Eine Reise durch Raum und Zeit

Mit dem Fahrrad von Koblenz nach Rom

GESCHRIEBEN VON: DANIA HABAAL
LAND: ITALIEN
AUFENTHALTSDAUER: 1 MONAT
PROGRAMM: QUERWELTEIN
ERSCHIENEN IN: (NIX FÜR) STUBENHOCKER.
DIE ZEITUNG FÜR AUSLANDSAUFENTHALTE,
Nr. 10 / 2020, S. 68-69

Wenn aus E-Bikes wieder Fahrräder werden, bloß die Sonne und eigene Kraft den Tagesrhythmus bestimmen und schnelle Autos und die Welt an einem vorbeirasen, führt dich eine Reise nicht nur durch den Raum, sondern durch die Zeit. Zeit hatte ich zum ersten Mal seit Beginn meiner Abiturvorbereitung wieder genug.

Es war die Zeit, die mir nun blieb für das stille Beobachten von Sonnenuntergängen am adriatischen Meer, für das Plaudern mit einem älteren Herrn vor dem Supermarkt, der uns für unseren Weg eine Wassermelone und Tanztipps mitgab, aber auch für das vorsichtige Wegtragen von überfahrenen Tieren auf dem Asphalt. Mehr in Einklang mit der Natur zu leben, das heißt auch, sich einzufügen in das Wechselspiel von „Geben“ und „Nehmen“. Was so großartig und nobel klingt, begann wie die meisten großartigen Dinge: mit dem Überwinden des inneren Schweinehunds, und das ist bekanntlich ein mühseliges Unterfangen. Er war es, der am liebsten nach dem Abitur erstmal die Füße hochgelegt, das Netflix-Fenster geöffnet und die nächsten Wochen auch nicht mehr geschlossen hätte. „Wie du Bock hast …“ hörte ich meine Freunde häufig murmeln, als ich sie anfunkelte und von meinen Plänen berichtete. Mit dem Fahrrad bis nach Rom – das wurde zu einer Lebenseinstellung. Es bedeutete, dass ich die 40 Kilometer Schulweg mit dem Fahrrad statt mit dem Bus fuhr und als Übung die Schulferien für kleinere Radtouren nach Dänemark und Frankreich nutzte. Es bedeutete auch, dass ich mir größte Mühe gab, mein Mindset von „unsportliche Kartoffel“ zu „Hallo, du scharfe Paprika!“ zu ändern, als ich mich im Fitnessstudio anmeldete, und es bedeutete, dass ich mich vorbereitend auf die Tour aus praktischen Gründen nicht mehr vegan, sondern vegetarisch ernährte.

Mir wurde klar, dass ich diesen Weg nicht alleine gehen wollte, und so ergab es sich, dass wir gleich international starteten: Zwei Niederländer im Alter von 19 und 20 Jahren, die ich zuvor nur einmal gesehen hatte, und ich traten im Sommer in Koblenz unser fünfwöchiges Abenteuer an. Und gleich am ersten Tag versagte die Gangschaltung meines Fahrrads. Das war natürlich ein mächtiger Stoß vor den Kopf. Auch eine teure Reparatur konnte meinen geliebten, treuen Drahtesel nicht mehr retten und so entschied ich mich schweren Herzens, ihn für 30 Euro zu verkaufen. Ein neuer Gefährte musste her – so günstig wie möglich! Es stellte sich leider heraus, dass ich meine Priorität damit falsch gesetzt hatte. „When life gives you Kartoffeln, make Kartoffelsalat“, sagte mein niederländischer Mitradler optimistisch, als der Reifen meines schlecht bremsenden und noch schlechter fahrenden Rads dann auch noch neben einem Kartoffelfeld ein Loch bekam. Die Gefasstheit und „Dedication!“ machten sich bezahlt – denn aller guten Dinge sind drei –, und das dritte Rad, mit dem ich ab Augsburg weiterfuhr, trug mich bis an mein Ziel.

Westfalenstadion Dortmund
06. Juni
Dortmund
Leibniz-Gymnasium
10 bis 16 Uhr
Elbphilharmonie Hamburg
06. Juni
Hamburg
Gymnasium Heidberg
10 bis 16 Uhr
Reichstagsgebäude in Berlin
13. Juni
Berlin
Sophie-Charlotte-Gymnasium
10 bis 16 Uhr
Jubi Osnabrück
20. Juni
Osnabrück
Gymnasium "In der Wüste"
10 bis 16 Uhr

