Daumen hoch und lächeln

Trampen und WWOOFen im Osten Kanadas

weltweiser · Daumen hoch beim Trampen

Geschrieben von: Nikolas Grohmann

Land: Kanada

Aufenthaltsdauer: 5 Monate

Programm: Work & Travel

Erschienen in: (Nix für) Stubenhocker.

Die Zeitung für Auslandsaufenthalte,
Nr. 5 / 2015, S. 66-67

Ich muss zugeben, dass die Entscheidung für meinen Kanada-Aufenthalt recht spontan war. Gerade noch rechtzeitig bewarb ich mich für das Working Holiday Visum und erhielt nach einer verwirrenden Prozedur tatsächlich die Bestätigung dafür. Schnell fand ich einen günstigen Flug von München über Island nach Toronto.

Direkt nach dieser Prozedur wurde ich von einem anderen Backpacker auf Deutsch angesprochen – Flo hatte meinen deutschen Reisepass gesehen, und so machten wir uns gemeinsam auf die Suche nach dem Bus Richtung Innenstadt. Wir bekamen auch gleich die kanadische Freundlichkeit zu spüren, mit einer Karte in der Hand wurden wir sofort angesprochen, ob wir Hilfe benötigten. Richtig einladend war Toronto zu dem Zeitpunkt allerdings nicht, es regnete bei Temperaturen knapp über 0°C. Doch das Hostel war dafür umso spannender, so viele internationale Leute wohnten dort. Zunächst waren einige Dinge noch gewöhnungsbedürftig, vom öffentlichen Verkehr und den Türschlössern über die Auswahl im Supermarkt bis zum Duschregler, doch bald nahm ich das alles als selbstverständlich hin. In den nächsten Wochen reiste ich weiter nach Montreal und nach Ottawa. Dort machte ich meine erste Erfahrung als Couchsurfer – über eine Website fand ich jemanden, bei dem ich kostenlos auf dem Sofa schlafen durfte. Mein Gastgeber stellte sich außerdem als perfekter Stadtführer heraus, der mich abseits der geführten Touren ins Parlament mitnahm.

Frisch geschlüpftes Lama
Trampen am Highway
Anstrengende Arbeit auf der Farm

Danach wurde es wirklich spannend: Ich machte mich auf in Richtung Saguenay in Quebec, wo ich auf meiner ersten Farm arbeiten sollte. Es verlief alles gut, bis auf die Tatsache, dass ich meine Gasteltern zu Anfang aufgrund ihrer Aussprache, dem „Québécois“, kaum verstand. Doch zum Glück lebte ein weiterer WWOOFer aus Frankreich auf der Farm, dessen Französisch ich fast ohne Probleme folgen konnte und der mir alles erklärte. Somit erlebte ich fünf ereignisreiche Wochen auf der wunderschön gelegenen Farm, mit vielen Tieren und freundlichen Menschen. Zu Beginn war es noch sehr ungewohnt, so harte körperliche Arbeit zu verrichten, doch mit der Zeit gewöhnte ich mich an den Rhythmus. Neben dem Füttern der 180 Schafe mussten wir zum Beispiel Unkraut jäten, beim Betonieren des Fundaments für ein neues Gewächshaus helfen, Himbeeren beschneiden oder Gemüsesaat aussäen. Viel Freizeit blieb mir leider nicht, doch immerhin unternahm ich ein paar Wanderungen und eine Kanutour auf dem Fjord du Saguenay. Sehr im Gedächtnis blieb mir auch die Ankunft des Tiefkühl-LKWs, der uns das Fleisch vom Schlachter lieferte – drei Tage zuvor waren es noch lebendige Schafe gewesen. Doch das gehörte auf einer Farm schließlich auch zum Alltag. Am Ende fiel es mir sehr schwer, von der Gastfamilie und vor allem den Kindern Abschied zu nehmen, doch ich hoffe sehr, eines Tages dorthin zurückzukehren.

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Nach so viel Natur und Ruhe war es ein gewisser Schock, wieder in die laute und inzwischen sommerlich gewordene Großstadt Montreal zurückzukommen. Viel Zeit, um mich daran zu gewöhnen, blieb mir jedoch nicht, da ich direkt weiter nach Toronto fuhr, um einen Freund aus Deutschland zu treffen. Er hatte entschieden, mich für zwei Wochen zu besuchen, und so bereisten wir die Städte Toronto, Montreal und Ottawa noch einmal gemeinsam, diesmal allerdings im Sommer. Es war sehr interessant, den Unterschied zu erleben, wie viel lebendiger die Städte waren. Wir machten es uns zur Tradition, in jeder Stadt Fahrräder zu mieten, was bei den Schlaglöchern ein wirkliches Abenteuer darstellte. Während unseres Aufenthalts in Montreal geschah das Unglück: Ich ließ mein Handy ins Wasser fallen. Da mir ein neues Handy samt den zusätzlichen Gebühren, um es später in Deutschland freischalten zu lassen, zu teuer war, beschloss ich, erst einmal ohne Handy zu leben. Nach einer kurzen Gewöhnungsphase war dies ein wirklich befreiendes Gefühl. Als mein Kumpel wieder nach Deutschland aufgebrochen war, begab ich mich mit Flo auf die bisher längste Zugreise meines Lebens, 22 Stunden von Montreal nach Halifax in der Provinz Nova Scotia. Die Fahrt war recht langweilig, da wir größtenteils im Schneckentempo durch dichten Wald fuhren. Nach ein paar Tagen Sightseeing in der maritimen Hafenstadt und natürlich einer Fahrradtour brach ich zu meiner zweiten Farm im Annapolis Valley auf, einem im westlichen Nova Scotia gelegenen Tal.

