aber auch die grundsätzliche Idee des Schüleraustauschs war bereits vor dem Ersten Weltkrieg existent. Das Berliner Komitee für den internationalen Schüleraustausch entsandte in den Jahren 1910-1912 laut seinem Jahresbericht 125 Schüler nach England und Frankreich, und beklagte sich schon damals, dass mehrmonatige Auslandsaufenthalte noch zu wenig verbreitet seien. Zu der Zeit schien der Austauschgedanke insbesondere im Handel verwurzelt zu sein: Rund die Hälfte der 54 Austauschschüler des Jahres 1912 waren Kinder von Kaufleuten. Diese Branche war schon aus wirtschaftlichem Interesse auf internationale Kontakte und Sprachkenntnisse angewiesen und daher von jeher stark transnational vernetzt. Die anderen kamen aus Familien von Lehrern, Beamten, Professoren, Ärzten und Pastoren.

 

In der Zwischenkriegszeit gab es dann die ersten Programme einiger bis heute tätiger Schüleraustauschanbieter. Diese frühen Austauschprogramme waren allerdings Kurzzeitformate oder für Gruppen bzw. Studenten ausgelegt. Deutlich weniger bekannt, aber umso interessanter ist die Tatsache, dass es auch zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und Polen in den Jahren von 1935-1937 einen Jugendaustausch gab. Dieser fand im Rahmen von Begegnungen zwischen polnischen Pfadfindern und der deutschen Hitlerjugend statt. Der politische Hintergrund war hier die vorübergehende Annäherung Deutschlands an Polen nach der Unterzeichnung der Nichtangriffserklärung. Dieses Kuriosum der Geschichte macht deutlich, dass Jugendaustausch keine „politikfreie Zone“ ist, sondern unterschiedlichen politischen Interessen untergeordnet werden kann.

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„In den 70er Jahren kamen weitere, zunächst noch kleine Austauschorganisationen hinzu.“

Das erste individuelle Langzeitschüleraustauschprogramm wurde im Jahr 1948 vom American Field Service durchgeführt. Schon 1951 kam das oben genannte Programm der amerikanischen Hohen Kommission in Deutschland hinzu. Aus den Rückkehrern formierte sich einige Jahre später das Deutsche Youth for Understanding. 1960 begann der Rotary Jugenddienst mit einer kleinen Anzahl von Austauschschülern ein Programm auf Gegenseitigkeit. In den folgenden Jahren entstanden Austauschprogramme auch aus dem politischen Wunsch nach einer stärkeren Annäherung zweier Staaten. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks im Jahr 1963. Bis etwa 1970 blieben die Anbieter von Langzeitprogrammen auf die genannten Organisationen beschränkt. Zusammen entsandten sie im Jahr 1950 mehr als 300 Austauschschüler, 1970 waren es bereits knapp 500. In den 70er Jahren kamen weitere, zunächst noch kleine, ehrenamtlich organisierte Austauschorganisationen hinzu. Ende der 70er hatte sich die Anzahl der Austauschschüler bereits verdoppelt.

 

In den 80er Jahren gab es mit der Gründung einer ganzen Reihe von Anbietern eine neuartige Entwicklung, denn erstmalig waren jetzt auch privatwirtschaftlich organisierte Firmen im Schüleraustausch tätig. 1985 entsandten 12 Organisationen etwa 1900 Schüler, 1990 waren es bereits 24 Anbieter und geschätzte 3400 Teilnehmer. In den 90er Jahren fand eine Diversifizierung der möglichen Gastländer statt. Der Fokus lag dabei auf den englischsprachigen Ländern Australien, Großbritannien, Irland, Kanada und Neuseeland sowie Westeuropa und Lateinamerika. Einzelne Anbieter nahmen in dieser Zeit auch osteuropäische und asiatische Länder ins Programm auf. Vielschichtiger wurde in dieser Phase auch die Motivation der Programmteilnehmer. Stand lange Zeit die Völkerverständigung klar und mit weitem Abstand im Vordergrund aller Überlegungen, rückten nunmehr auch das interkulturelle Lernen, der Nutzen für die Persönlichkeitsentwicklung und der Fremdsprachenerwerb in den Fokus. Gerade in den letzten Jahren wurde leider für eine zunehmende Zahl von Schülern der „Lebenslaufbau“ für spätere Karrierepläne zum wichtigsten Beweggrund für ein Auslandsjahr, eine Motivation, die der Vielschichtigkeit von Schüleraustauschprogrammen nur sehr bedingt gerecht wird.

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In den 90er Jahren wuchsen auch die Teilnehmerzahlen stark an. 1995 waren es bereits knapp 7000, im Jahr 2001 gab es einen Höchststand von knapp 14.000 Schülern, die von über 40 Organisationen und staatlichen Stellen entsandt wurden. Danach folgte ein leichter Einbruch, der vor allem durch einen Rückgang der Teilnehmer in den USA zustande kam. Es ist zu vermuten, dass dies unter anderem auf die Geschehnisse des 11. September 2001 und der darauffolgenden Politik der Regierung um George W. Bush zurückzuführen ist. Auch im Tourismusgeschäft war in diesem Zeitraum ein deutlicher Einbruch zu spüren. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass die Gastschülerzahlen zwar gerade seit Mitte der 2000er wieder deutlich anstiegen, die USA seitdem aber nie wieder den früheren Stellenwert unter deutschen Austauschschülern erreichten. Zwar blieben die USA weiterhin mit großem Abstand das Gastland Nr. 1 nicht nur für deutsche Austauschschüler, aber insbesondere die anderen englischsprachigen Länder gewannen vergleichsweise deutlich hinzu. In den letzten Jahren waren sogar erstmals insgesamt mehr Schüler in anderen Ländern zu Gast als in den USA. Die Vereinigten Staaten nehmen somit derzeit nicht mehr die absolute, sondern nur noch die relative Mehrheit der deutschen Teilnehmer auf.

 

Für das Schuljahr 2014/2015 konnten im Rahmen der jährlichen Erhebung von weltweiser knapp 14.000 Jugendliche gezählt werden, die als Teilnehmer einer deutschen Austauschorganisation für mindestens drei Monate eine öffentliche Schule im Ausland besuchen. Berücksichtigt man auch staatliche Austauschprogramme, Schulaufenthalte an Privatschulen und weitere Angebote, so dürfen in diesem Schuljahr insgesamt über 18.000 deutsche Jugendliche im Rahmen eines langfristigen Schüleraustauschprogramms Erfahrungen sammeln. Laut unseren Hochrechnungen sind seit 1948 rund 330.000 bis 350.000 deutsche Jugendliche für drei Monate bis ein Schuljahr ins Ausland gegangen und haben die Möglichkeit genutzt, tief in eine andere Kultur einzutauchen – und schließlich Teil von ihr zu werden. So unterschiedlich die individuellen Eindrücke und Prägungen jedes einzelnen Programmteilnehmers auch sind, einig wären sich Günther, Kerria und alle anderen Austauschschüler, egal welcher Nationalität, wohl in folgendem Punkt: Die Teilnahme an einem langfristigen Schüleraustauschprogramm ist eine einzigartige Erfahrung, von der man sein ganzes Leben lang profitiert. Das zentrale Moment ist jedoch die erfahrene Gastfreundschaft, die aus Fremden Freunde fürs Leben macht.

Weitere Informationen, Zahlen und Trends zum Schüleraustausch findet man in der weltweiser-Studie.

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