Freiwilligendienst in Gunjur (Gambia)

Justus Dietsche ist Stipendiat des WELTBÜRGER-Stipendiums Freiwilligenarbeit von weltweiser. Seit dem 1. Oktober 2025 absolviert er einen Auslandsfreiwilligendienst im westafrikanischen Land Gambia, in der Kleinstadt Gunjur. Im Rahmen seines Stipendiums gibt er mit dem folgenden Bericht Einblicke in sein dortiges Leben, seine Einsatzstellen sowie seinen Alltag:
243 Tage beziehungsweise 34 Wochen und 5 Tage beziehungsweise acht Monate. So lange bin ich inzwischen schon in Gambia. Mein Auslandsfreiwilligendienst nähert sich damit dem Ende; in rund zwei Wochen, Mitte Juni, reise ich wieder zurück nach Deutschland. Im Rahmen des WELTBÜRGER-Stipendiums Freiwilligenarbeit von weltweiser schaue ich in diesem Bericht auf die letzten Monate zurück: Auf eine ereignisreiche, wertvolle Zeit, die mir sehr viel bedeutet.
Vom Ankommen zum Mitgestalten
In der zweiten Hälfte meiner Zeit in Gambia hat sich mein Freiwilligendienst noch einmal deutlich intensiviert: Die ersten Monate waren stark vom Ankommen geprägt: Neue Spracheindrücke, Leben in meiner Gastfamilie, neue Arbeitsorte, neue Wege durch Gunjur und Kartong. Inzwischen fühlt sich alles total vertraut an. Genau dadurch konnte ich mich in den vergangenen Monaten noch stärker einbringen, nicht nur als Gast, sondern als jemand, der Verantwortung übernimmt, Projekte weiterdenkt und Beziehungen aufgebaut hat.
Ein wichtiger Einschnitt war unser Zwischenseminar Ende Februar in Kartong, dem südlichsten Dorf Gambias. Gemeinsam mit meinen Mitfreiwilligen, unseren Koordinatorinnen von VolNet und weiteren Freiwilligen aus dem Senegal haben wir auf die erste Hälfte unserer Freiwilligendienste zurückgeschaut. Es ging um persönliche Reflexion, lokalen Themen und die Frage, was wir aus unserer verbleibenden Zeit machen wollen. Besonders eindrücklich war für mich ein Besuch beim National Youth Parliament in Serekunda. Zu sehen, wie stark junge Menschen in Gambia politisch organisiert sind und Verantwortung übernehmen, hat mich sehr beeindruckt.



Zwischen Kompost, Moringa und Bienenvölkern
Bei meiner Hauptarbeitsstelle, der Sandele Foundation in Kartong, habe ich in den letzten Monaten vor allem gelernt, wie Entwicklungsarbeit im Kleinen aussehen kann. Die Organisation hat keine großen Mittel und arbeitet heute sehr dezentral. Statt riesige eigene Projekte zu starten, unterstützt sie lokale Partner: Menschen, die Moringa-Produkte herstellen, Bio-Kompost produzieren, mit Recycling experimentieren oder landwirtschaftliche Lösungen weiterentwickeln. Meine Rolle ist dabei oft praktisch und kommunikativ zugleich: Ich fotografiere, filme, dokumentiere und unterstütze dort, wo meine Fähigkeiten gebraucht werden.
Mein eigenes, persönliches Herzensprojekt wurden die Bienenvölker der Foundation. Schon in Deutschland war Imkern ein langjähriges Hobby von mir, das ich nun bei den Bienenvölkern meiner Arbeitsstelle weiterführen konnte. Der Zustand der Bienenkästen war anfangs recht desolat: Rostige Deckel, beschädigtes Holz, kaum Schutz vor der kommenden Regenzeit. Nach einem Projektantrag über VolNet konnten wir die Reparatur finanzieren. Ein befreundeter Imker und Handwerker reparierte die Beuten, anschließend siedelten wir die Völker gemeinsam um. Das war körperlich und mental durchaus fordernd: Westafrikanische Honigbienen sind deutlich defensiver als die Bienen, die ich aus Deutschland kenne. Wenn mehrere hundert Bienen um den Kopf schwirren und man trotzdem ruhig Wabe für Wabe umsetzen muss, merkt man schnell, wie wichtig Konzentration und Erfahrung sind. Am Ende standen alle Völker in neuen Behausungen. Ein kleiner, aber für mich sehr bedeutender Erfolg.
Aus diesem Projekt ist außerdem ein Imker-Training entstanden: Gemeinsam mit der Sandele Foundation habe ich begonnen, interessierten Menschen die Grundlagen des Imkerns näherzubringen: Erst theoretisch, später auch praktisch an den Völkern. Das war eine so tolle Erfahrung, das eigene Wissen über dieses Training weiterzugeben und bei den Teilnehmern die Begeisterung an der Imkerei zu säen.

