Acht Monate Freiwilligendienst in Griechenland

Kultur, Integration und Tradition

weltweiser · Freiwilligendienst · Griechenland

Geschrieben von: Vera Elisa Lennartz

Land: Griechenland

Aufenthaltsdauer: 8 Monate

Programm: Freiwilligenarbeit

Erschienen in: (Nix für) Stubenhocker.

Die Zeitung für Auslandsaufenthalte, Nr. 9 / 2019, S. 43-44

Ich habe meinen achtmonatigen Europäischen Freiwilligendienst in Serres, Griechenland, in dem Projekt „Praxis Mediart“ verbracht. Der erste Eindruck von der Stadt war recht gemischt. Ich empfand sie als ziemlich chaotisch, vor allem den Verkehr, gleichzeitig aber auch als sehr freundlich.

Da ich meinen Freiwilligendienst im Winter begonnen habe, wurde gerade der freundliche Eindruck mit zunehmender Wärme immer mehr bestätigt. Die Griechen, die ich kennenlernte, waren sehr gastfreundlich und großzügig. So ist es generell üblich, dass man zum Beispiel auch in Restaurants viel gratis dazu bekommt, wie zum Beispiel Wasser, Brot und Nachtisch. Auch die Mitarbeiter in meinem Projekt waren sehr freundlich und offen und meine Aufgaben waren sehr vielfältig. Grundsätzlich bestand unsere Einsatzstelle aus einem Lokalradio und einem Jugendinformationszentrum, dem sogenannten Office. Unsere Arbeitszeit verbrachten wir also entweder morgens von 9 Uhr bis 14 Uhr beim Radio oder im Office und dann am Nachmittag von 16 Uhr bis 19 Uhr im Office. In Griechenland ist es üblich, eine sehr lange Mittagspause zu machen und dafür dann abends länger zu arbeiten. Für mich war das etwas gewöhnungsbedürftig, da einem der gesamte Arbeitstag dadurch sehr lang erscheint.

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Unsere Aufgabe war zu einem Teil die Arbeit beim Radio, wie zum Beispiel die Technik bei der Morningshow unserer Chefin zu übernehmen oder auch selbst eine Radioshow zu gestalten. So haben eine andere Freiwillige und ich fast täglich unseren eigenen Broadcast gemacht. Dabei ging es oft um die Internationalen Tage der UN, aber auch um Themen, die uns persönlich einfach besonders interessierten. Um diese Internationalen Tage der UN ging es auch bei unseren Social-Media-Kampagnen, die Teil des Projekts waren. Der zweite wichtige Bereich des Projekts war das Office. Dort kamen täglich Geflüchtete vorbei, die in einem Camp in Serres untergebracht waren. Wir hießen die Flüchtlinge willkommen, spielten oder tranken Tee und vor allem gaben wir Unterricht. Meine Aufgabe war der tägliche Deutschunterricht. Auch wenn ich in Deutschland bereits Deutsch unterrichtet hatte, war es neu für mich, eine größere Gruppe zu unterrichten. Die größte Herausforderung dabei war, dass sich die Deutschkenntnisse und das Lerntempo der Gruppe schon nach kurzer Zeit sehr unterschieden. Dennoch blieb die Lerngruppe zusammen. Mir hat der Unterricht sehr viel Spaß gemacht und ich konnte immer neue Methoden ausprobieren. Vor allem Spiele, wie Memory oder Bingo, um Vokabeln zu lernen, kamen gut an, sowie kleine Tests.

