Familienleben in Sizilien

Einjähriger Au-Pair-Aufenthalt in Italien

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Geschrieben von: Sabrina Schatz

Land: Italien

Aufenthaltsdauer: 12 Monate

Programm: Au-Pair

Erschienen in: (Nix für) Stubenhocker.

Die Zeitung für Auslandsaufenthalte,
Nr. 9 / 2019, S. 38-39

Der Gedanke, für eine Zeit ins Ausland zu gehen, beschäftigte mich schon lange. Am liebsten nach Italien, in die Sonne und ans Meer. Raus aus dem Alltag, endlich frei und unabhängig sein. Die Welt entdecken, neue Kulturen und Menschen erleben, eine neue Sprache lernen. Wenn nicht jetzt, wann dann?! Also setzte ich mich an meinen Schreibtisch, recherchierte und entschied mich für einen Au-Pair-Aufenthalt.

Nur wenige Wochen später saß ich in einem kleinen süßen Hinterhof eines italienischen Restaurants inmitten von Sizilien, umgeben von einer italienischen Großfamilie, die mich für ein erstes Kennenlernen eingeladen hatten und mich nun mit neugierigen Fragen und Blicken löcherte. Es muss wohl so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gewesen sein, denn schon am selben Tag stand fest, dass ich das neue Au-Pair sein würde. Die zwei kleinen Mädchen, fünf und neun Jahre alt, hatten mich bereits in ihr Herz geschlossen. Besonders meine Locken, die sich genauso kringelten wie die ihrigen, waren der Beweis dafür, dass wir nur Schwestern sein konnten. So kehrte ich voller Vorfreude nach Deutschland zurück, um Freunde und Familie in mein bevorstehendes Abenteuer einzuweihen. In anderthalb Monaten sollte es schon losgehen. Ich blickte dabei einem recht entspannten Arbeitsleben entgegen, das mich Montag bis Freitag jeweils nachmittags und Samstag morgens fordern sollte. Meine Aufgaben würden darin bestehen, Zeit mit den Kindern zu verbringen, sie zu beschäftigen und ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen. Und das alles auf Deutsch, denn beide besuchten seit ihrem dritten Lebensjahr eine deutsche Schule und sollten mit mir ihre Sprachkenntnisse erproben und verbessern.

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Bevor es losging, besuchte ich noch einmal Verwandte und Bekannte, traf mich so oft wie möglich mit all meinen Freunden, verabschiedete mich bereits von dem ein oder anderen und malte mir zigmal aus, wie toll es doch in Italien werden würde. In dieser Zeit beschäftigte mich vor allem eine Frage: Was packt man in seinen Koffer, wenn man für ein Jahr auf Reisen geht? Und während all dieser Überlegungen überkam sie mich ganz plötzlich und unerwartet – die Traurigkeit. Ich zweifelte an mir und an meiner Entscheidung. War das wirklich eine so gute Idee gewesen? Alleine in ein fremdes Land zu gehen, dessen Sprache ich nicht beherrschte? In dem ich nichts und niemanden kannte? Meine Freunde erleichterten mir den Abschied dabei nicht. Am letzten Abend vor der Abreise erkannte ich schon von Weitem das tränenüberströmte Gesicht meiner besten Freundin. Am nächsten Morgen um 11:20 Uhr landete ich dann am Flughafen von Catania, wo mich mein Vorgänger-Au-Pair, Friederike, schon erwartete. Kopfschmerzen und verquollene Augen von zu viel Tränen und zu wenig Schlaf machten mir zu schaffen. Voll bepackt mit Koffern, Taschen und meinem Rucksack, trat ich schweißgebadet in die Hitze hinaus, die sich schon jetzt bemerkbar machte. Ich war angekommen. Was hatte ich mir nur angetan? Doch Tränen und Abschiedsschmerz wichen bald der Neugierde. All die neuen Eindrücke ließen den negativen Gedanken nur wenig Platz.

