Wo Chaos und Ruhe sich die Hand geben

Als Volunteer in Indien

weltweiser · Freiwilligenarbeit · Indien

Geschrieben von: Josefine May Spannuth

Land: Indien

Aufenthaltsdauer: 12 Monate

Programm: Freiwilligenarbeit

Erschienen in: (Nix für) Stubenhocker.

Die Zeitung für Auslandsaufenthalte,
Nr. 8 / 2018, S. 46-47

Man sollte meinen, dass 13 Jahre Planung genug seien. Einer Kindheitsfantasie hinterherjagend, war mir immer klar, dass es nach der Schulzeit an jenen Ort zurückgehen sollte, den ich bis zu meinem sechsten Lebensjahr mein Zuhause nannte: Neu Delhi, Indien. Zugegebenermaßen bestanden rund zwölfeinhalb Jahre darin, meiner Fantasie zu frönen und in Vorfreude zu schwelgen, aber auch darin, die Kommentare meiner Familie und Freunde, die mein Vorhaben belächelten, nicht an mich heranzulassen.

Die eigentliche Planung ging erst ungefähr ein halbes Jahr vorher los. Ich schrieb dem zuständigen Volunteer-Koordinator eines Projektes, welches mir noch von unserer Zeit in Indien bekannt war. Dass man durchaus ein freundliches zweites und sehr freundliches drittes Mal schreiben muss, lernte ich dann auf die harte Tour. Mit dem Gedanken, nicht durch ständiges Nachhaken „nerven“ zu wollen, und meinem Glauben, dass auf der anderen Seite das Bewusstsein für die zügige Bearbeitung meines Anliegens durchaus vorhanden sei, wurde ich aufgrund der langen Wartezeit sehr unruhig. Meine Nerven lagen blank, hatte ich doch bereits aus Kostengründen zeitig und ohne jegliche Zusagen einen Flug gebucht. Zudem erhielt ich mein Visum erst zwei Tage vor meinem Abflug. Dennoch habe ich eigentlich alles richtig gemacht, hätte ich mich nur nicht stressen lassen.

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Im Nachhinein betrachtet war es die richtige Entscheidung, den Flug auf gut Glück zu buchen. Denn wenn ich eines gelernt habe, dann, dass es nicht vieles gibt, was nicht irgendwie möglich gemacht werden kann in Indien. Auf dem Weg zum Ziel herrschen sehr wahrscheinlich einige Kommunikationsprobleme oder auch kleinere Umwege, aber egal, wie viele involvierte Stimmen den Prozess verzögern, irgendwie kommt man letzten Endes doch irgendwo an. Damit möchte ich keineswegs die Mühen relativieren – denn es bedarf in der Regel etlicher nachdrücklicher E-Mails – noch sagen, dass blindes Vertrauen sonderlich zielführend ist. Für die Planung ist es jedoch abgesehen von den offiziellen Deadlines der Behörden in Deutschland meines Erachtens beinahe unerheblich, ob man 13 Jahre oder 13 Tage plant. Man sollte immer mit turbulenten unvorhersehbaren Überraschungen und Wendungen rechnen, sofern man direkt mit der indischen Seite kommuniziert. Denn in Indien sagt man „Aram se“. Das bedeutet so viel wie „mit Ruhe“ und ich musste es mir am Anfang sehr oft anhören. Mehr Ruhe geht immer. Diese Art, die den gutdeutsch strukturierten Kopf aus dem Konzept bringt und die Planung und Struktur aus den Angeln hebt, habe ich mit der Zeit sehr zu schätzen gelernt.

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So musste ich in Deutschland einen großen Teil meines Vertrauens in die erfolgversprechenden Kräfte der fast magnetisch an irgendein Ziel führenden Umwege wieder ablegen. Beispielsweise bedeutet ein aufgrund eines umgekippten überladenen Lastwagens auf der Straße verpasster Reisebus in das Himalaya-Gebirge doch gar nichts, wenn jemand dich in seinem sehr viel schnelleren Jeep mitnehmen kann, um mit wildem Fuchteln entweder tatsächlich deinen oder eben einen anderen Reisebus mitten auf der Straße anzuhalten, sodass man kurze Zeit später auf seinem Platz auf dem Weg zum eigentlichen Ziel sitzt. Der allererste Kulturschock war durch vergangene Besuche im Land glücklicherweise, wie erwartet, eher gering. Aufregung und Jetlag hielten mich zwar die erste Nacht wach, sorgten aber auch dafür, dass ich den ersten Tag fast komplett im Gästezimmer des Projektes verschlief. Grundsätzlich war das jedoch erst einmal kein Problem. Geschäfte haben alle offen, falls die Aufregung irgendwann dem Hunger Platz machen sollte. Ein großer Teil der indischen Bevölkerung spricht zwar auch Englisch, aber dabei handelt es sich eher um die soziale Mittel- und Oberschicht, und dieses Projekt hat seine geografische Lage in einem ehemaligen Slumgebiet.

