Von Lachkrämpfen und Abschiedstränen

Erfahrungsbericht zu einem Schulhalbjahr in der Bretagne

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Geschrieben von: Lilian Weiken

Land: Frankreich

Aufenthaltsdauer: 5 Monate

Programm: Schüleraustausch

Erschienen in: (Nix für) Stubenhocker.

Die Zeitung für Auslandsaufenthalte,
Nr. 3 / 2013, S. 23-25

Aufregung, Vorfreude, Nervosität – die Liste der Gefühle ist ziemlich lang, wenn man kurz davor steht, ein halbes oder ganzes Schuljahr im Ausland zu verbringen. So war es zumindest bei mir, als ich Ende August endlich nach Frankreich aufbrach, um dort fünf Monate lang den französischen Alltag, die Schule, die Menschen und ihre Sprache, also das ganze „savoir-vivre“ der Franzosen kennenzulernen.

Als ich mich endgültig dazu entschloss, das erste Halbjahr der deutschen Oberstufe statt in meiner gewohnten Umgebung in Frankreich zu verbringen, hatte ich bereits einiges an Vorarbeit geleistet: Ich hatte mich durch etliche Internetseiten geklickt und viele Broschüren bestellt, um die richtige Austauschorganisation für mich zu finden. Als ich meine Wahl getroffen hatte und ein wirklich gutes Vorstellungsgespräch hinter mir lag, begann die Zeit des Unterlagenausfüllens, des Sammelns von Informationen und des Wartens auf die Zusage einer Gastfamilie. Schon Mitte März überraschte mich ein Anruf meiner Austauschorganisation: Man hatte bereits eine Gastfamilie in der Bretagne für mich gefunden! Der erste etwas zaghafte Kontakt stellte sich als gar nicht so schwer heraus und in den Monaten vor meiner Abreise telefonierten wir mehrmals miteinander. Das Vorbereitungswochenende meiner Austauschorganisation, das in einer Jugendherberge stattfand, war richtig lustig und ließ mich all meine Bedenken vergessen. Wenn allein die Vorbereitung mit all den anderen Jugendlichen, die in die ganze Welt wollten, so viel Spaß machte, konnte das Auslandshalbjahr ja nur super werden!

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Als ich anfing zu packen, kamen mir – so kurz vor der Abreise – dann doch noch ein paar Zweifel. „Wieso verlasse ich überhaupt meine Freunde und Familie?“ „Was nimmt man für ein halbes Jahr fern von zu Hause alles mit?“ Und schließlich: „Wie passt dieser Berg von Klamotten in meinen Koffer?“ Aber auch das war ein paar Stunden vor Abflug geschafft, und als ich schließlich mit zwei anderen Austauschschülern im Flugzeug saß, konnten wir noch gar nicht richtig glauben, dass wir Deutschland für fünf oder zehn Monate den Rücken kehrten. Wir fanden die Vorstellung super und waren auf unserer halbtägigen Weiterfahrt quer durch Frankreich vor Reiselust ziemlich albern. Relativ erschöpft von der ganzen Aufregung kam ich spätnachmittags bei meiner Gastfamilie an, und obwohl ich mich dort anfangs noch recht fremd fühlte, war ich sicher, ich würde mich schnell eingewöhnen.

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Staunend erlebte ich die ersten Wochen in meiner neuen Umgebung. Es machte unglaublichen Spaß, ständig neue Menschen kennenzulernen und zu versuchen, mit ihnen zu kommunizieren. Denn obwohl ich in Deutschland recht gut in Französisch gewesen war, konnte ich dem allgemeinen Sprachtempo kaum folgen. Vor allem in der Schule verstand ich anfangs im Doppelfach Erdkunde-Geschichte und im Fach Französische Literatur trotz netter Lehrer höchstens jedes zehnte Wort, welches ich gleich eifrig notierte. Schließlich schreiben in Frankreich alle Schüler mit, während der Lehrer meist vorne steht, analysiert und erklärt. Das führte dazu, dass ich am Ende meines Aufenthalts, als ich meine Mitschriften der ersten Monate noch einmal durchging, ein ziemliches Chaos von unzusammenhängenden Wörtern vorfand und mich köstlich amüsierte. Viel Spaß hatte ich indessen in Englisch, Mathe und den Naturwissenschaften: Prozentrechnung und Licht durch Farbfilter zu schicken war für meine zehn Mitschüler etwas völlig Neues und nicht gerade Angenehmes. Mir hingegen kamen die Fächer fast wie Freizeit vor und sie kompensierten das konzentrierte Zuhören während der anderen Schulstunden. Anstrengend war der lange Schultag auf jeden Fall. Inklusive der eineinhalbstündigen Mittagspause dauerte er in der Regel bis 17:30 Uhr.