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Stattdessen war ich umgeben von der italienischen Sprache, wildem Verkehrschaos, Gehupe und Getöse, Schriftzügen, die ich nicht verstand, und noch dazu zog ich in meine erste eigene Wohnung ein. Es war die reinste Sinnesüberflutung. Bereits am Tag nach meiner Ankunft erwartete mich der erste Arbeitstag bei meiner Gastfamilie, die mich freudig und lautstark willkommen hieß. Die ersten zwei Tage begleitete mich Friederike, um mich mit meinem neuen Arbeitsumfeld vertraut zu machen und mir meinen Einstieg mit Tipps zu erleichtern. Doch nachdem sie sich von der Familie verabschiedet hatte, merkte ich schnell, dass die zuvor geschworene Schwesternschaft zwischen den Kindern und mir erst einmal auf Eis gelegt worden war. Zu sehr trauerten die Kinder ihrer Friederike nach. In den ersten zwei bis drei Wochen waren sie mir gegenüber eher vorsichtig und sträubten sich des Öfteren, Zeit mit mir zu verbringen. Zwar konnte ich diese Ablehnung nachvollziehen, da die Kinder ja immerhin von heute auf morgen eine wichtige Bezugsperson verloren hatten, dennoch nagte dieseSituation sehr an mir. Um mich also etwas abzulenken, unternahm ich in meiner Freizeit viel, wenn auch alleine. Denn Leute in meinem Alter hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht kennengelernt. So erkundete ich die Stadt, wollte jedes noch so kleine Gässchen, alle Ecken und Winkel, alle Geschäfte und Strände, die es zu finden gab, entdecken.

„Schon bald verbrachte ich meine Abende in geselligen Runden“

Doch bald schon kam es mir so vor, als hätte ich die Stadt hundertmal abgelaufen. Auf die öffentlichen Verkehrsmittel war nur wenig Verlass, sodass ich es kaum wagte, nahe gelegene Städte zu besuchen, was abgesehen von meinen Arbeitszeiten auch nur schwer möglich war. Und obwohl meine Gastmutter versuchte, mir Mut zuzusprechen, versank ich immer mehr in einer Tristesse. Heimweh plagte mich. Ich hatte das Gefühl, genug Abenteuer erlebt zu haben. Ich sehnte mich nach Hause zu meiner Familie und meinen Freunden, zurück in mein geregeltes Leben. Doch es half alles nicht. Mein Auslandsjahr stellte mich auf eine harte Probe, die ich allerdings mit Bravour bestehen sollte. Da ich in meiner viel zu großen Wohnung alleine lebte, entschied ich mich, nach einer neuen Bleibe zu suchen mit Menschen in meinem Alter. Gesagt, getan. Schon bald verbrachte ich meine Abende in geselligen Runden, lernte die ersten italienischen Rezepte und Sprachfetzen kennen. Mein Freundeskreis wuchs innerhalb weniger Wochen an, sodass jedes Wochenende andere Unternehmungen auf dem Programm standen. Ich ging ins Kino, obwohl ich kein Wort verstand, bestieg den Vulkan Ätna und genoss die fantastische Aussicht über die Insel, besuchte das erste Mal in meinem Leben ein Rugbyspiel, grillte mit Freunden und genoss unser Zusammensein. Wir gingen feiern, besuchten andere Städte und gingen am Meer spazieren.

„Für die Kinder war ich nun die große Schwester“

Und während ich mich immer wohler und heimischer fühlte, gewöhnten sich auch die Kinder an die Veränderung. Unsere Nachmittage gestalteten sich immer kreativer: Während ich anfangs regelrecht um ihre Aufmerksamkeit kämpfen musste, so wurden sie nun immer offener und unternehmungslustiger. Bald wurden Einkaufslisten geschrieben, denn Farben, Perlen, Fäden und Lebensmittel mussten besorgt werden, damit neue Rezepte ausprobiert und Schmuck gebastelt werden konnte. Wir dachten uns Theaterstücke aus, bauten Verstecke und erzählten uns Gruselgeschichten. Und auch unsere Gesprächsthemen veränderten sich. Bald interessierten Hobbys und die Lieblingsfarbe nicht mehr so sehr wie das Leben des anderen, dessen Geheimnisse, Erlebnisse, Ängste und Träume. Die Geduld hatte sich ausgezahlt. Für die Kinder war ich nun die große Schwester, die in sämtliche Familienunternehmungen eingeplant wurde, wobei mir die Eltern jederzeit vollste Entscheidungsfreiheit ließen, wenn die Unternehmungen außerhalb meiner Arbeitszeit lagen. Und so verging Tag für Tag in meinem neuen Alltag zwischen italienischem Familienleben und meinem neuen Freundeskreis. Endlich fühlte ich mich in meiner zweiten Heimat angekommen. Ich liebte mein Leben, die Stadt, meine Gastfamilie, einfach alles.

