Ein Jahr unter Artisten

Mein Leben im australischen Zirkuszelt

weltweiser · Arbeit als Clown im Zirkus

Geschrieben von: Andreas Schaible

Land: Australien

Aufenthaltsdauer: 12 Monate

Programm: Work & Travel

Erschienen in: (Nix für) Stubenhocker.

Die Zeitung für Auslandsaufenthalte,
Nr. 5 / 2015, S. 64-65

Ich war bereit. Ich hatte das Abitur bestanden und nun wollte ich ein neues Ufer erreichen: Work & Travel in Australien. Seit Monaten beschäftigte ich mich mit dem Visum und den anderen Formalitäten und konnte es kaum erwarten, endlich australischen Boden zu betreten. Ich fieberte pausenlos dem Tag meiner Abreise entgegen, doch als es dann endlich so weit war, traf mich der Moment des Abschieds auf einmal unvorbereitet.

Zweifel machten sich in mir breit: „Soll ich wirklich mein gewohntes Umfeld und meine Familie verlassen?“ Zum einen überkam mich große Trauer über den Abschied, zum anderen spürte ich jedoch große Vorfreude auf das Abenteuer. Es war eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle. Mit Tränen in den Augen stieg ich ins Flugzeug. Außer meinem Rucksack hatte ich eine Menge Optimismus und eine gute Idee im Gepäck. Diese Idee wollte ich umsetzen, es war sozusagen mein großer Traum: Ich wollte in einem Zirkus arbeiten! Gleich nach meiner Ankunft begann ich mit großem Eifer, bei verschiedenen Unternehmen anzuklopfen, und wurde bald belohnt. „Silver’s Circus“, der größte Zirkus des australischen Kontinents, wurde mein neuer Arbeitgeber. Artisten aus aller Welt begeisterten tagtäglich die Zuschauer in der großen Manege, denn nicht umsonst war mein zukünftiger Arbeitsplatz in die Liste der zehn weltbesten Zirkusse aufgenommen worden. Mit großen Erwartungen sah ich mir ein Video der Vorstellung an und bekam tatsächlich eine Gänsehaut. Ich sollte nun Helfer in diesem Zirkus werden? Unglaublich.

Strandausritt auf Dromedar
Jetskifahren in Australien
Als Artist am Seil im Zirkus

Dann war es so weit und der Zirkusdirektor lud mich zum Besuch der Show ein. Mit großer Vorfreude machte ich mich auf den Weg zum Schauplatz. Zwischen den Bäumen schimmerte bereits das große Zelt hindurch. Mit pochendem Herz stellte ich mich vor und wurde sofort herzlich empfangen und in das Zelt geführt. Ich bekam einen Platz mit wunderbarer Sicht auf die Manege. Gefährliche und atemberaubende Auftritte, verblüffende Zaubertricks, spaßige Clowns und elegante Artisten in luftiger Höhe zählten zum Programm. Der Zirkus wurde seinem Ruf als einer der weltbesten gerecht, und ich konnte es kaum erwarten, die Darsteller persönlich kennenzulernen. Die Show war bereits atemberaubend gewesen, doch was danach folgte, war für mich kaum in Worte zu fassen: Ich bekam einen eigenen Wohnwagen! Völlig perplex stand ich in meinem neuen Zuhause mit Bett, Schränken, Waschbecken und sogar einem eigenen Kühlschrank. Ich brauchte eine Weile, um das zu begreifen, doch dann übermannten mich die Gefühle. Eine wilde Freude machte sich in mir breit und sofort fing ich an, meinen Rucksack zu leeren und meine Kleidung in die Schränke einzuräumen. Allerdings gelang mir keine sinnvolle Ordnung, denn in diesem Moment war ich zu aufgewühlt, um einen klaren Kopf zu bewahren.

