Interview: Auslandsaufenthalte & Stipendien

Im Ausland zu Hause

weltweiser · Auslandsaufenthalte · Stipendien · Interview

Interview mit: Aline Sierp

Land: Alle

Aufenthaltsdauer: -

Programm: Reisen & Abenteuer

Erschienen in: (Nix für) Stubenhocker.

Die Zeitung für Auslandsaufenthalte,
Nr. 2 / 2012, S. 68-69

Stubenhocker: Du hast als Schülerin, Freiwillige, Praktikantin und Studentin bzw. Doktorandin immer wieder im Ausland gelebt. Wie hat deine Begeisterung fürs Ausland begonnen?

Aline: Mit meinen Eltern haben wir immer die Ferien im Ausland verbracht, allerdings habe ich die bereisten Länder damals überwiegend als Urlaubsländer wahrgenommen. Im Gymnasium habe ich dann schon früh an Schüleraustauschen nach Frankreich und Polen teilgenommen und zum ersten Mal das Eintauchen in andere Kulturen erlebt. Eine richtige „Sucht“ nach Auslandserfahrung hat dann nach meinem Gastschulaufenthalt in Kanada eingesetzt. Die vielen Erst- und Grenzerfahrungen, die ich in dem Jahr gemacht habe, haben mich, glaube ich, sehr geprägt und mir den Mut gegeben, mich direkt nach dem Abitur Richtung Ausland zu orientieren.

 

Stubenhocker: Erinnerst du dich noch an deinen ersten Auslandsaufenthalt?

Aline: Mein erster Auslandsaufenthalt war ein selbstorganisierter Austausch nach Paris. Ich war 14 und das Ganze war ein großes Abenteuer. Meine Austauschpartnerin war älter als ich und hat mich in den Strudel der großen unbekannten Stadt einfach mit reingezogen. Ich werde nie vergessen, wie wir einmal die Betten ausgestopft haben und aus dem Fenster geklettert sind, um nachts auf der Champs Élysées herumzuspazieren. Meine Eltern haben das nie erfahren, sie hätten mir die Ohren lang gezogen.

 

Stubenhocker: Und in welchen Städten und Ländern bist du noch gewesen?

Aline: Während der Schulzeit habe ich zwei Mal an einem Schüleraustausch nach Olsztyn in Polen teilgenommen. Nach dem Abi habe ich einen Europäischen Freiwilligendienst in Italien, genauer gesagt in Padua, gemacht, habe dann angefangen, im englischen Reading zu studieren, war zwischenzeitlich in Straßburg, Turin und Rom, um Praktika bei internationalen Organisationen zu machen, habe während der Sommerferien in Polen verschiedene Workcamps geleitet und habe dann einen europäischen Master gemacht, der mich erst nach Bath, dann nach Paris und schließlich nach Siena geführt hat. Dort habe ich dann auch meine Promotion angefangen und war somit vier Jahre am Stück in der Toskana. Seit Mai 2011 bin ich wieder in Deutschland – nach über zehn Jahren ohne Unterbrechung im Ausland.

 

Stubenhocker: Wie haben sich deine Auslandsaufenthalte voneinander unterschieden?

Aline: Ich war in jedem Land natürlich in einer unterschiedlichen Situation und zu einem anderen Zweck. Der Freiwilligendienst ist nicht mit einem Schüleraustausch, ein Studium nicht mit einem Praktikum zu vergleichen. Die Erfahrungen waren aber zum Glück alle überwiegend positiv, und ich habe trotz der scheinbar sehr unterschiedlichen Länder doch immer wieder die gleichen Strukturen festgestellt. Egal, ob man in Frankreich oder in England ist, ob man zur Schule oder in die Uni geht, in einer interkulturellen oder internationalen Organisation arbeitet – die „Überlebenstechniken“ sind immer die gleichen. Man hat nur wirklich etwas von dem Auslandsaufenthalt, wenn man offen für alles bleibt, mit Neugier beobachtet und nicht zu schnell urteilt. Nur dann wird die Zeit im Ausland eine echte Bereicherung, da man plötzlich nicht nur eine fremde Kultur, sondern auch seine eigene Kultur neu kennenlernt.

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Stubenhocker: Welche Erfahrung hat dich am meisten geprägt?

