Querweltein ins Abenteuer

Von einer, die auszog, das L(i)eben zu lernen

weltweiser · Weltreise · Asien · Ozeanien · Europa · Querweltein

Geschrieben von: Sabine Holzlöhner

Land: Weltreise

Aufenthaltsdauer: 12 Monate

Programm: Querweltein

Erschienen in: (Nix für) Stubenhocker.

Die Zeitung für Auslandsaufenthalte,
Nr. 9 / 2019, S. 68-69

3…2…1…Risiko! Vor einiger Zeit beschloss ich, meine Traumwohnung zu kündigen, all mein Hab und Gut zu verkaufen, meinen Vollzeitjob zu pausieren und für ein Jahr auf Weltreise zu gehen. Warum? Warum nicht!

Bis zu diesem Zeitpunkt war mein Leben bestimmt vom alltäglichen Wahnsinn: Schule, Abi, Studium, Job. Und danach kam nichts, absoluter Stillstand, Alltag eben. Also dachte ich mir eines Morgens: „Auf Wiedersehen Deutschland, hallo Welt!“ Eine Entscheidung, die mein gesamtes weiteres Leben verändern sollte. Sobald die Idee sich in meinem Kopf geformt hatte, fand ich schnell „meine“ Art zu reisen. Da ich zu alt für Schüleraustausch und Work & Travel war und ich mir eine Stelle als Au-Pair nicht vorstellen konnte, kam ich bald auf Homestay und Volunteering, freiwillige Aushilfsarbeiten in Gastfamilien. Nach ausgiebiger Recherche im Internet und zahlreichen E-Mails waren die ersten Stationen meiner Reise schnell klar und so startete ich mein Jahr in einem Land, das ich schon seit meiner Kindheit bereisen wollte – Japan.

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Nach einem sehr angenehmen zehnstündigen Flug landete ich pünktlich zu meinem Geburtstag in Tokio. Und was soll ich sagen? Es war gigantisch, quietschig bunt und wuselig, ich liebte es. Während des Fluges hatte ich zwar kaum geschlafen, aber müde war ich trotzdem nicht. Ganz im Gegenteil, ich fühlte mich vielmehr wie ein Kind im Süßwarenladen. Den Mund bekam ich schon im Flieger beim Blick aus dem Fenster nicht mehr zu und so grinste ich die ganze Zeit leicht grenzdebil und mit großen strahlenden Augen vor mich hin. Mein erster Gang auf dem Flughafen führte mich zur Toilette und dort erwartete mich meine nächste Überraschung: komfortables Erleichtern auf beheizter Klobrille mit akustischer Begleitung nach Wahl. Vom Vogelgezwitscher bis Wasserplätschern war alles dabei, und dann die vielen Knöpfe! Noch nie war ich auf einem WC so amüsiert und überfordert zugleich. Meine Reise führte mich von Tokio aus weiter in den Süden, in die Präfektur Okayama, in der ich die nächsten zwei Monate bei einer jungen, traditionellen Bauernfamilie verbrachte. Die ersten Tage fühlten sich sehr unwirklich an, alles war so „japanisch“, wie man es sich eben vorstellt. Ich wohnte bei der Familie in einem alten Haus, wie man es aus Filmen kennt, mit Papierschiebetüren, Badezuber und Plumpstoilette, niedrigen Tischen, an die man sich hockt, und Futonbetten, welche tagsüber gefaltet und im Wandschrank, ebenfalls mit Papierschiebetüren, verstaut werden.

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Die Japaner sind dafür bekannt, dass sie viel und sehr korrekt arbeiten und wenig frei haben, dies galt jedoch nicht für mich. Als Volunteer musste ich lediglich fünf Stunden am Tag, fünf Tage die Woche arbeiten. Die restliche Zeit stand mir zur freien Verfügung. Meine Arbeit auf der Farm war vielfältig und abwechslungsreich. Den Morgen verbrachte ich meist auf den Feldern, wo ich mich um die Beete und Pflanzen kümmerte. Einmal stand ich knöcheltief auf dem Feld im Wasser, um Reis zu pflanzen, ein andermal schnitt ich die Weinreben zurück und kümmerte mich um die Jungpflanzen. Aus der Ernte wurden in Handarbeit japanische Süßigkeiten gefertigt, weshalb ich die Nachmittage oft in der Backstube verbrachte, wo die fertigen Leckereien außerdem noch hübsch verpackt wurden. An anderen Tagen wiederum stand ich auf dem Wochenmarkt, um die hergestellten Produkte zu verkaufen, auf Japanisch versteht sich. Ich genoss die tägliche Arbeit und auch die körperlichen Anstrengungen auf dem Feld und fühlte mich schnell als ein Teil der Familie. Jede Mahlzeit nahmen wir gemeinsam ein. Zudem kümmerte ich mich auch mit um die Kinder der Familie und beteiligte mich an der alltäglichen Hausarbeit.

