Erschütternde Erdbeben und große Gastlichkeit

Eine Jugendbegegnung in Japan

GESCHRIEBEN VON: MIRJAM DIETRICH
LAND: JAPAN
AUFENTHALTSDAUER: 2 WOCHEN
PROGRAMM: SPRACHREISE
ERSCHIENEN IN: (NIX FÜR) STUBENHOCKER.
DIE ZEITUNG FÜR AUSLANDSAUFENTHALTE,
Nr. 10 / 2020, S. 32-34

Japan. Dieses Wort verspricht ausgeflippte Popkulturen und uralte Traditionen. Unglaublich viele Menschen, die doch ein Ganzes bilden. Verrückte Ideen, das obligatorische Peace-Zeichen auf jedem der unzähligen Selfies und ganz viel Reis. All dies und noch viel mehr ist Japan – und all dies und noch viel mehr sollte ich in meinen zwei Wochen in diesem Land der aufgehenden Sonne erleben und kennenlernen.

Als ich gemeinsam mit vierzehn weiteren Jugendbotschaftern und unseren beiden Reisebegleitern nach zwölf Stunden Flug auf der anderen Seite der Welt angekommen war, überraschte mich als Erstes, dass mich gar nicht so viel überraschte. Klar, man kann kein Wort verstehen, die Autos fahren links und ein Wasser kostet hier 150 Yen, aber der erwartete Kulturschock blieb aus. Viel schneller als erwartet gewöhnte ich mich an das Ungewohnte: die speziellen Toilettenschuhe, die Algensuppe zum Frühstück, Verbeugen statt Händeschütteln, U-Bahnfahren in einem Wagen, der völlig überfüllt zu sein scheint und in dem trotzdem Totenstille herrscht. Wie ein Schwamm saugten wir 15 die neuen Eindrücke in der Fremde auf und genossen das hochinteressante Programm. In unserer Zeit in Tokio lernte ich vermutlich so viel über Japan, seine Kultur, Politik, Wirtschaft, aber auch über Deutschland, Europa und sogar über mich selbst, wie sonst in einem Jahr. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Besuch des Meji-Schreins. Dieser sehr bekannte shintoistische Schrein ist umgeben von einem wunderschönen Wald, und der ganze Ort hat etwas sehr Magisches. Mitten in der quirligen Metropole Tokio hatte ich so etwas nicht erwartet. Auch das Life Safety Centre der Feuerwehr in Tokio beeindruckte mich sehr. Hier konnten wir verschiedene Stationen durchlaufen und zum Beispiel in einem Simulator spüren, wie sich ein schweres Erdbeben anfühlt oder wie man ein Feuer löscht. Während unseres gesamten Japan-Aufenthalts wurde mir immer mehr bewusst, welche Gewalt die Natur hat und wie stark vor allem Japan dieser Gewalt durch regelmäßige Erdbeben, Tsunamis oder Vulkanausbrüche ausgesetzt ist. Ähnlicher Gefahren ist man sich in Deutschland nicht bewusst, man kennt sie nur aus den Medien. Wir alle sollten wenige Tage nach unserem Besuch bei der Feuerwehr selbst zu spüren bekommen, welche Kraft die Natur hat.

Ein besonders schönes Erlebnis war unsere Begegnung mit den japanischen Jugendbotschaftern. Sie waren im Sommer in Deutschland gewesen, und es machte sehr viel Freude, die vielfältigen Erfahrungen auszutauschen. Als ich abends in einer Karaoke-Bar mitten in Harajuku, einem Trendviertel in Tokio, mit einer neuen japanischen Freundin zu Taylor Swift sang, dachte ich mir: „Wow, da sitzt du in einem weit entfernten Land mit einem Mädchen aus einer komplett anderen Kultur und singst ein gemeinsames Lieblingslied…wie groß und wie klein die Welt doch ist!“ Als unsere erste Woche in Tokio viel zu schnell vorbei war, fuhren wir mit dem Shinkansen, einem Schnellzug, der aussieht wie direkt aus der fernen Zukunft hergebeamt, nach Norden, nach Ishinomaki. Hier erschütterte das starke Erdbeben mit anschließendem Tsunami vor fünf Jahren die gesamte Küstenregion. Uns ist diese Katastrophe nur durch den Reaktorunfall in Fukushima in Erinnerung geblieben, doch die Folgen sind weitaus schwerer als bei uns bekannt. Tausende von Menschen verloren ihr gesamtes Hab und Gut. Tausende verloren ihr Leben. Die NGO Peace Boat zeigte uns drei Tage lang verschiedene Facetten dieser Region. Wie die Menschen die Naturgewalt zu spüren bekamen, wie sie versuchen, das Erlebte zu verarbeiten und weiterzumachen. Wir sprachen mit vielen Betroffenen: Der Fischer, der seine gesamte Fischzucht verlor. Der Journalist, der durch Wandzeitungen versuchte, Hoffnung zu verbreiten. Der Koch, der seine Existenz komplett neu aufbauen musste. Sie alle erzählten uns ihre ganz persönlichen Geschichten und wie sie versuchen, nach der Katastrophe ihr Leben neu einzurichten. Es waren diese Begegnungen, sowohl in Ishinomaki als auch in Tokio, die unsere Reise so einzigartig machten. Egal, wo wir hinkamen: die Menschen waren stets sehr gastfreundlich und unglaublich positiv gegenüber Deutschland eingestellt. Wir erlebten unzählige Momente, in denen Japaner uns mit kleinen Gesten willkommen hießen und uns damit zutiefst rührten. Ob die Frau auf der Straße in Tokio, die unserem Bus hinterherlief, uns winkte und vor lauter Freude in die Höhe sprang, oder die Köchin, die stundenlang ein eigens für uns zusammengestelltes Menü kreierte, um uns in nur einem Mittagessen alle Spezialitäten der Region zu zeigen – sie alle sind Japan für mich und zaubern mir noch heute ein Lächeln aufs Gesicht.