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Dann stand die zweite Show des Tages an und ich wurde von meinem Mentor direkt in meine neue Arbeit eingeführt. Um ehrlich zu sein, hatte ich mit simplen Tätigkeiten gerechnet, beispielsweise die Manege nach der Vorstellung zu säubern oder Popcorn von den Zuschauerrängen zu kratzen. Doch meine Erwartungen wurden übertroffen: Unter anderem war ich für den Einsatz der Rauchmaschine während der Show verantwortlich und sollte mich um den Flammenwerfer beim Auftritt des Jongleurs kümmern. Als größte Herausforderung stellte sich allerdings die Hilfe bei einem Zaubertrick dar. Der Magier gab während einer Illusion auf der Bühne vor, zwei seiner Assistentinnen verschwinden zu lassen. Mir wurde dabei die Verantwortung übertragen, die Falltüren im richtigen Moment zu öffnen. Es dauerte etwas, bis ich meine ersten Eindrücke verarbeitet hatte, doch schließlich wurde mir bewusst: Dies war kein Traum. Ich befand mich im realen Leben, als Teil der sagenumwobenen Zirkuswelt. Mit der Zeit gewöhnte ich mich mehr und mehr an mein Umfeld, lernte die außergewöhnlichen Charaktere der Artisten näher kennen und fühlte mich sehr wohl. Das lag zu einem großen Teil auch daran, dass sich zwischen Zauberer Simon und mir eine enge Freundschaft entwickelt hatte. Des Öfteren besuchte ich ihn nach der Aufführung in seinem Wohnwagen und er erzählte mir von seinen Abenteuern. Im Laufe seines Lebens hatte er seine Tricks in den verschiedensten Ländern der Welt aufgeführt und kannte daher die internationale Zirkuswelt wie kein anderer. Ich war begeistert.

„Ich wagte mich auf das „Flying Trapeze“ und studierte ein paar Tricks ein“

Die Arbeit im Zirkus steckte voller Herausforderungen und Überraschungen. So konnte es vorkommen, dass plötzlich das australische Fernsehen auftauchte und einen Mitschnitt drehte. Außerdem war es aufregend, sich selbst als Artist zu versuchen. Nach ein paar Vorübungen wagte ich mich auf das „Flying Trapeze“ und studierte in der vorstellungsfreien Zeit ein paar Tricks ein. Bald stand auch schon Weihnachten vor der Tür. Zum ersten Mal in meinem Leben sollte ich die Feiertage nicht im Kreise meiner Eltern und Geschwister am warmen Ofen verbringen, sondern bei strahlendem Sonnenschein mit meiner australischen Zirkusfamilie in der Manege. Diese zwei Szenarien könnten unterschiedlicher kaum sein. Der Zirkusdirektor lud mich ein und zusammen mit den anderen Artisten genoss ich bei einem feierlichen Festmahl den Weihnachtstag. Ich war überwältigt, als bei der Verteilung der Geschenke des Öfteren mein Name gerufen wurde. Mit strahlendem Gesicht nahm ich die Pakete entgegen und bekam bereits Bedenken, ob die neuen T-Shirts, Badehosen und die andere Kleidung überhaupt in meinen kleinen, bescheidenen Reiserucksack passen würden. In dem Moment wurde mir bewusst, dass sich mein Heimweh dank der Zirkusfamilie in Grenzen hielt und dass ich mich hier geborgen fühlte. Dieses Gefühl am anderen Ende der Welt zu haben, ist unbezahlbar.

„Du wirst unser neuer Clown sein“

Direkt nach Weihnachten wurde unser Zelt eingepackt und wir zogen in eine neue Stadt, nach Rosebud an der südlichen Küste Australiens. Bereits seit Wochen war meine Vorfreude auf diese Station gestiegen, denn unser Zelt wurde direkt am Meer aufgebaut. Ich konnte meinen Augen kaum trauen, denn mein Wohnwagen stand tatsächlich nur knapp 10m vom Strand entfernt. Doch nicht nur das, mein persönlicher Höhepunkt war ein Gespräch mit dem Zirkusdirektor, der zu mir sagte: „Andreas, dein Vorteil ist es, dass du dich nicht einmal als Clown verkleiden musst, um die Menschen zum Lachen zu bringen.“ Ich wusste, dass er gerne Witze auf meine Kosten machte, und so ließ ich mich auch dieses Mal zu einem Schmunzeln hinreißen. Er versicherte mir jedoch, dass dies kein Witz gewesen sei: „Du wirst unser neuer Clown sein!“ Ich starrte ihn ungläubig an. Nach einigen Momenten realisierte ich das Gesagte und spürte eine große Freude. Ich werde Clown sein! Mit einem neuen Outfit und einem absolvierten Schminkkurs für ein professionelles Make-up starteten die Proben in der Manege. Mein Kollege Dominik bereitete mich auf den Auftritt vor und vor der Premiere erfolgte eine Generalprobe mit dem Licht- und Tontechniker. Schließlich fühlte ich mich bereit, den roten Teppich unserer Manege das erste Mal als Performer zu betreten.