„Jeden Tag gab es etwas Neues zu tun, zu entdecken und zu erleben“

Als Dank wurde ich in viele japanische Traditionen eingeführt. So lehrte mich meine Gastmutter, wie man das Saiteninstrument Koto spielt, brachte mir Mokimono, die Kunst der dekorativen Garnierung, sowie Origami, die Kunst des Papierfaltens bei und unterrichtete mich, wie man traditionell japanisch kocht. So gingen die Tage viel zu schnell ins Land, denn jeden Tag gab es etwas Neues zu tun, zu entdecken und zu erleben. Meine freien Tage nutzte ich, um durch Japan zu reisen, um Land, Leute und Kultur kennenzulernen. In dieser Zeit bereiste ich vor allem die Gegenden um Osaka, Kyoto und Tokio. Da ich mich schon seit meiner Kindheit für die japanische Kultur interessiere, erlebte ich keinen Kulturschock. Ganz im Gegenteil, ich fühlte mich ab der ersten Sekunde heimisch und willkommen. Auch die Dorfgemeinschaft, die aus rund zwölf Bauernfamilien bestand, nahm mich herzlich in ihren Kreis auf und zu allen Festlichkeiten mit. Zugegeben, die sprachliche Barriere war zunächst eine Hürde für mich. Ich kannte zwar einige Worte und Redewendungen, hatte aber im Vorfeld keinen Sprachkurs besucht. Mit meiner Gastfamilie konnte ich mich sehr gut auf Englisch verständigen, auf dem Wochenmarkt hingegen musste ich improvisieren. Hierfür bekam ich von meiner Gastfamilie ein Heft, in dem alle hilfreichen Sätze notiert waren.

„Zu meiner Gastfamilie habe ich noch heute intensiven Kontakt“

Schon bald konnte ich die Waren lautstark anpreisen, die Vorzüge aufzählen und die Preise nennen. Ich verstand zwar oft die Antworten der Einheimischen nicht, jedoch funktionierte es trotzdem…irgendwie. Zur Not mit Händen und Füßen. Schnell wurden aus Nachbarn und Zufallsbekanntschaften Freunde, auch wenn man sich nicht immer direkt verstand. Zu meiner Gastfamilie habe ich noch heute intensiven Kontakt. Einige Begegnungen hinterließen bei mir nachhaltig Eindruck und prägen mich auch heute noch sehr in meinem Alltag. Die buddhistische und shintōistische Lebensweise der Japaner sowie die Ausübung der Religion im Alltag fand ich schon immer sehr spannend, obwohl ich selbst frei von jeder Religion aufgewachsen bin. Während meiner Zeit in Japan beschäftigte ich mich sehr intensiv mit diesen Glaubensrichtungen, besuchte unzählige Tempel und Schreine, meditierte und setzte mich mit den Ritualen auseinander. Unweit der Farm war ein Tempel, der es mir ganz besonders angetan hatte. Er war sehr alt, aus Holz und sehr klein und schlicht, hatte jedoch auf mich eine magische Anziehungskraft. Dort konnte ich zur Ruhe kommen und Stunden damit verbringen, einfach nur die Stille dieses Ortes zu genießen. Nach kurzer Zeit freundete ich mich mit dem Priester des Tempels an, der mich einmal sogar zu einer privaten Teezeremonie einlud, um mich anschließend in die Kunst des Betens und Meditierens einzuführen. Auch durfte ich eine Nacht im Tempel verbringen.

Welche Wege in die Ferne gibt es?