Sich bei all der Offenheit und auch erforderlichen Flexibilität in eine Routine einzufinden, gestaltete sich anfangs als Herausforderung. Bis auf die Entscheidung, dass ein Fahrrad-Navi uns führen würde, hatten wir im Voraus nur wenig festgelegt: Wann würden wir essen – und was? Mittags warm, getreu den guten heimischen Gewohnheiten, oder abends wie in den Niederlanden? Wie verteilen wir das Gemeinschaftsgut in unseren Fahrradtaschen – wer schleppt den Gasherd, wer Töpfe, wer die Zelte? Flüchten wir uns bei starken Regenfällen auf den nächstbesten trockenen Fleck, oder radeln wir abenteuerlustig geradewegs in das Unwetter rein? Welche Abläufe haben wir morgens nach dem Aufstehen? Denn wer sich – wie ich – gern vor dem Frühstück die Zähne putzt, endet zumeist allein mit dem Abwasch, während sich die anderen gemütlich ihrer Zahnhygiene widmen. Sich jedoch mit genau solchen Fragen herumzuschlagen und faire Antworten zu finden, tat mir auf eine seltsame Weise gut. Es sind Fragen, die sich in unserer hoch industrialisierten, digitalisierten Welt gar nicht stellen, weil sie so primitiv sind – und sie sind lösbar! Einen Kompromiss gefunden zu haben war eine Errungenschaft, und mit neuem Vertrauen in unsere Fähigkeiten stellten wir uns so den Herausforderungen, die direkt vor uns lagen.

„Mitten im Nirgendwo wurden wir zu Überlebenskünstlern, kochten Wasser aus Strömen ab, weil wir sonst keines auftreiben konnten.“

Im August lag auf den Alpen kein wirklicher Schnee mehr, doch eine leicht kühle, erfrischende Brise wehte einem dennoch durchs Haar – selbst in dem Schneckentempo, mit dem wir die Berge bezwangen. Es bot sich uns eine Idylle, die wir sonst nur aus Heidi-Filmen und oft leeren Versprechungen auf Schoko-Verpackungen und Milch-Tetra Paks kannten: Kühe und selbst Ziegen mit echten Glocken um den Hals, die auf schier endlosen Weiden grasten. Mitten im Nirgendwo wurden wir zu Überlebenskünstlern, kochten Wasser aus Strömen ab, weil wir sonst keines auftreiben konnten. Wir fuhren durch kilometerlange Schmetterlingsfelder und durch Felder, auf denen eine Heuschreckenplage gewütet hatte, die nichts als zahlreiche tote Insekten auf dem Boden hinterließ. Auf 800 Höhenmetern wagten wir das Wildwasserrafting durch die Berge. Zwar hielten wir während des Raftens gut die Balance, doch sprangen am Ende der Fahrt dennoch alle ins eiskalte Nass. Trotz aller Naturverbundenheit blendeten wir die uns umgebende Schönheit aus, als es nur noch lautete: „Reschenpass!“ und wir wie wild unsere Kräfte entfesselten und unter größten Mühen unseren Weg nach oben erkämpften. Auf 1600 Höhenmetern strampelten wir durch Wolkennebel, den Tau der letzten Nacht, der sich bereits zu klaren Wolken formte und mit uns immer höher stieg. An diesem Tag fuhren wir durch gleich drei Länder; morgens noch in Österreich, radelten wir durch die Schweiz und endeten abends auf italienischem Boden. Die Talfahrt war unvergesslich: Eine halbe Stunde ohne Treten und mit durchschnittlich 50 km/h war der Lohn für die Strapazen der letzten Tage – und es sollte nicht unser letzter Pass gewesen sein.

„Egal, ob wilde Gewässer, das Meer oder Schwimmbäder – irgendein Gewässer entdeckten wir immer.“

Kaum in Italien, wurde es sogleich unerträglich heiß – selbst für unsere Handys, die nur noch eine Überhitzung-Fehlermeldung anzeigten und sich dann bis zum Abend verabschiedeten. Die Temperaturen stiegen auf 45 Grad in der Sonne – in der wir uns den gesamten Tag aufhielten – und nur Bäume spendeten vereinzelt Schatten. Und so gewöhnten wir uns an lauwarmes Wasser mit intensiver Plastiknote, Sonnenschutz-Eincreme-Pausen und einen hohen Wassermelonenkonsum, den wir nur teilweise durch Straßenrandstände kleiner Wassermelonenbauern decken konnten. Am Ende einer jeden Etappe, als die Tagesstrecke endlich geschafft war, suchten wir uns Schwimmplätze, um einmal abzukühlen und wieder runterzukommen. Egal, ob wilde Gewässer, das Meer oder Schwimmbäder – irgendein Gewässer entdeckten wir immer. „The taste of victory is chlorin!“, rief mein Mitfahrer, als wir am Ende eines anstrengenden Tages Anlauf nahmen, um vom Drei-Meter-Turm ins campeigene Freibad zu springen.

