Als Pflegerin im Schildkrötenprojekt in Sri Lanka

Mit dem Tuk-Tuk durch Sri Lanka

weltweiser · Freiwillige am Strand von Sri Lanka

Geschrieben von: Malina Nwabuonwor

Land: Sri Lanka

Aufenthaltsdauer: 3 Monate

Programm: Freiwilligenarbeit

Erschienen in: (Nix für) Stubenhocker.

Die Zeitung für Auslandsaufenthalte,
Nr. 5 / 2015, S. 47-48

Ich muss ehrlich zugeben, ich wusste vor meiner Reise nicht viel über Sri Lanka. Ich hatte gehört, die im Indischen Ozean gelegene Insel hätte die Form einer Träne, oder – weniger emotional – eines Tropfens. Ich hatte dem Land die Attribute „exotisch“ und „traumhaft“ zugemessen und dabei an Werbeplakatstrände von Reisemagazinen gedacht. Sri Lanka war jedoch viel mehr, wie ich bei meinem Volontäraufenthalt bei einem Schildkrötenprojekt erleben durfte.

Bereits im Flugzeug bekam ich einen ersten Eindruck der Kultur. Die Flugbegleiterinnen trugen bauchfreie, türkisfarbene Saris und waren bemüht, die herumlaufenden Männer auf den Sitzen zu halten. Es dauerte nicht lange, und schon tönte aus dutzenden Mobiltelefonen östliche Musik und Gesang. Gespräche wurden über mehrere Reihen hinweg geführt. Ich muss zugeben, für ein paar Minuten saß ich einfach nur auf meinem Sitz und starrte auf das Treiben ringsum. Ich musste lächeln. Wo war ich hier hineingeraten? Meine Vorfreude auf dieses mir bisher unbekannte Land steigerte sich und während ich rätselte, welches landestypische Flugzeugessen hier wohl serviert werden würde, tat ich es meinem Nachbarn gleich und widmete mich dem Bollywood-Film auf dem Bordbildschirm. Es gab übrigens Fisch oder Hähnchen-Curry und spezielles Essen für muslimische Passagiere.

Freiwillige bei der Arbeit als Schildkrötenpflegerin
Frewillige in der Brandung am Meer
Freiwillige mit Schaaf am Strand

Nach der Landung in der Hauptstadt Colombo wurde ich von einem Mitarbeiter meiner Organisation abgeholt. Deren Hauptsitz ist in der Stadt Kandy gelegen, im Herzen von Sri Lanka. Kandys Zentrum selbst liegt in einem Tal, umgeben von besiedelten Hügeln. Die lebendige Stadt ist bekannt für ihre kulturellen Angebote, die traditionellen Tanzshows und den „Temple of the Tooth“, eine bedeutende Pilgerstätte für die Anhänger Buddhas. Dank der Lage an einem ruhigen See und der Tempelanlagen auf den Bergen ringsum gibt es genügend Orte, um dem Trubel der Innenstadt zu entkommen. Etwa zehn Busminuten entfernt, zurückversetzt von der Straße und umgeben von Feldern, lag das dreistöckige Volontärhaus und somit unsere Unterkunft, das „Green House“. Geleitet vom Programm-Manager und betreut durch eine Gruppe freundlicher Singhalesen, bot das Haus einen sicheren Platz für die bis zu vierzig jungen Menschen, die hier für mehrere Wochen oder Monate wohnten. Der Programm-Manager war ein sehr engagierter und charmanter Mann und löste mit seinem Motto „everything is possible“ des Öfteren unsere Probleme.