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Ein einziges Mal durfte ich das Flüchtlingscamp besuchen. Es war eigentlich sehr schade, dass ich nur im Zuge von Dreharbeiten für einen Dokumentarfilm die Erlaubnis bekam, das Camp zu besuchen, und dass die Anträge vorher abgelehnt wurden. Es war generell ein sehr komisches Gefühl, dass wir den Flüchtlingen bei der Integration helfen sollten, sie gleichzeitig aber abgeschottet wurden. Es kam mir etwas scheinheilig vor, die Flüchtlinge mit der Kamera zu besuchen, sonst aber nicht. Das Camp nahe Serres waren viele weiße Container auf einer leeren, staubigen Fläche. Sie alle waren spartanisch eingerichtet. Viele der Flüchtlingsfamilien hatten daraus aber ein gemütliches Häuschen gemacht. Es sah aus wie ein kleines Dorf und manche der Bewohner hatten angefangen, ein paar Blumen oder Kräuter anzupflanzen, und die Wäsche flatterte auf der Leine. Wie mir ein Mitarbeiter erzählte, war dies ein „5-Sterne-Hotel“ unter den Camps. Viele der anderen Camps in Griechenland hatten keine festen Behausungen, sondern nur Zelte. Somit waren die Bewohner Wind und Wetter nahezu ausgeliefert. Doch auch in diesem Camp gab es immer noch viele Probleme. Da es auf sehr staubigem Boden errichtet wurde, hatten viele Kinder Asthma und die älteren Leute Verdauungsprobleme. Außerdem wurde das Gras nie geschnitten und beherbergte dadurch Schlangen und Skorpione, die eine Gefahr für die Kinder darstellten.

„Die Eltern waren sehr stolz, dass ihr Sohn bei uns im Radio war“

Als wir dort ankamen, wurden wir extrem freundlich empfangen. Viele der Menschen, die regelmäßig ins Office kamen, begrüßten uns, und alle Kinder kamen angerannt. Sie waren sehr neugierig und offen und obwohl wir für sie Fremde waren, kamen sie auf uns zu und wollten unsere Hände halten und mit uns spielen. Manche Eltern sagten im Spaß, wir sollten doch ihre Kinder mit nach Deutschland nehmen, doch irgendwie war es ein trauriger Spaß, da die Eltern vermutlich wirklich alles getan hätten, um ihren Kindern eine Zukunft zu ermöglichen. Ich denke, das war das größte Problem. Die Menschen, die dort lebten, hatten keine Perspektive. Sie wussten nicht, ob sie das Camp jemals würden verlassen dürfen oder ob sie überhaupt in Europa bleiben dürfen. Gleichzeitig hatten sie grauenhafte Dinge erlebt. Erinnerungen, die sie niemals vergessen werden. Trotz allem, was sie durchgemacht hatten, erlebten wir überwältigende Gastfreundschaft. Wegen der Dreharbeiten durften wir leider nicht alle besuchen, die wir kannten. Stattdessen besuchten wir eine bestimmte Familie, die uns freundlich in Empfang nahm und uns Tee und Kuchen gab. Sie ließen sich auch nicht von den Kameraleuten aus der Ruhe bringen, die versuchten, sie herumzuscheuchen. Im Gegenteil, die Eltern waren sehr stolz, dass ihr Sohn das arrangiert hatte und auch bei uns im Radio war.

„In unserer Wohnung war immer etwas los“

Insgesamt war es ein sehr eindrucksvoller Nachmittag, den ich nicht vergessen werde. Dieser Tag zeigte mir sehr deutlich, dass es unsere Aufgabe ist, nicht immer nur über die „Krise“ zu reden und die Menschen, die neu kommen. Stattdessen müssen wir uns um die Menschen, die nun da sind, kümmern und sie integrieren. Natürlich ist es die Aufgabe der Politiker, den Rahmen dafür zu schaffen, aber im Kleinen sind wir alle gefragt. Daher fand ich gerade unsere Aufgabe, durch Freizeitaktivitäten und den Unterricht etwas Ablenkung vom Alltag im Camp zu schaffen, sehr sinnvoll. In meinem Projekt waren wir immer um die sieben bis neun Freiwillige. Zusammen lebten wir in einer großen Wohngemeinschaft. Jeweils zwei Freiwillige teilten sich ein Zimmer, aber durch gute Absprachen und gegenseitige Rücksichtnahme hatten alle Beteiligten trotzdem genug Freiraum und Privatsphäre. Das gemeinsame Leben gefiel mir sehr gut. Man arbeitete zusammen, wohnte aber auch zusammen und verbrachte oft auch die Freizeit gemeinsam. Das verbindet eine Gruppe. In unserer Wohnung war immer etwas los und man hatte immer jemanden zum Quatschen oder für Unternehmungen. Wir sind darüber hinaus auch viel zusammen gereist. Durch die gute Busanbindung von Serres konnte man viele der umliegenden Städte gut und kostengünstig erreichen. So habe ich nach meinem Freiwilligendienst die unterschiedlichsten Ecken von Griechenland zu Gesicht bekommen.