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In Ishinomaki mussten wir auch selbst ein Erdbeben miterleben. Es ist wirklich ein sehr beängstigendes Gefühl, wenn auf einmal der Alarm losgeht, weil in der Nähe seismische Aktivitäten gemessen wurden. In unserem Fall war es glücklicherweise ein sehr geringes Beben, sodass man nur wenig spürte und keinerlei Folgen zu erwarten hatte. Wir alle waren dennoch ziemlich verunsichert und bekamen eine Ahnung davon, wie es sich anfühlt, mit solchen Naturphänomenen konfrontiert zu werden. Nach unserem Ausflug in die nördlichen Küstenregionen fuhren wir zurück nach Tokio, um dort auf unsere Gastfamilien zu treffen. Wir alle waren sehr nervös, und es fiel schwer, sich nach dieser intensiven Zeit von den anderen Jugendbotschaftern zu trennen. Meine Familie nahm mich aber sofort sehr herzlich auf und hieß mich willkommen. Ich erfuhr, dass ich eine etwa gleichaltrige Gastschwester haben würde, und freute mich riesig darüber. Meine Zeit in der Gastfamilie und der Schulbesuch sollten mir Japan noch aus einer ganz anderen Perspektive zeigen. Ich glaube, in meinem ganzen Leben war ich noch nie so nervös wie an meinem ersten Schultag an der Hashimoto High School. Ich sollte mich vor dem gesamten Lehrerkollegium, dem Schulleiter und meiner Klasse auf Japanisch vorstellen – und das nach kaum drei Stunden Japanischunterricht! Aber es klappte alles, und meine drei Tage an der Schule vergingen wie im Flug. Mir wurde als Deutsche ein unglaublich großes Interesse entgegengebracht, ich glaube, ich habe in diesen Tagen so viele Selfies gemacht wie sonst in meinem Leben noch nicht! Mit vier Mädchen verstand ich mich besonders gut, sie halfen mir sehr, mich in dem doch sehr fremden japanischen Schulalltag zurechtzufinden, und fungierten nicht selten als Dolmetscher.

„Wöchentlich mussten die Schüler Tests und Prüfungen schreiben, die sie auf die schweren Universitäts-Zulassungsprüfungen vorbereiteten.“

Schule in Japan lief ganz anders ab als in Deutschland. In einer Klasse waren 40 Schüler, alle trugen Uniformen und saßen an Einzeltischen. Im Unterricht war es vollkommen okay, wenn man am Tisch einschlief; von der Klasse wurde lediglich erwartet, dass sich jeder ruhig verhielt und den Lehrer nicht bei seinem Vortrag störte. Dieser stand vorne an einem Pult und sprach über japanische Geschichte, Literatur oder Mathematik. Der wesentliche Unterschied war jedoch: Die Schüler mussten sich nahezu überhaupt nicht aktiv am Unterricht beteiligen, es wurde nicht diskutiert, hinterfragt oder durch Meldungen mitgearbeitet. Selbst im Fach Englisch Conversation sprach meistens der Lehrer. Wöchentlich mussten die Schüler Tests und Prüfungen schreiben, die sie auf die schweren Universitäts-Zulassungsprüfungen vorbereiteten. In Mathe sollte ich dann auch eine Aufgabe lösen. Die Klasse lernte gerade das Wurzelziehen, das hatte ich schon vor einigen Jahren gelernt und so stimmte ich dem Vorschlag zu. Es stellte sich jedoch heraus, dass meine japanischen Klassenkameraden zwar ähnliche Aufgaben lösen müssen wie wir auch, jedoch komplett im Kopf! Da stießen meine Mathekenntnisse doch an ihre Grenzen und ich weiß meinen Taschenrechner seither noch viel mehr zu schätzen. Die Schüler waren ganz begeistert von dieser „Mathe-Maschine“, die jede Aufgabe lösen konnte, und das nur durch Drücken einiger Knöpfe. Ich glaube, so mancher von ihnen dachte in diesem Moment ernsthaft über ein Auslandsjahr in Deutschland nach …