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Doch damit noch nicht genug, er lud mich nach einigen Wochen ein, auf dem jährlich stattfindenden Matsuri, einem Tempelfest zu Ehren des Kami, des Gottes, als Fahnenträgerin mitzulaufen und die Trommeln zu schlagen. Diese Aufgaben sind eigentlich nur den einheimischen Dorfbewohnern vorbehalten, sodass es für mich eine besondere Ehre war, diese Ämter auszuüben. Dieses Erlebnis hat mich tief beeindruckt, denn ich fühlte mich in diesem Moment angekommen, angekommen in Japan, in der Dorfgemeinschaft, in meinem Leben. Vieles auf dieser Reise hat mich spüren lassen, was im Leben wichtig ist. Fernab von all den modernen Konsumgütern lernt man andere Dinge und Werte schätzen. Japan hat mich von allen Ländern, die ich bereist habe, bisher am meisten beeindruckt. Dieses Land ist so vielfältig, die Menschen sind so offen und freundlich und die Kultur so vielseitig und interessant. Auf meiner Weltreise war Japan jedoch nicht das einzige Ziel. Meine Reise führte mich unter anderem noch nach Island, Tasmanien und auf die Bahamas. Überall habe ich als Volunteer gearbeitet und unter Einheimischen gelebt. Mal war ich zuständig für ein Gästehaus, mal Schafhirtin, mal habe ich Käse hergestellt oder Wodka gebrannt. Die Arbeiten waren stets vielseitig und interessant. Oft bin ich mit großem Engagement und Spaß bis an meine Grenzen und auch darüber hinausgegangen und ich habe es genossen.

„Ich wollte plötzlich gar nicht mehr heim“

Die Entscheidung, auf diese Art und Weise durch die Welt zu reisen, für Unterkunft und Essen zu arbeiten und ein sehr bescheidenes und einfaches Leben zu leben, habe ich nie bereut. Auch wenn ich zeitweise in sehr einfachen Verhältnissen lebte, ohne Toilette, warme Dusche oder Strom, so hat mich das nie wirklich gestört, da mich die Arbeit und die Erfahrungen, die ich machen durfte, durchweg erfüllt haben. Insgesamt bin ich ein Jahr lang gereist, habe zwei Flüge verpasst, dreimal Sonnenbrand bekommen, vier Kontinente besucht, neun Länder bereist, bin 26 Mal geflogen, habe 250 Tage am Meer verbracht, 360 Tage einfach nur in vollkommenem Einklang mit mir selbst gelebt, habe 6.000 Höhenmeter erklommen und 90.000 km zurückgelegt. Doch das sind nur Zahlen. Ich habe so viele Abenteuer erlebt, Neues entdeckt und erfahren und mein Leben in dieser Zeit auf so viele verschiedene Arten und Weisen gelebt, dass es sich gar nicht in Worte fassen lässt.

„Ich habe mich stets überall zu Hause gefühlt“

Ich habe auf meiner Reise begriffen, dass das Leben ein einziges großes Abenteuer und die Welt, in der wir leben, einfach wunderschön, sehens- und schützenswert ist. Ich habe vielleicht nicht das gefunden, wonach ich gesucht habe, aber ich bin dort angekommen, wo ich hingehöre, bei mir selbst. Das Jahr Auszeit hat mir in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet und mir gezeigt, wie das Leben in anderen Ländern aussehen kann. Dabei waren es stets die einfachen Dinge, die zählten und glücklich machten. Für all diese Erfahrungen bin ich unglaublich dankbar – dankbar, wundervolle Menschen getroffen, neue Freunde gewonnen und Erfahrungen fürs Leben gemacht zu haben. Ich habe mich stets überall zu Hause gefühlt und es genossen, eine Zeit lang mal ein ganz anderes Leben zu leben. Es fiel mir schwer, zurückzugehen, da mir mein normaler Alltag in Deutschland im Vergleich langweilig und farblos erschien. Doch das Leben ist das, was wir daraus machen. Daher werde ich zukünftig meine Prioritäten anders setzen und meinem Leben mehr Farbe verleihen. Daher ist dies nicht das Ende, sondern vielmehr der Anfang!

Sabine Holzlöhner, 36, arbeitet als freiberufliche Schauspielerin und Sozialpädagogin in Marburg. Nach wie vor reist sie gerne und viel und hält in ihrem Reiseblog motzkoffer.auslandsblog.de ihre Erlebnisse regelmäßig fest.

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