„Nach zwei Monaten schließlich fing es so richtig an mit dem Drauflosreden“

Ohne es wirklich zu merken, verstand ich immer besser, lernte unbewusst eine Unmenge neuer Wörter in der Schule und in Gesprächen mit meiner Gastfamilie und machte mehr und mehr selbst den Mund auf. Nach zwei Monaten schließlich fing es so richtig an mit dem Drauflosreden. Die Freundschaften wurden schnell enger, weil ich mich nun endlich traute, munter mitzuquatschen. Es gab natürlich weiterhin eine Menge zu lachen, wenn ich irgendwelche für die Franzosen anscheinend sehr lustigen Sprüche von mir gab. Diese mussten mir dann erst einmal erklärt werden, nachdem meine Freundinnen wieder sprechen konnten und sich die Lachtränen abgewischt hatten. Auch die Haltung meiner Mitschüler mir gegenüber änderte sich: Unsere kleine Klassengemeinschaft war zwar nicht die beste, aber ich wurde aktiver mit einbezogen und konnte nicht selten in Mathe und Englisch aushelfen, sodass Marion irgendwann laut im Unterricht tönte: „Lilian, elle est trilingue!“ – Sie ist ja dreisprachig! Außerdem fiel ich den Lehrern wohl durch vermehrtes Geflüster mit den Sitznachbarn auf, was sich aber nicht negativ auf meine Noten auswirkte, da diese in Frankreich eher die schriftlichen Leistungen wiedergeben. Am Elternsprechtag wurde ich für meinen Fortschritt jedenfalls ausschließlich gelobt, was meine sowieso sympathischen Lehrer in meinen Augen noch netter und verständnisvoller machte.

„Meine Gastmutter sagte mir schon innerhalb der ersten zwei Wochen, ich sei für sie wie eine richtige Tochter“

Nach rund drei Monaten kam es in meiner Gastfamilie zu großen Schwierigkeiten und unsere unterschiedlichen Charaktere zeigten sich deutlich, sodass ich entschied, dass ein Wechsel das Beste für mich wäre. Das war nicht ganz einfach, aber als die endgültige Entscheidung gefallen war, war ich sehr erleichtert, und ich bekam von allen Seiten Unterstützung. Meine Freunde in der Schule trösteten mich und munterten mich auf, die französische Partnerorganisation und meine Koordinatorin riefen mich oft an und versicherten mir, dass ganz schnell eine neue Familie gefunden sein würde. Sie behielten Recht, denn gleich zwei Schulfreundinnen erklärten sich gerne bereit, mich für die restlichen Monate aufzunehmen. Es überraschte mich, wie unproblematisch der Umzug nach einer Woche vonstattenging, denn ich hatte Angst davor gehabt, meiner unwissenden Gastfamilie das alles zu erklären. Diese Aufgabe nahm meine Koordinatorin mir jedoch ab und mit ihrer Hilfe zog ich überglücklich in mein neues Zimmer bei meiner Freundin Léa ein. Dort fühlte ich mich sofort pudelwohl und meine Gastmutter sagte mir schon innerhalb der ersten zwei Wochen, ich sei für sie wie eine richtige Tochter. Mit meiner neuen Gastfamilie unternahm ich viele Tagesausflüge ans nahe gelegene Meer, wo ich von den wirklich wunderschönen Stränden und Klippen der Bretagne beeindruckt war. Ab und zu fuhren wir in die größeren Städte in der Umgebung oder ich ging spontan mit meinen Gastgeschwistern oder Freundinnen ins Kino. Es war allein schon ein Erlebnis, mit meiner fünfköpfigen Gastfamilie im Wohnzimmer zu sitzen und französische Kultfilme wie „La Grande Vadrouille“ aus dem Jahr 1966 oder „Bienvenue chez les Ch’tis“ zu gucken, wo ich mich einfach nur weglachen konnte, weil vor allem letzterer Film auf Französisch – auf Deutsch habe ich ihn nie gesehen – einfach nur klasse ist. Meine Gastschwestern und ich schafften es sogar, bei „Herr der Ringe“, auf Französisch „Le Seigneur Des Anneaux“, abwechselnd in Lachkrämpfe und Tränen auszubrechen.