„Der 25. März 1821 markierte den Beginn des griechischen Unabhängigkeitskriegs“

Während meiner Zeit in Griechenland lernte ich auch viel über die griechische Kultur und die Traditionen. Am 25. März erlebte ich den griechischen Nationalfeiertag mit. Der 25. März 1821 markierte den Beginn des griechischen Unabhängigkeitskriegs gegen die Herrschaft der Osmanen in Griechenland und für eine unabhängige griechische Republik. Anlässlich dieses Tages findet in Serres alljährlich eine Parade statt. Bei dieser Parade liefen alle traditionellen Vereine mit, die die traditionelle Kleidung aus den verschiedenen Regionen in Griechenland präsentierten. Neben weiteren Vereinen waren auch die Polizei und das Militär vertreten. Dabei spielte griechische Marschmusik und die ganze Parade marschierte durch eine der Hauptstraßen in Serres. Am Rand standen viele Zuschauer, wie in Deutschland bei einem Karnevalszug. Wir Freiwilligen hatten die Ehre, auch an der Parade teilzunehmen. Schon einige Tage vorher gingen wir deshalb zu einem traditionellen Verein, wo wir herzlich empfangen wurden und uns viele Tänze aus den verschiedenen Regionen gezeigt wurden. So durften wir dann auch am Sonntag die Vlachi-Tracht tragen. Vlachis sind eine bestimmte griechische Bevölkerungsgruppe, die früher in den Bergen lebte. Die Tracht für die Frauen bestand aus zehn Teilen und es dauerte fast eine Stunde, sie anzuziehen. In dieser Tracht marschierten wir dann in der Parade mit. Das war ein sehr schönes Erlebnis. Der Moderator der Parade rief sogar unsere Namen aus und hieß uns in der Stadt willkommen.

„In erster Linie war die Arbeitssprache in meinem Projekt jedoch Englisch“

Obwohl Griechenland auch in Europa liegt und gar nicht mal so weit weg ist, gibt es sehr viel zu entdecken. Die griechische Sprache zu lernen erwies sich als interessant und nicht ganz einfach. In erster Linie war die Arbeitssprache in meinem Projekt jedoch Englisch. An sich war es auch etwas total Schönes und eine besondere Entwicklung unserer globalisierten Welt, dass wir mit der englischen Sprache zumindest unter den jungen Leuten mittlerweile eine internationale Sprache haben. Wir kamen aus komplett unterschiedlichen Ländern und konnten direkt ohne Probleme miteinander sprechen, obwohl wir die Sprache des anderen nicht konnten. Trotzdem wollte ich bei einer so langen Aufenthaltszeit in Griechenland doch auch gerne Griechisch lernen. Von unserem Freiwilligendienst selbst bekamen wir leider nur ein Onlineprogramm zur Verfügung gestellt, welches es einem ziemlich unmöglich machte, Griechisch zu lernen. Die Übungen waren beispielsweise so aufgebaut, dass griechische Vokabeln durch eine griechische Definition erklärt wurden. Das alles war dann noch zusätzlich in griechischer Schrift. Für jemanden, dessen Griechischkenntnisse noch gleich null waren, also ein unmöglicher Start. Zum Glück kam eine griechische Freiwillige einmal pro Woche in unser Office, um Griechischunterricht für die Flüchtlinge zu geben. Dort lernten wir nach kurzer Zeit die ersten Sätze sowie die Zahlen und das Alphabet. Am meisten machte es Spaß, die neu gelernten Sätze direkt auszuprobieren, da sich alle sehr freuten, wenn man ein paar Sätze Griechisch sprechen konnte. Auch wenn es nur einige griechische Vokabeln eingeflochten in eine englische Konversation waren, war die Reaktion immer sehr positiv und die Mühe und das Interesse wurden wertgeschätzt. Insgesamt war mein Freiwilligendienst in Griechenland wahnsinnig erlebnisreich und eine Erfahrung, die ich nicht mehr missen möchte.

Vera Elisa Lennartz, 20, hat nach ihrem Freiwilligendienst ein Psychologie-Studium an der Uni Bonn aufgenommen.

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