Qualität im Schüleraustausch

Ein Interview mit Thomas Terbeck

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von Thomas Terbeck, weltweiser

Programm: Schüleraustausch

Erschienen in: (Nix für) Stubenhocker.

Die Zeitung für Auslandsaufenthalte,
Nr. 1 / 2011, S. 20-21

Stubenhocker: Wer mit dem Gedanken spielt, an einem Schüleraustauschprogramm teilzunehmen, hat die Qual der Wahl: In Deutschland bieten rund 70 Austauschorganisationen mehrmonatige Schulaufenthalte für über 50 Gastländer an. Woran erkenne ich, ob ein Programm „gut“ oder „schlecht“ ist?

Thomas Terbeck:
Menschen haben ganz unterschiedliche Bedürfnisse, Erwartungen und finanzielle Möglichkeiten. Daher muss es bei der Vielfalt von Angeboten immer darum gehen, für jeden einzelne Schüler das individuell am besten passende Programm zu finden. Eine pauschale Einteilung von Austauschorganisationen in die Kategorien „gut“ und „schlecht“ ist nicht möglich.

Stubenhocker: Aber es muss doch Qualitätskriterien geben?

Thomas Terbeck: Klar! Werbebroschüren und Internetseiten sollten umfassend informieren und keine falschen Erwartungen wecken. Die Mitarbeiter, zu denen man per E-Mail, Telefon oder auf unseren Jugendbildungsmessen Kontakt aufnimmt, sollten durch Sachkompetenz, verbindliche Auskünfte und ein angenehmes Kommunikationsverhalten überzeugen, nicht durch unhaltbare Versprechen. Und schließlich ist es wichtig, beim Preis-Leistungs-Vergleich darauf zu achten, dass nicht nur ein persönliches Informations- bzw. Bewerbungsgespräch angeboten wird, sondern auch ausführliche Vorbereitungs- und Nachbereitungsseminare, die ein (inter-)kulturelles Training beinhalten.

Stubenhocker: Was sagen Gemeinnützigkeit oder die Mitgliedschaft in einem Verband über die Qualität der Programme eines Veranstalters aus?

Thomas Terbeck: Nichts! Die steuerrechtliche Einstufung als „gemeinnützig“ sowie die Mitgliedschaften in Interessenverbänden wird zwar von einigen Organisationen gerne marketingtechnisch genutzt, aber bei der Suche nach einem individuell passenden Programm sind sie nicht hilfreich. Einige Programme gemeinnütziger Veranstalter haben ein exzellentes Preis-Leistungs-Verhältnis, andere nicht. Und auch das Angebot, die Ausrichtung und die Qualität der Programme innerhalb der Verbände sind keineswegs homogen. Man kommt also um einen umfassenden Preis-Leistungs-Vergleich nicht herum.

Stubenhocker: Wäre es hilfreich, wenn es so eine Art „Austauschorganisationen-TÜV“ gäbe?

Thomas Terbeck: Nein. Qualitätssiegel machen aus meiner Sicht Sinn bei Geräten, Maschinen, Autos, Lebensmitteln etc., also bei Produkten, deren Qualität durch Labor-, Dauer- oder Verbrauchertests anhand ganz bestimmter Kriterien wie Haltbarkeit, Reinheit oder Funktionalität geprüft und objektiv bewertet werden kann. Denn dadurch haben die Konsumenten zweifelsohne eine Hilfe bei der Kaufentscheidung. Im Bereich „Schüleraustausch“ würde ein Qualitätssiegel allerdings nur eine Menge Geld verschlingen und unterm Strich ausschließlich der prüfenden bzw. akkreditierenden Institution helfen. Einen Nutzen für die Verbraucher sehe ich nicht!

Stubenhocker: Warum?

Thomas Terbeck: Die notwendige objektive Messbarkeit von Qualität ist bei Schüleraustauschprogrammen nicht existent, weil Austauschschüler und ihre Eltern mit ganz unterschiedlichen, qualitativ nicht vergleichbaren Erwartungen und Kommunikationsroutinen auf Gastfamilien, Lehrer und Betreuer treffen, die ebenfalls ganz individuell andere Erwartungen und Alltagsroutinen haben. Ob ein Zusammenleben klappt, und das ist ja der zentrale Punkt des ganzen Programms, kann erst der konkrete Versuch zeigen, und jenseits aller Qualitätsdiskussionen spielt dabei der Zufall in Form der „Chemie“ eine entscheidende Rolle! Darüber hinaus steht und fällt der Erfolg eines Schüleraustauschprogramms auch mit der Bereitschaft von Schülern und Gastfamilien, sich auf etwas Neues einzulassen und hart an sich zu arbeiten, um gemeinsam in den Genuss einer einzigartigen Erfahrung zu kommen. Und diese Bereitschaft ist ganz unterschiedlich ausgeprägt.

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Stubenhocker: Vom Zufall einmal abgesehen: Was sind denn überhaupt die zentralen Aufgaben einer Austauschorganisation?