Aline: Ich denke, am meisten geprägt hat mich das High School-Jahr in Kanada. Mit 16 ein Jahr in einem völlig unbekannten Land zu verbringen, dessen Sprache man nur auf Schulniveau spricht und in dem man keinen Menschen kennt, ist schon eine spezielle Erfahrung. Ich habe noch dazu auf einem Bauernhof in einer kleinen Bucht des Atlantischen Ozeans gelebt, was an sich schon ein besonderes Erlebnis war. Dort gehörte das Wiedereinfangen von Pferden genauso zum Alltag wie das Reparieren von Zäunen oder die Befreiung des Hausdaches von zu viel Schnee. „Nebenbei“ bin ich dort natürlich auch in die Schule gegangen.

 

Stubenhocker: Was war eine deiner skurrilsten Erfahrungen?

Aline: Skurrile Erfahrungen habe ich in den letzten Jahren einige gehabt. Die meisten kamen zustande, wenn unterschiedliche kulturelle Vorstellungen aufeinandergestoßen sind. Ich habe sehr schnell gelernt, dass man italienische Jungs besser nicht alleine zum Kaffee einlädt; sie könnten das ganz falsch verstehen. Engländer, egal ob Frau oder Mann, trifft man auch besser erst mal an einem neutralen Ort wie zum Beispiel einem Pub, denn eine Einladung nach Hause nehmen sie ungern direkt an. In Polen sollte man auf gar keinen Fall die starke emanzipierte Frau rauskehren, sondern brav die Männer die Tasche tragen lassen. Ich habe einmal einen jungen polnischen Mann, der extra zum Bahnhof mitgekommen war, um mir meinen Koffer zu tragen, ganz schön vor den Kopf gestoßen, als ich ihm das verwehrt habe und der Arme dann nutzlos herumstehen musste.

 

Stubenhocker: Was war deine witzigste Begebenheit in Bezug auf die Sprache?

Aline: Missverständnisse gibt es immer wieder, wenn man eine Sprache gerade neu lernt. Italienisch konnte ich zum Beispiel nicht, bevor ich den Freiwilligendienst in Padua gemacht habe. Ich werde nie meine Verwirrung vergessen, als ich in Verona den Zug wechseln musste und ein Italiener wild gestikulierend auf mich einredete, um mir zu erklären, dass der Zug vom anderen Gleis abfahren würde. Nach ein paar Monaten konnte ich dann endlich genug Italienisch, um mich verständigen zu können. Natürlich fehlten mir aber immer noch viele Vokabeln. Mit einer anderen Freiwilligen aus Kuba habe ich oft einfach Wörter erfunden, wenn ich mir nicht sicher war. Einmal hat mich unsere italienische Mitbewohnerin völlig entgeistert angeschaut, als ich sie gefragt habe, warum sie nicht die Wolldecke auf den Kochtopf legt. Ich hatte „coperta“, also Decke, mit „coperchio“, also Deckel, verwechselt.

 

Stubenhocker: Wie bist du mit Heimweh und Kulturschock umgegangen?

Aline: Heimweh habe ich immer nur am Anfang gehabt. Und dann auch nur in Momenten, in denen ich mich alleine gefühlt habe. Ich hatte ein unheimliches Mitteilungsbedürfnis und wusste nicht, mit wem ich reden sollte. Für die Menschen um mich herum waren meine erstaunlichen und spannenden Erlebnisse ja ganz normaler Alltag. Ich habe irgendwann angefangen, sehr viele Briefe und E-Mails zu schreiben. Seit Kanada führe ich auch ein Tagebuch, in das ich jeden Abend genau eine Seite schreibe. Das hilft, vieles zu verarbeiten. Und dann ist es immer hilfreich, wenn man mit anderen Leuten spricht, die in einer ähnlichen Situation stecken, dann fühlt man sich nicht so allein. Für das Thema Kulturschock gilt das Gleiche. Ein Kulturschock ist ja nur ein Schock, wenn man mit etwas konfrontiert wird, was man nicht versteht und nicht akzeptieren will oder kann. Dagegen hilft nur Offenheit auf der einen Seite und der Kontakt zu Leuten, die einem das, was einen irritiert, erklären und nahebringen können. Übrigens kann man auch einen Kulturschock haben, wenn man nach langer Zeit wieder in das Heimatland zurückkehrt. Oft ist die Verunsicherung dann noch größer, weil man nicht damit rechnet und sich das Gefühl des Fremdseins auch nicht eingestehen möchte.