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Im Dezember merkte ich: Der bretonische Winter ist so eine Sache für sich. Ungewöhnlicherweise schneite es dieses Jahr richtig. Das sind die Bretonen gar nicht gewohnt. Klar ging es erst einmal raus, Schneemann bauen! Und Weihnachten, genau wie Silvester, war fast weiß. Tanten, Onkel und Cousins kamen uns besuchen, und ich hatte angesichts dieses Festes kein bisschen Heimweh, es war einfach nur schön. Sogar am zweiten Weihnachtsfeiertag fuhren wir ans Meer und hatten bei ausgedehnten Spaziergängen und in der Crêperie eine Menge Spaß. Kurz nach Silvester, das in der Bretagne völlig ohne Feuerwerk, aber trotzdem ordentlich gefeiert wird, wurde ich auf einmal an das Unausweichliche erinnert: Es waren nur noch drei Wochen bis zu meiner Abreise! Ich konnte und wollte das gar nicht glauben und auch meine Gastschwester Léa sagte: „Ach hör auf damit, das macht mich wahnsinnig traurig.“ Die Zeit war wie im Flug vergangen und ich versuchte, das Datum meiner Abreise möglichst oft zu verdrängen. Das gelang mir sogar, denn Schule im Winter ist in der Bretagne etwas ganz Besonderes: Weil die Bretonen sich gar nicht erst um Winterreifen bemühen, da sich das für einmal Schnee in fünf Jahren nicht lohnt, fuhren keine Schulbusse. Unser Schulweg war zwar zu Fuß zu bewältigen, aber mindestens dreiviertel der Schüler und auch viele Lehrer an meinem Lycée hatten einen weiteren Schulweg. So kam es, dass bei zwei Zentimetern Schnee auf den Straßen tagelang der Unterricht ausfiel. Das fanden wir natürlich toll, bedeutete es für uns doch verlängerte Ferien. Außerdem wurden dadurch die mündlichen Prüfungen in Französisch um eine Woche nach hinten verlegt – auf die Woche nach meinem Abflug. Das kam mir ganz gelegen, weil ich reichlich Bammel davor gehabt hatte, obwohl ich laut meines Zeugnisses im Durchschnitt Klassenbeste war. Das ist bei zehn Mitschülern allerdings auch nicht ganz so schwer.

„Für mich war es unvorstellbar, auf einmal nach Hause zu fliegen“

Irgendwann Ende Januar kam dann, was kommen musste: das Kofferpacken und Abschiednehmen. Meine Gastschwestern und ich organisierten eine Abschiedsparty, sodass ich den letzten Abend mit meinen engsten Freunden verbringen konnte. Es wurde noch einmal richtig gefeiert und eine Menge Tränen vergossen, als die Nacht zu Ende ging. Die fünf Monate waren unglaublich schnell vorbeigegangen. Für mich war es unvorstellbar, auf einmal nach Hause zu fliegen. So trennte ich mich von meinen zur zweiten Familie gewordenen Gasteltern und Gastgeschwistern mit dem Versprechen, dass wir uns bald wieder sehen und auf jeden Fall in Kontakt bleiben. Das Letzte, was ich von Frankreich sah, waren die wunderschönen nächtlichen Lichter von Paris aus dem Flugzeugfenster heraus.

Lilian Weiken, 19, hat 2012 Abitur gemacht und studiert „Sprachen und Wirtschaft“ an der Fachhochschule Köln. Der Studienverlaufsplan sieht zwei integrierte Auslandsjahre in Frankreich und Irland vor, sodass es Lilian erneut ins Ausland ziehen wird.

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