Thomas Terbeck: Neben der bereits erwähnten fundierten Information und interkulturellen Vorbereitung natürlich die Suche nach einer geeigneten Gastfamilie und Schule sowie die Betreuung vor Ort. Diese kann sehr zeitintensiv sein, was man schon daran sieht, dass rund 25% aller Austauschschüler ihre Gastfamilie wechseln. Womit wir wieder bei den Qualitätssiegeln wären: Wie sollte denn bei dieser zentralen Aufgabe, nämlich der Suche nach einer Konfliktlösung zwischen Schüler und Eltern auf der einen und Gastfamilie und ausländischem Partner auf der anderen Seite, die Qualität der Arbeit gemessen und zertifiziert werden? Da jeder einzelne der derzeit 19.500 deutschen Austauschschüler, jedes Gastfamilienmitglied, jeder Betreuer vor Ort und auch jeder Mitarbeiter der deutschen Austauschorganisation ein Individuum ist, das anders tickt, und jeder Fall somit anders bewertet und eingeordnet werden muss, ist es schlicht unmöglich, die Qualität des Problemmanagements eines Veranstalters objektiv zu beurteilen. Denn da es zentraler Bestandteil eines Schüleraustauschprogramms ist, dass die jugendlichen Programmteilnehmer lernen, Probleme eigenständig zu lösen und an dieser Erfahrung zu wachsen, ist es in der Regel nicht sinnvoll und auch nicht vorgesehen, ohne ein, zwei oder drei klärende Gespräche einen sofortigen Gastfamilienwechsel herbeizuführen. Die Option eines schnellen Gastfamilienwechsels würde aber aufgrund des derzeit herrschenden Zeitgeistes ein Großteil der Eltern und Verbraucherschützer als zentrales Qualitätsmerkmal einstufen, wenngleich selbst die betroffenen Jugendlichen dies oft anders sehen.

Stubenhocker: Gibt es weitere Tipps für die Suche nach dem „richtigen“ Programm und Anbieter?

Thomas Terbeck: Bei der Entscheidung für das individuell am besten passende Programm ist es sicherlich nicht von Nachteil, wenn das favorisierte Gastland bereits seit mehreren Jahren zum Portfolio einer Austauschorganisation gehört, idealerweise betreut von demselben Team mit großen Erfahrungswerten. Zentral ist es natürlich, dass der zu wählende Veranstalter überhaupt die Programmvariante anbietet, die aufgrund ihrer Konzeption den Vorstellungen und Erwartungen des zukünftigen Gastschülers am ehesten entspricht. Schließlich sollte aber auch der weiche Faktor „Bauchgefühl“ eine Rolle spielen: Denn mögliche Probleme während des Auslandsaufenthalts bespricht man am besten mit Leuten, die einem prinzipiell sympathisch sind.

Stubenhocker: Warum sollte man überhaupt an einem Schüleraustauschprogramm teilnehmen?

Thomas Terbeck: Langfristige Auslandsaufenthalte während der Schulzeit bieten die außerordentliche Möglichkeit, aktiv an dem Leben einer zunächst unbekannten Gastfamilie und Schule teilzuhaben. Dadurch lernt man die Kultur und Lebensweise eines fremden Landes auf eine derart intensive und einmalige Weise kennen, wie es durch Urlaubs-, Sprach- und Studienreisen nicht annähernd möglich ist. Selbst lange Weltreisen oder Studienaufenthalte im Ausland erlauben keinen vergleichbaren Einblick in das Alltagsleben eines anderen Kulturkreises, da man mangels Familienanschlusses in der Regel nur die Rolle des außenstehenden Beobachters einnehmen kann. Bei einem Schüleraustausch ist man hingegen ein Teil des Ganzen, mit allen Rechten und Pflichten. Das versetzt die Austauschschüler in die außergewöhnliche Lage, sich ein Urteil über das Leben der sie umgebenden Menschen des Gastlandes zu bilden. Gleichzeitig fördert die räumliche und emotionale Distanz zur Heimat die Fähigkeit, eigene Normen, Werte und Verhaltensweisen kritisch zu überprüfen. Der spielerische Erwerb einer Fremdsprache und der Auslandsbonus im späteren Berufsleben sind weitere positive Begleiterscheinungen des Schüleraustausches, wenn auch nicht die wichtigsten. Neben dem unbestreitbaren Beitrag zur Völkerverständigung sehe ich den alles überragenden Vorzug des Schüleraustausches im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung. Durch die ständige Konfrontation mit ungewohnten Situationen wird man permanent dazu gezwungen, Entscheidungen zu treffen. Man lernt, auch in schwierigen Situationen nicht den Kopf in den Sand zu stecken und andere Standpunkte zu akzeptieren. Von der Erweiterung des persönlichen Erfahrungshorizonts zehrt man sein ganzes Leben, und die Erkenntnis, dass Deutschland nicht der Nabel der Welt ist, ermöglicht das Denken in größeren Dimensionen. Ich kann nur jedem empfehlen, der Lust hat, sich auf etwas Neues einzulassen und hart an sich zu arbeiten, die einmalige Chance „Schüleraustausch“ wahrzunehmen. Sie kommt nie wieder!

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