„Zitternd, den Delhi-Winter unterschätzend, schlotterte ich durch die matschigen Gassen“

So traf mich der eigentliche Schock erst, als ich mich verzweifelt an meine paar Brocken Hindi zu erinnern versuchte. Zitternd, den Delhi-Winter unterschätzend, schlotterte ich durch die matschigen Gassen und stand vor der großen Erkenntnis, dass es so etwas wie Supermärkte nicht gibt. Dafür gibt es eine Menge kleiner kioskartiger Geschäfte, die, den überfüllten Regalen nach zu urteilen, alles zu haben scheinen. Das macht das Auf-etwas-bestimmtes- Zeigen wirklich nicht einfacher. Als ich nach etlichen Fehlversuchen endlich das Brot im Hintergrund als Zielobjekt deutlich machen konnte, nahm der Verkäufer es nur kurz in die Hand, schüttelte den Kopf, sagte etwas auf Hindi und legte es weg. Völlig frustriert brauchte ich ein paar Minuten, um es bei einem anderen Geschäft zu versuchen. Auch später, mit besseren Hindi-Kenntnissen gewappnet, passierte mir das noch öfter. Ich verstand, dass viele Verkäufer, speziell in kleinen Vierteln, in denen man sich schnell kennt, einfach ehrlich damit waren, wenn sie ein Produkt für zu alt oder nicht mehr schön verpackt hielten.

„Ich bekam ein Gefühl dafür, Dinge, die frisch vor mir zubereitet wurden, mit gutem Gewissen zu essen“

Dass ich an diesem Abend mit einer Ausbeute von zwei Packungen verdächtig neonfarbiger Kekse und einer Packung Mangosaft vorlieb nehmen musste, verdankte ich dann unter anderem all den besorgten Stimmen meiner in Deutschland zurückgebliebenen Bekannten und Verwandten, auf keinen Fall das wirklich verlockend duftende Streetfood zu essen. Im Laufe der Zeit bekam ich ein Gefühl dafür, Dinge, die frisch vor mir gebraten und zubereitet wurden, mit gutem Gewissen zu essen und mich sonst an die Überzeugung zu halten: „Mach dir keine Sorgen, ob du dir den Magen verdirbst, weil du wirst ihn dir verderben.“ Es lässt sich kaum vermeiden, allein weil sich unsere deutschen sonst so sanft behandelten Mägen erst noch an die vielen tollen Gewürze gewöhnen müssen. Das Gute ist, dass es den so schön unverfänglichen Begriff „Delhi Belly“ dafür gibt, wenn man diesbezüglich mal gesundheitlichen Rat braucht, und es zudem ein so frei und normal besprochenes Thema ist, dass man da alle Scham fallen lassen kann.

„Zusammen Fehler zu machen fühlt sich doch besser an“

Der nächste Schock erwartete mich am Montag, meinem ersten Arbeitstag. Ich bekam die Anweisung, mir alle Stationen anzuschauen: Schule, Kindergarten, Krippe und Gesundheitszentrum. Mein erster und auch zunächst letzter Weg führte mich in den Kindergarten, wo ich eine Klasse bekam. Im Nachhinein betrachtet gab ich sicher ein lustiges Bild ab bei dem Versuch, eine Gruppe Vierjähriger mit großen Alphabetskarten in der Hand abwechselnd auf Hindi und Englisch zu beschäftigen. Im Laufe der Zeit lernte ich diese selbstverständliche Verantwortung zu schätzen, musste mich jedoch zunächst damit zurechtfinden. Inspiriert von den vor Energie kaum still sitzenden Kindern, schlug ich eine Art Sportunterricht vor. Ich fragte also die Lehrerinnen, mit dem positiven Nebeneffekt, dass die sonst so zurückhaltenden Frauen, von denen ich nicht ganz sicher war, ob sie mich mochten, richtig auftauten, als ich mich endlich traute, Hindi zu sprechen. Die Hemmungen auf der Gegenseite, ein wenig Englisch zu sprechen, fielen so ein ganzes Stück ab. Zusammen Fehler zu machen fühlt sich doch besser an.