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Nach der Ankunft erklärte er allen Neuankömmlingen die Projekte. Es gab eine breit gefächerte Auswahl von der Arbeit in Kinder- oder Altersheimen, Tätigkeiten als Lehrer für Mönche oder Kinder über Tempelrestaurationen bis hin zu Elefantenprojekten. Am zweiten Standort, dem Strandhaus in Ambalamgoda, gab es außerdem ein Schildkrötenprojekt, eine sogenannte „Body and Mind-“ sowie eine Strandwoche zur Auswahl. Für jedes Projekt war eine Mindestdauer für die Teilnehmer vorgeschrieben, die besonders bei den Projekten mit Kindern eine Rolle spielte. Meiner Meinung nach war es sehr wichtig, dass die Bezugspersonen nicht zu oft wechselten. Nach der Kultureinführung am ersten Tag machte ich mich am zweiten auf den Weg zum Schildkrötenprojekt im Süden. Um vier Uhr morgens stand ich im Innenhof des Volontärhauses in Kandy, bereit zum Aufbruch. Trotz des Schlafmangels war es eine sehr angenehme Zeit, da die Temperaturen in der Nacht stark sanken und ein erfrischender Start in den Tag somit garantiert war. Mit dem Tuk-Tuk brauste ich im Dunkeln zum Hauptbahnhof und sicherte mir dort gleich einen Sitzplatz im schon bereitgestellten Zug. Auf der linken Seite bekam ich nämlich den Sonnenaufgang, Lokomotiv-Friedhöfe, Seen und Urwälder zu sehen.

„Wenn mir Fremde freundlich zuwinkten und zulächelten, fühlte ich mich gleich willkommen“

Die Zeit verging wie im Flug, während ich die üppige Landschaft Sri Lankas vorbeiziehen sah. So manch einer saß im Türrahmen der Eisenbahn, ließ die Füße hinausbaumeln und konnte mit ausgestreckter Hand die eine oder andere grasende Kuh streicheln. Touristen schienen immer noch ein ungewöhnlicher Anblick zu sein, besonders in ihrer westlichen Kleidung. Oft konnte ich nicht einmal die Straße entlanggehen, ohne angesprochen zu werden: „What’s your name?“, „Where are you from?“, „Come to me!“ waren dabei die häufigsten und etwas befremdlichen Sätze, die mir nachgerufen wurden. Ganz besonders auf den Märkten herrschten dabei auch keine Berührungsängste. Die Neugier und Offenheit der Einheimischen war gleichzeitig sehr angenehm. Wenn mir Fremde freundlich zuwinkten und zulächelten, fühlte ich mich gleich willkommen. Für das Schildkrötenprojekt waren wir in einer kleinen, simplen Ferienanlage am Strand untergebracht, in der acht Zimmer für uns Volontäre reserviert waren. Drei Gehminuten davon entfernt befand sich die Anlage für das Projekt selbst. In Betontanks lebten beeinträchtigte Schildkröten, die nicht mehr für ein Leben im offenen Meer gewappnet waren, aber auch einige, die wieder aufgepäppelt und später freigelassen wurden.

„Unsere Aufgabe war es nun, den Schildkröten ein angenehmes Dasein in der Anlage zu ermöglichen“

Eine Schildkrötendame, die eigentlich frei hätte schwimmen dürfen, hatte sich allerdings anders entschieden und beschlossen zu bleiben. Ein kleiner Bereich war auch für die Eier reserviert, aus denen verschiedene Arten von Schildkröten schlüpften. Die Babys schwammen in Containern und riefen allgemeine Verzückung hervor. Die Schildkröten erwischte häufig das gleiche Schicksal: Wenn sie sich in einem Fischernetz verfingen, wurden ihnen die Flossen abgeschnitten, da die Fischer keine Geduld hatten, sie anderweitig aus dem Netz zu befreien, und wurden dann im Meer zurückgelassen. Abgesplitterte Panzerstücke und eingeschlagene Gesichter waren dabei keine Seltenheit. Obwohl die Tiere bis zu drei Monate ohne Futter auskamen, wurden sie oft sehr erschöpft an den Strand geschwemmt, da sie nicht mehr fähig waren, ihre Beute zu fangen. Unsere Aufgabe beim Projekt war es nun, den Schildkröten ein angenehmes Dasein in der Anlage zu ermöglichen. Jeden zweiten Tag durften wir sie mit kleingeschnittenen Fischen füttern. Das aufbereiten der Fische in mundgerechte Stücke war wohl nicht die beliebteste Arbeit, die Fütterung war dafür umso spannender. Manchen Tieren musste man helfen, nach den Fischstücken zu tauchen, da sie Luft in ihrer Schale hatten und nicht weit genug hinunterkamen. Einer blinden Schildkröte musste das Futter direkt ins Maul gelegt werden. Das war gar nicht so ungefährlich, denn mit dem schnabelartigen Mund konnte sie ganz schön fest zuschnappen.