„Obendrein hatten sie einen Pool, sodass sogar ein bisschen Urlaubsgefühl aufkam“

Hier ging es viel entspannter zu als auf meiner ersten Farm. Das lag vor allem daran, dass meine noch relativ jungen Gasteltern erst ein paar Monate zuvor dorthin gezogen waren. Statt der 180 Schafe gab es dementsprechend nur 20 Hühner zu füttern. Es war spannend mitzuerleben, wie sie ihre Farm langsam aufbauten: Sie pflanzten verschiedenes Gemüse an, gingen auf den Markt und brauten ihr eigenes Bier. Obendrein hatten sie einen Pool, sodass sogar ein bisschen Urlaubsgefühl aufkam. Nach drei Wochen, die viel zu schnell vergingen, fuhr ich wieder zurück nach Halifax, um Pläne für die nächste Zeit zu machen. Ursprünglich hatte ich die Idee gehabt, mit ein paar Backpackern ein Auto zu mieten, doch stattdessen fand ich mich schließlich mit einer anderen Deutschen am nebligen Highway mit ausgestrecktem Daumen wieder. Dies sollte der Startschuss für zweieinhalb einzigartige und erlebnisreiche Wochen sein. Zusammen legten wir insgesamt über 3.000km durch Nova Scotia und Neufundland zurück, mal im schönsten Sonnenschein , mal im strömenden Regen. Wir übernachteten so günstig wie möglich, im Hostel, im Bed & Breakfast oder auch als Couchsurfer. Egal, wo wir hinkamen, wurden wir sehr freundlich aufgenommen und lernten vor allem beim Trampen sehr viele interessante Leute kennen. Oft nahmen unsere Fahrer einen Umweg auf sich, um uns zu unserem nächsten Ziel zu bringen. Einmal wurden wir sogar zum Mittagessen eingeladen – so etwas wäre mir in Deutschland sicherlich nie passiert.

„Dazu sahen wir Wale, Eisberge und Elche – was kann man sich Schöneres vorstellen?“

Darüber hinaus sahen wir großartige Landschaften, besonders der Highway Cabot Trail auf der Insel Cape Breton und der Gros Morne National Park waren sehr beeindruckend. So viel Natur und so wenig Zivilisation findet man in Deutschland nicht. Dazu sahen wir Wale, Eisberge und Elche – was kann man sich Schöneres vorstellen? Als wir schließlich an unserem letzten Ziel, St. John’s im Osten Neufundlands, ankamen, fühlte es sich fast so an, als wäre dies auch schon das Ende meines Aufenthalts. Zum Glück hatte ich jedoch noch einen weiteren Monat vor mir. In St. John’s fand ich einen netten Couchsurfing-Gastgeber, der mir ein wenig die Stadt zeigte und mit mir zum Signal Hill wanderte. Außerdem waren wir am Cape Spear, dem östlichsten Punkt Kanadas, und am Wochenende fand das George Street Festival statt, was eine sehr empfehlenswerte Veranstaltung ist. Nach diesen ereignisreichen Tagen nahm ich die Fähre zurück nach Cape Breton, um dort auf meiner dritten Farm zu arbeiten. Während mir die Arbeit auf der ersten Farm zu anstrengend und auf der zweiten Farm fast ein bisschen langweilig erschienen war, hatte ich nun die goldene Mitte gefunden. Es gab dank der zahlreichen verschiedenen Tiere – Lamas, Pferde, Hühner, Schafe, Katzen und Hunde – genug zu tun, aber ich hatte dennoch genügend Freizeit.

„Die wichtigste Erfahrung für mich war, meine Grenzen zu überschreiten und neu zu definieren“

Meine Gastmutter nahm mich mit zu Community-Ereignissen, brachte mich zum Startpunkt meiner Wandertouren und holte mich später wieder ab. Wir verstanden uns sehr gut und mit den Bed & Breakfast Gästen, die ab und zu auf der Farm übernachteten, wurde es auch nie langweilig. Ein Highlight meines Aufenthalts war die Geburt eines Lama-Babys. Keira, wie ich sie taufen durfte, entwickelte sich prächtig und anders als die anderen Lamas ließ sie sich sogar streicheln. Dies war der perfekte Ort, um die vergangenen spannenden Monate ein wenig ausklingen zu lassen. Ich hatte so viele Bekanntschaften gemacht und so viele neue Eindrücke gesammelt. Im Nachhinein war wohl die wichtigste Erfahrung für mich, meine Grenzen zu überschreiten und neu zu definieren. Dazu gehörte, bei Fremden im Auto mitzufahren, bei ihnen auf der Couch zu schlafen, sich in einer neuen Stadt zurechtzufinden oder unbekannte Gerichte auszuprobieren. Auch die Freiheit, jeden Tag aufs Neue zu entscheiden, wohin die Reise als Nächstes führen sollte oder wie lange ich an einem Ort bleiben wollte, war ein besonderes Gefühl. Das Grundvertrauen und die Freundlichkeit, die ich bei den Kanadiern erlebte, sind Eigenschaften, die ich mir hoffentlich in Deutschland ein wenig bewahren kann. In jedem Fall war meine Zeit in Kanada eine besondere Erfahrung, die ich nicht missen möchte und die ich jedem nur wärmstens empfehlen kann!

Nikolas Grohmann, 22, studiert Verkehrsingenieurwesen in Berlin. Dies war sicherlich nicht sein letzter Aufenthalt in Kanada: Er will noch in den Westen.

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