Kreativität gefragt: Die Friday Activities auf Benna Kunda
Auch auf Benna Kunda, dem Freizeitgelände meiner Entsendeorganisation VolNet, haben die letzten Monate viel Freude gemacht. Freitags organisiere ich dort Nachmittagsaktivitäten für Kinder und Jugendliche. Um mal ein paar Highlights zu nennen: Besonders toll war ein Volleyball-Nachmittag. Gemeinsam mit zwei Trainern aus Brikama übten über 25 Kinder und Jugendliche die Grundschläge des Volleyball-Sports: Das Baggern, Pritschen und Schmettern. Anschließend wurde ein Turnier gespielt. Weitere Höhepunkte waren gemeinsame Bastelworkshops sowie das Bemalen von Ostereiern. Solche Nachmittage sind laut, chaotisch, energiegeladen und genau deshalb so schön.


Ramadan, Koriteh und gelebte Gemeinschaft
Neben der Arbeit haben mich auch die kulturellen Erfahrungen der letzten Monate sehr geprägt. Der Ramadan im März veränderte den Alltag spürbar: Tagsüber war vieles ruhiger, abends erwachte das Leben beim gemeinsamen Fastenbrechen. In meiner Gastfamilie verschoben sich die Tee-Runden mit meinem Gastvater in die späten Abendstunden. Ich habe großen Respekt vor der Disziplin, bei Temperaturen um die 30 Grad tagsüber weder zu essen noch zu trinken. Das anschließende Zuckerfest, Koriteh, war für mich eines der intensivsten Erlebnisse meines Aufenthalts. In einem geschneiderten Caftan ging ich mit meiner Gastfamilie zum großen Gebet in Gunjur. Tausende Menschen in festlicher Kleidung, Gebetsteppiche auf einem weiten Platz, danach Besuche, Essen, Fotos, Kinder in den Straßen. Es waren mehrere Tage voller Wärme und Gemeinschaft.

Alltag, Begegnungen und Abschied
Gemeinschaft zeigt sich in Gambia für mich ohnehin immer wieder im Alltag. Beim gemeinsamen Essen aus einer großen Schüssel, beim Tee, im Fitnessstudio in Gunjur, bei Nachbarn, Freunden und Kollegen. Selbst ein kleines Gym mit alten Geräten kann hier zu einem sozialen Mittelpunkt werden, weil man sich begrüßt, ins Gespräch kommt und sich gegenseitig motiviert. Vieles ist weniger anonym als in Deutschland.
Wenn ich auf die letzten Monate zurückblicke, sehe ich nicht nur einzelne Projekte, sondern vor allem Beziehungen: zu meiner Gastfamilie, meinen Kollegen, den Kindern auf Benna Kunda, den Partnern der Sandele Foundation und Freunden in Gunjur und Kartong. Der Abschied Mitte Juni wird mir deshalb nicht leichtfallen. Gleichzeitig bin ich dankbar, dass aus anfänglichem Ankommen echtes Mitgestalten geworden ist. Gambia war für mich in diesen Monaten nicht nur ein Einsatzort, sondern ein richtiges Zuhause.
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