An meinem letzten Tag in der Schule, es war der Tag vor meinem 18. Geburtstag, überraschte meine Klasse mich mit einer „Pre-Birthday-Party“. Ich wurde in einen Raum geführt, alle 40 Schüler sangen für mich, an der Tafel stand mein Name und es gab Unmengen Süßigkeiten. Meine neuen Freundinnen Hana, Nina, Ayumi und Saaya hatten den Lehrer der letzten Stunde dazu überredet, seinen Unterricht sausen zu lassen und stattdessen eine Party für mich zu schmeißen. Ich war zu Tränen gerührt, so etwas hatte ich bisher noch nie erlebt!

Später verabschiedete mich der Schulleiter und mein Klassenlehrer hatte noch eine Überraschung für mich: Der Club „Teezeremonie“ hatte mich zu einem Treffen eingeladen, eine große Ehre! Ich wurde in einen Raum geführt, wo bereits sieben Mädchen und eine ältere Dame im Kimono saßen. Es herrschte eine sehr andächtige Atmosphäre, das Teetrinken wird in Japan wirklich zelebriert! Dieses einzigartige Erlebnis rundete meine unglaublich spannende und schöne Schulzeit an der Hashimoto High School ab. Am Samstag, meinem 18. Geburtstag, nahm mich meine Gastschwester Akane mit nach Tokio zum Shoppen. Shibuya, Harajuku, Akihabara – wir haben alles abgeklappert und ich konnte diese unglaubliche Stadt noch einmal erkunden. Meine Gasteltern setzten schließlich noch eins drauf und veranstalteten abends ein Barbecue mit vielen Freunden der Familie für mich. Ich kann ohne Zögern sagen, dass dies der beste und ungewöhnlichste Geburtstag war, den ich je gefeiert habe. Mehr als einmal musste ich mich an diesem Abend kneifen und daran erinnern: „Du feierst deinen 18. Geburtstag am anderen Ende der Welt, mit lauter neuen japanischen Bekannten, und das hier passiert wirklich!“ Der Abschied von meiner neuen Familie fiel unglaublich schwer, und auch ich verdrückte ein paar Tränen. Es ist schon erstaunlich, wie schnell man sich in so kurzer Zeit aneinander gewöhnen und bisher fremde Menschen ins Herz schließen kann. Unsere Reise durch Japan war nun zum Ende gekommen. Mit einem riesigen Buffet – es gab einen Schokobrunnen, ein weiterer Traum, der sich erfüllte – ließen wir abends mit Blick über die Skyline die vergangenen 14 Tage Revue passieren. Wir alle hatten uns verändert, neue Freunde gefunden und ein bisher fremdes Land entdeckt. Ich persönlich stellte vor allem eines fest: Die Art, wie wir die Dinge sehen, ist nur eine von vielen. In Japan ist so vieles so anders; das fängt bei der Toilette mit Fernbedienung an und hört beim Reis zum Frühstück noch lange nicht auf. Die japanische Sicht der Dinge ist dabei nicht komisch oder schlechter, sondern einfach nur anders. Wenn man sich auf dieses „anders“ einlässt, eröffnen sich bisher unbekannte Blickwinkel, und man lernt den Begriff „normal“ ganz neu zu definieren. Denn was ist schon normal?

„Ihr werdet Dinge erleben, die sonst niemand erlebt.“

All diese wunderschönen und unvergesslichen Erlebnisse werden uns 15 Jugendbotschafter auf ewig miteinander verbinden. Noch bevor wir das Flugzeug zurück nach Frankfurt betraten, schmiedeten wir bereits Pläne für ein Wiedersehen und weitere Reisen. Allen, die sich für dieses Programm interessieren, kann ich aus tiefstem Herzen empfehlen: Macht mit! Ihr werdet Dinge erleben, die sonst niemand erlebt. Danach verbindet ihr mit einem bestimmten Teil der Weltkarte Erinnerungen und Eindrücke. Die Welt ist für euch ein Stück bekannter geworden, und schon bald, nachdem ihr wieder zu Hause seid, wird euch das Fernweh erneut packen und ihr erinnert euch mit einem Strahlen im Gesicht an eure Zeit in Japan. Denn Japan hat sein Versprechen gehalten – Popkultur, Tradition, Selfies, ganz viel Reis und so vieles mehr – das alles durfte ich erleben in meiner Zeit als Jugendbotschafterin in Japan.

Mirjam Dietrich, 21, lebte ein Jahr lang als Au-Pair in London, bevor sie ihr Jura-Studium in Cambridge begann. Momentan ist sie im vierten Semester.

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