Man könnte meinen, die Pracht der Natur sei am eindrucksvollsten gewesen, oder die Sehenswürdigkeiten unterwegs; die prunkvollen Kirchen, die stolz auf den Bergen Assisis thronten, oder der historische Balkon aus Shakespeares „Romeo und Julia“ in Verona. Doch was mir noch klarer in Erinnerung bleibt, sind die wundervollen Begegnungen. Wir merkten schnell, dass es in Italien keine Selbstverständlichkeit ist, dass die Menschen Englisch sprechen. Also halfen wir uns mit gebrochenem Spanisch aus einem Jahr Spanischunterricht, soliden Französischkenntnissen, anderen Passanten als Übersetzern und zur Not auch mit Händen und Füßen. Wo sich zwei Menschen begegnen wollen, finden sie immer einen Weg. Und es fühlte sich gar nicht seltsam oder peinlich an. Die Offenheit, Lebensfreude und Hilfsbereitschaft der Leute rührte so manches Mal unsere Herzen und rettete uns sicher auch vor dem ein oder anderen Unglück, auf das wir ahnungslos geradewegs zusteuerten. Ganz zu schweigen von meinen beiden Wegbegleitern, die für mich von zufälligen Mitgliedern einer Zweckgemeinschaft zu Verbündeten und schließlich zu Freunden wurden. Ich erinnere mich, wie uns einmal ein Kellner aufklärte, dass man in Italien sehr wohl Pizza gerne ohne Tomatensauce isst („Pizza Bianca“), während wir das trockene belegte Brot auf unseren Tellern eher als tragisches Versehen gewertet hatten. Mal tanzten wir den Walzer zu traditioneller Musik mit einheimischen Südtirolern in einem kleinen Dorf, mal sangen wir auf einem Karaoke-Abend mit Campingurlaubern und mal trafen wir auf andere Radreisende aller Altersklassen.

„Während der Reise waren wir wahre Meister in der Kunst der Zuversichtlichkeit geworden.“

Was wir schnell realisierten, als wir in Rom waren: Rom war zwar unsere Destination der Reise, aber nicht unser Ziel. Die riesige Stadt mit ihren antiken Bauten und ihrer kulturellen Bedeutung fühlte sich nach der Ruhe und wohltuenden Einsamkeit der vergangenen Wochen eher überfordernd an. Wir genossen zwar die Zivilisation, verwöhnten uns sogar mit einem luxuriösen Aufenthalt in einem zentralen Vier-Sterne-Hotel, aber sahen auch die überlaufenen Straßen, die Verschmutzung und unseren eigenen Luxus mit anderen Augen, hörten den Lärm bis spät in die Nacht mit anderen Ohren … Den Rückweg wollten wir alle mit dem Flixbus bewältigen – und bei uns allen wurde die schon längst gebuchte Reise wenige Tage vorher storniert. Alle Wege führen nach Rom – und wenn das stimmt, führen wohl auch alle wieder hinaus. Während der Reise waren wir wahre Meister in der Kunst der Zuversichtlichkeit geworden, und mit dieser neuen Tugend im Gepäck und dem Wissen, dass wir stärker sind, als wir anfangs wussten, fand jeder von uns auch seinen eigenen Weg zurück; etappenweise mit dem Rad, dem Zug, dem Auto und dem Bus. Nicht nur der Hin-, sondern auch der Rückweg wurde damit, wenn auch unerwartet, zu einem Abenteuer. Die Zeit von Parkplatz-Picknicks („PPs“), einer Schokoriegel-Packung täglich, Muskelkatern, Mückenstichen und Tiefkühlfertiggerichten fand rückblickend schneller ein Ende, als wir erwartet hatten. Ein Teil von mir wäre am liebsten ewig weitergeradelt, auf dass der Alltag mich niemals einholt. Wahrscheinlich hat man nie wirklich das Gefühl, genug Zeit zu haben. Vielleicht liegt diese Denkweise einfach in der Natur des Menschen, sobald er etwas schön findet. Ein Flug von Düsseldorf nach Rom dauert eine Stunde und 40 Minuten. Auf meinem Weg nach Hause habe ich daran gedacht, was mir alles entgangen wäre, wäre ich Mitte Juli ins Flugzeug statt aufs Fahrrad gestiegen.

Dania Habaal, 18, bereitet sich derzeit auf ihr Psychologiestudium in Münster vor und plant, noch viele weitere Radtouren anzutreten. Die Nächste führt sie in den Semesterferien die Nordsee entlang.

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Koala Bär
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