 

Stubenhocker: In welchem Land hast du dich am wohlsten gefühlt?

Aline: Das ist eine ganz schwierige Frage. Kanada war toll, in England habe ich viel Spaß gehabt, Polen war spannend, Frankreich interessant. Am wohlsten gefühlt habe ich mich aber, glaube ich, in Italien. Dort habe ich ja auch am meisten Zeit verbracht und die Erfahrungen sind am frischesten. Ich habe mich dort sehr zu Hause gefühlt, trotz der vielen Probleme und Gegensätze, die dieses Land kennzeichnen. Die Art der Italiener, mit Menschen und schwierigen Situationen umzugehen, ist mir so vertraut geworden, dass ich jetzt große Probleme mit der „deutschen“ Art habe.

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Stipendien

Stubenhocker: Welche Tipps hast du für auslandsbegeisterte Jugendliche?

Aline: Wenn jemand schon auslandsbegeistert ist, muss ich ihm oder ihr ja nicht mehr sagen, dass er oder sie unbedingt ins Ausland gehen sollte. Wenn die Motivation schon da ist, kann ich nur raten, sich die europäischen Programme anzusehen. Der Europäische Freiwilligendienst, Erasmus oder Leonardo da Vinci bieten allen Jugendlichen die Möglichkeit, ins Ausland zu gehen, auch denen, die finanziell schlechter gestellt sind. Wer nicht gleich für mehrere Monate ins Ausland will, kann auch erst mal ein Workcamp oder einen Kurzzeitaustausch machen. Viele zivilgesellschaftliche Organisationen bieten das an. Das gesamte Studium im Ausland zu absolvieren, ist natürlich eine etwas größere Entscheidung. Man kann aber natürlich auch einfach nur ein Auslandssemester oder ein studienbegleitendes Praktikum machen.

 

Stubenhocker: Was sind aus deiner Sicht die Vorteile der verschiedenen Programmformen?

Aline: Einen kleinen Blitz-Eindruck von einer anderen Kultur bekommt man durch einen Kurzzeitaustausch oder ein Workcamp. In beiden Fällen steht oft der interkulturelle Transfer, häufig mit mehreren Nationen, im Vordergrund. Freiwilligendienste und Praktika bieten meist einen viel tieferen Einblick in die Arbeitswelt und den Alltag der arbeitenden Bevölkerung eines Landes und sind somit eine sehr authentische Erfahrung. Ein Studium, solange man es komplett im Ausland absolviert, bietet ähnliches. Im Fall von Erasmus und Auslandssemestern besteht immer die Gefahr, dass man ganz viele andere Leute aus anderen Ländern kennenlernt, aber wenige aus dem Land, in dem man aktuell ist. Das heißt natürlich nicht, dass das schlecht ist. Es ist nur einfach eine andere Erfahrung.

 

Stubenhocker: Wie hast du deine Auslandsaufenthalte finanziert?

Aline: Ich habe es geschafft, fast alles über Stipendien bzw. Fördermittel zu finanzieren. Den Freiwilligendienst hat die Europäische Kommission bezuschusst; die Workcamps habe ich durch meine Rolle als Leiterin bezahlt bekommen; für mein Studium und die Promotion habe ich Stipendien der jeweiligen Uni gewonnen. Die Praktika in den internationalen Organisationen habe ich selbst finanziert. Meine Erfahrung ist, dass es deutlich einfacher ist, an Fördergelder heranzukommen, wenn man bereits Auslandserfahrung vorweisen kann. Das Ganze wird also irgendwann ein Selbstläufer.

 

Stubenhocker: Was hat dich persönlich dazu bewogen, immer wieder ins Ausland zu ziehen?

Aline: Im Ausland zu sein, kann zu einer „Sucht“ werden. Ich bin immer ein sehr neugieriger Mensch gewesen, der gerne über den eigenen Tellerrand schaut. Im Ausland habe ich das Gefühl, intensiver zu leben, da ich ständig alles infrage stellen muss und in allem stärker gefordert werde. Es ist einfach ein spannenderes Leben, auch wenn es natürlich anstrengend ist.

Aline Sierp, 29, hat immer wieder und über viele Jahre im Ausland gelebt und ist seit einigen Monaten zurück in Deutschland. Im italienischen Siena hat sie über Erinnerungspolitik in Europa promoviert und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der KZ Gedenkstätte Dachau. Weitere Auslandsaufenthalte sind wahrscheinlich!

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