„Schildkröteneier waren ein beliebter Fund, da sie als Delikatessen gutes Geld bedeuteten“

Die Babys mussten jeden Tag gereinigt werden und wurden mit Sand geschrubbt. Es schien fast, als würden sie diese Prozedur wirklich genießen, wenn sie die Flossen ausstreckten und die Augen schlossen, während wir ihre Bäuche kraulten. Einmal in der Woche wurden die Tanks geputzt und neues Wasser eingelassen. Dies war eine schweißtreibende Arbeit, besonders da der Strand verlockend nah vor der Tür lag. Umso mehr freuten wir uns, wenn wir uns anschließend ins Meer stürzen konnten. Die großen Schildkröten brachten wir zur Reinigung direkt ans Meer. Das musste ein lustiger Anblick gewesen sein: eine Gruppe von offensichtlich ortsfremden jungen Menschen mit jeweils einer am Rücken liegenden Schildkröte und Palmenbürsten in der Hand. Nicht jede Woche glich der anderen, was das Programm mit den Schildkröten anging. So durften die Volontäre, die vor uns da gewesen waren, dutzenden Babyschildkröten bei ihrem Weg zurück ins Meer helfen. Wir gingen dafür eines Nachts auf die Suche nach Schildkröteneiern. Doch nicht nur wir hatten dieses Vorhaben. Schildkröteneier waren ein beliebter Fund, da sie als Delikatessen auf den Märkten gutes Geld bedeuteten. Diesmal waren wir jedoch die ersten Finder und brachten die Eier in unser Reservoir, um sie dort bis zum Schlüpfen aufzubewahren. Zu guter Letzt durften wir uns mit Pinsel und Farbe an den Mauern der Anlage verewigen.

„Wir fanden ein entzückendes Städtchen vor, bestückt mit Kunstgalerien und Restaurants“

Zwanzig Tuk-Tuk-Minuten entfernt vom Projekt lag das Dorf Hikkaduwa, das im Gegensatz zu Ambalangoda sehr touristisch war. Cafés, Restaurants, Shops und Bars säumten den Strand und die Hauptstraße und zogen uns des Öfteren für einen Nachmittagsausflug oder eine Strandparty an. Am Wochenende hatten wir die Möglichkeit zu reisen. So machte ich mich mit drei Mädchen auf den Weg in das südlich gelegene Galle Fort. Wir fanden ein entzückendes Städtchen vor, bestückt mit Kunstgalerien und Restaurants. Das Reisen in Sri Lanka war relativ einfach und billig, mit guten Zug- und Busverbindungen. Eilig durfte man es allerdings nicht haben. Ich hatte auch keinerlei Probleme, allein zu reisen. Die Einheimischen waren immer hilfsbereit und zeigten mir die richtige Station oder den richtigen Bus. Dem Ende meines Aufenthalts blickte ich mit gemischten Gefühlen entgegen. Eine Zeit voller spannender Erfahrungen, toller Bekanntschaften und schöner Momente lag hinter mir. Zum Abschied dankte ich mit einem „Estudi“ für die wertvo en Erinnerungen und winkte Sri Lanka „auf Wiedersehen“.

Malina Nwabuonwor, 20, plant ein Studium an der Filmakademie Wien in den Bereichen Drehbuch und Dramaturgie. Außerdem würde sie gerne für ein Praktikum nach New York City gehen oder durch Südamerika reisen.

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