„Die „Learning by moving“-Stunde verging unter dem Lachen der Kinder wie im Flug“

So bekam ich die Spielstunde und auch den relativ geräumigen Kellerraum zugesprochen und wir fingen noch am gleichen Tag an. Die „Learning by moving“-Stunde, in der wir orientiert an den Unterrichtsinhalten Tier- und Körpervokabeln übten, verging unter dem Kreischen und Lachen der Kinder wie im Flug und ich gehörte danach ein bisschen mehr zu der Gruppe der Lehrerinnen. Mit noch eher rudimentären Hindi-Kenntnissen in der Lage zu sein, etwas zu vermitteln, fühlte sich unendlich gut an. So wich langsam die Hoffnungslosigkeit, dass die Komplexität der Sprache mich ewig abhalten würde, wirklich mitzuarbeiten. Die Devise war ab dem Zeitpunkt, keine Angst davor zu haben, fehlerhaftes Hindi zu sprechen, und im Unterricht so viel wie möglich über Bewegung und die zu lernenden englischen Wörter zu vermitteln.

„Ich fühlte, wie ich als Familienmitglied in diese unglaublich warmherzige Familie aufgenommen wurde“

Schon bald nach meiner Ankunft zog ich in eine Gastfamilie. Die Mutter kannte ich aus dem Projekt, wo sie im Gesundheitscenter arbeitete. So musste ich meinen gesamten Alltag über Hindi sprechen, was für viele Missverständnisse und so auch für viel Belustigung sorgte, aber mich in erster Linie auch einen großen Schritt nach vorne brachte. Das wahnsinnig leckere Essen wurde eine meiner größten Herausforderungen. Ich musste lernen, dass „Nein“ zu mehr Essen eigentlich nur ein höfliches „Ja“ bedeutet. Neben der sprachlichen Barriere ist auch das Verständnis dafür, wenig zu essen, recht gering. Zunächst hielt mich meine Höflichkeit davon ab, mich durchzusetzen. Später, nach einem langen und wunderbaren Weg des Kennenlernens, fühlte ich mich dort jedoch nicht mehr wie ein Gast. Mit der Zeit aß ich nicht mehr früher als die Kinder oder sogar die Mutter, was sehr üblich ist, sondern mit der ganzen Familie zusammen. Und auch bei dem Abwasch durfte ich irgendwann mithelfen. Dank dieser kleinen Errungenschaften fühlte ich, wie ich Stück für Stück als Familienmitglied in diese unglaublich warmherzige Familie aufgenommen wurde. Es wurde mit offenen Türen mal lauthals gestritten, mal lauthals gelacht oder geweint. Man lebte sowieso auf zu engem Raum, als dass so etwas hätte vertuscht werden können. Und egal was passierte, spätestens zum nächsten Essen saßen alle wieder zusammen.

„Man kann mit der Bahn in die Wüste, den Dschungel oder ans Meer fahren“

Indien öffnete seine Tore mit einer solchen Herzlichkeit für mich, dass es mir unmöglich scheint, diese Welt jemals wieder ganz zu verlassen. Wer auf Luxus verzichten kann, hat die unglaubliche Möglichkeit, von Delhi aus für umgerechnet rund 3 € bis zu 35 Stunden mit der Bahn quer durchs Land, in die Wüste, den Dschungel, in Flusslabyrinthe oder ans Meer zu fahren. Platziert auf einer Pritsche, die nur temporär zum Schlafen deine eigene ist, haben sich alle furchteinflößenden Nachrichten schon bei meiner ersten Fahrt in Luft aufgelöst. Gemessen an den vielen tollen Begegnungen war diese Fahrt eine Mischung derart intensiver Eindrücke, dass ich abends kaum abschalten konnte. So traf ich eine Familie, die darauf bestand, ihr Mittagessen mit mir zu teilen. Ein anderes Mal begegnete ich auf dem Weg ins Dorf zurück einem älteren Wanderarbeiter, der von Anfang an ein Auge darauf hatte, dass ich nicht zu eingezwängt zwischen fremden Passagieren – hauptsächlich Männern – saß und für dieses Anliegen den halben Waggon umplatzierte. Auf den vielen Reisen innerhalb Indiens stellte ich immer wieder fest, wie sehr die verschiedenen Ziele sich unterscheiden können. Wenn man von einem kleinen Dorf im Himalaya zurück ins laute Delhi oder weiter in die riesige Flusslandschaft Keralas fährt, kann man manchmal kaum glauben, dass es sich um dasselbe Land handelt. Ganz egal was man tut, mein erster Aufenthalt alleine in Indien hat mich gelehrt, dass Indien dich schon irgendwo hinbringt, wenn du nur eine große Portion Ruhe und die Bereitschaft, dich nicht an starren Plänen festzuhalten, mitbringst. Denn Indien weiß es besser – immer.

Josefine May Spannuth, 23, beendet derzeit ihr Studium der Kulturwissenschaften in Lüneburg und plant danach eine längere Reise durch Indien.

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