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Doch ehe ich mich versah, wurden die Tage heißer und die Nächte lauer. Der Sommer und die Sommerferien standen schon wieder vor der Tür. Die Kinder waren jetzt den ganzen Tag zu Hause, sodass ich auch Montag bis Samstag früh arbeiten musste. Doch wir ließen es uns einfach gut gehen. Jeden Morgen gingen wir mit der Mutter oder der Tante ans Meer, gingen schwimmen, verbuddelten uns im Sand und genossen die Sonne. Aber ganz so unbeschwert war der Sommer dennoch nicht. Denn mit ihm kam auch die Wehmut, das Bewusstsein, bald wieder gehen zu müssen. Der Gedanke daran war nicht nur für mich schmerzhaft, sondern auch für die Kinder. So wie sie vor einem Jahr wegen ihres vorherigen Au-Pairs gelitten hatten, so taten sie es jetzt wegen mir. Beide wurden sehr anhänglich, drückten und kuschelten mich, wann immer es ging, und versicherten sich tausendmal, dass ich sie immer besuchen werde und sie mich. Tränen flossen immer öfter, je näher der Abschied kam, und doch überwog das freudige Bewusstsein, uns gegenseitig gefunden zu haben. Letztendlich vergeht ein Jahr wie im Flug, eben erst hat es begonnen, da steuert es schon wieder auf sein Ende zu.

„Es ist schwer, eine solche Erfahrung in Worte zu fassen“

Dennoch freute ich mich auch auf die Rückkehr nach Deutschland, denn in mir wuchs das Verlangen, wieder Verpflichtungen nachzugehen, die mich forderten. Zwar war der Abschied mehr als herzzerreißend und wirkte noch einige Wochen nach, dennoch blickte ich voller Vorfreude einem neuen Lebensabschnitt entgegen. Denke ich heute an dieses eine Jahr zurück, dann begebe ich mich jedes Mal in dieselbe Achterbahn der Gefühle, die ich damals gefahren bin. Lieder und Bilder, Freunde, die ich damals kennengelernt habe und die mich noch heute begleiten, wecken Erinnerungen und Emotionen, die mir noch so frisch erscheinen, als hätte ich sie erst gestern erlebt. Es ist schwer, eine solche Erfahrung in Worte zu fassen. Floskeln wie: Ein Jahr im Ausland bereichert das Leben, erweitert den Horizont oder lässt den Charakter wachsen, mögen zwar kitschig klingen, entsprechen aber tatsächlich der Wahrheit. Die Entscheidung, für ein Jahr ins Ausland zu gehen, war trotz aller anfänglichen Zweifel und Ängste eine der besten und richtigsten meines Lebens. Heute kommt es mir so vor, als hätte ich noch nie so intensiv gelebt, gefühlt, gezweifelt wie in diesem einen Jahr. So kann auch nur jemand, der von zu Hause weggegangen ist, verstehen, welch unfassbares Gefühl es ist, in die „alte“ und geliebte Heimat zurückzukehren, mit einem kostbaren Schatz an Erinnerungen und Erlebnissen im Schlepptau.

Sabrina Schatz, 29, hat Kommunikationswissenschaft in Bamberg studiert und ist nach ihrem Abschluss nach Bologna gegangen, wo sie in der Kommunikationsabteilung einer Firma für Naturprodukte aus Südamerika und Indien arbeitet. In naher Zukunft möchte sie als Backpacker Thailand erkunden.

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