„Bei Ausflügen mit dem Jetski aufs Meer hinaus trafen wir eine Seelöwenfamilie“

Die Rahmenbedingungen hätten kaum besser sein können: Knapp 800 Besucher wollten sich in der ausverkauften Vorstellung verzaubern lassen. In meinem Wohnwagen bereitete ich mich auf den Auftritt vor. Ich blickte ein letztes Mal in den Spiegel – und starrte einem Clown in die Augen. Mit einem Kribbeln in der Magengegend betrat ich als Clown Augusto die Manege. Die erste Show verlief klasse und wir wurden mit tosendem Gelächter verabschiedet. Meine Freude kannte keine Grenzen, der Aufwand hatte sich gelohnt und ich war tatsächlich ein waschechter Clown des großen „Silver’s Circus“ geworden. Tagtäglich gaben wir morgens und abends eine Vorstellung. Die Mittagspausen zwischen den Aufführungen verbrachte ich als Ausgleich am Strand und nutzte die Zeit, um mir neue Späße für die Auftritte zu überlegen. Bei Ausflügen mit meinem Clownkollegen und seinem Jetski aufs Meer hinaus trafen wir eine Seelöwenfamilie, mehrere Delfine und einen riesigen Rochen, der auf dem Meeresgrund vorbeischwebte. Da wir als Wanderzirkus ständig von Ort zu Ort reisten, lernte ich auf diese Weise Land und Leute kennen. Mehrere Monate führte ich mein Doppelleben als Clown und verliebte mich mehr und mehr in den Zirkus. Umso schwerer fiel mir der Abschied. Ungläubig packte ich meinen Rucksack und ließ traurig meine Zirkusfamilie und meinen Wohnwagen zurück. Ich versprach, sie erneut zu besuchen.

„Nach einigen Tagen tat sich endlich eine Oase auf: die Thermalquellen der Mataranka Hot Springs“

Dann begann ein neues Kapitel meiner Reise: Mit einem kleinen Van und zwei Freundinnen startete ich einen Roadtrip. Ich wollte die australische Freiheit erleben und ohne Verpflichtungen die Wunder von Down Under genießen. Wir unternahmen Wanderungen durch den Regenwald, hatten ein kuscheliges Treffen mit Koalas und ritten auf einem Kamel am Meer entlang. Nebenbei verbesserten wir unsere Kochkünste und bereiteten mit einem kleinen Campingkocher täglich Leckereien zu. Wir bereisten die gesamte Ostküste des Landes und wagten uns in das rote Herz des Landes, das Outback. Hunderte von Kilometern fuhren wir mit offenem Fenster und dröhnenden Lautsprecherboxen an Känguru-Warnschildern vorbei durch die brennende Hitze der australischen Wüste. Auf diese Weise bekamen wir eine Ahnung von der wahren Größe des Landes, während sich ganz nebenbei der Staub der trockenen Straße auf unseren Körpern festsetzte. Bei unserer Suche nach einer Dusche begegneten wir zahlreichen Kängurus, einem Dingo und einer meterlangen Würgeschlange. Nach einigen Tagen tat sich endlich eine Oase auf: die heißen Thermalquellen der Mataranka Hot Springs. Das sanfte, kristallklare Wasser war eine Wohltat und wir erfrischten uns nach den langen Fahrten der letzten Tage. Wortwörtlich die größte Sehenswürdigkeit war allerdings der Ayers Rock, der gigantische rote Felsen, der sich aus dem flachen Gebiet erhebt. Die Reise in die mystische Gegend des Outback ist vermutlich die lohnendste Art, den australischen Kontinent in seiner ganzen Schönheit kennenzulernen.

Andreas Schaible, 22, studiert Wirtschaftsinformatik und arbeitet nebenbei mit Menschen mit Behinderung. Bei Ferienfreizeiten steht er des Öfteren zur Unterhaltung auf der Bühne – sozusagen als Alternative zu seiner australischen Karriere als Clown.

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