Das PPP-Stipendium

In der Warteschleife auf das große Los

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Geschrieben von: Isabelle Kopineck

Land: USA

Aufenthaltsdauer: 10 Monate

Programm: Schüleraustausch

Erschienen in: (Nix für) Stubenhocker.

Die Zeitung für Auslandsaufenthalte,
Nr. 1 / 2011, S. 14-15

Nachdem ich in hoher Erwartung jeden Tag aufs Neue zum Briefkasten gerannt war, bekam ich Mitte Februar den lang ersehnten Brief. „Liebe Isabelle, herzlichen Glückwunsch! Im Rahmen des Parlamentarischen Patenschafts-Programms bist du von dem für deinen Wahlkreis zuständigen Mitglied des Deutschen Bundestages für das Stipendium nominiert worden.“

Es folgte eine Stunde voller Geschrei, Hysterie, Geheule und Telefonaten. Ja, ich hatte es tatsächlich geschafft, eines der heiß begehrten Stipendien zu ergattern. Das Parlamentarische Patenschafts-Programm, abgekürzt PPP, ist ein Programm des Deutschen Bundestages und des Kongresses der Vereinigten Staaten. Das Stipendium ermöglicht deutschen Schülern sowie jungen Berufstätigen einjährige Bildungsaufenthalte in den USA. Bundesweit werden jährlich etwa 360 Stipendien vergeben – in der Regel eins pro Wahlkreis. Die Programmkosten, die Kosten für An- und Abreise und die Versicherungskosten werden übernommen; nur für das Taschengeld kommen die Stipendiaten selbst auf.

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Schon viele Monate vor der glücklichen Nachricht hatte das Bewerbungsverfahren begonnen. Im Mai des Jahres vor meiner geplanten Ausreise lud ich mir auf der Homepage des Deutschen Bundestages das Faltblatt mit der Bewerbungskarte für das PPP herunter. Die Bewerbungskarte musste ordentlich ausgefüllt an den Bundestag geschickt werden, der die Bewerbung an die für den entsprechenden Wahlkreis zuständige Austauschorganisation weiterleitete. Die für meinen Wahlkreis zuständige Organisation schickte mir ziemlich schnell die vollständigen Bewerbungsunterlagen zu, die es fristgerecht einzureichen galt. Ein Bewerbungsbogen musste ausgefüllt werden und es gab zusätzlich die Bitte, eine Selbstbeschreibung zu verfassen. Ich war aufgefordert, meine persönliche Entwicklung darzustellen und über meine Interessen, Zukunftspläne und Einstellungen zu einem High School-Jahr zu schreiben. Zudem mussten Endjahreszeugnisse der letzten Schuljahre mitgeschickt und ein Lehrergutachten eingeholt werden. Da mitten im Bewerbungszeitraum die Sommerferien lagen, erforderte die ganze Bewerbung eine gute Organisation. Wer die Frist nicht einhält, der wird auch nicht berücksichtigt.

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Anfang Oktober, also ein knappes Jahr, bevor es Richtung USA gehen sollte, wurde ich zum Vorauswahlverfahren meiner Austauschorganisation eingeladen. Natürlich stieg ab diesem Tag die Aufregung, zumal ich zum Termin zwei Gegenstände mitbringen sollte: einen Gegenstand, der mir viel bedeutet, und einen, der mir Angst macht. Erst war ich mir unschlüssig, doch nach längerem Überlegen standen meine Gegenstände fest: Mein Stoffpapagei, der mich schon mein ganzes Leben lang begleitet hatte, sollte einer der beiden Gegenstände sein. Materiellen Wert hat er nicht wirklich, zumal sein Aussehen über die Jahre sehr gelitten hat. Bei diesem Gegenstand stand eben der symbolische Wert im Vordergrund. Mein Angst-Gegenstand war eine Schachtel Zigaretten, die im Kontrast zum doch kindlichen Kuscheltier stand. Die Schachtel brachte ich nicht aus Furcht vor Zigaretten an sich mit, sondern aus Angst vor den Folgen des Rauchens. Bei der gestellten Aufgabe gab es wohl nicht die perfekten zwei Objekte. Es ging vor allem darum, durch die ausgewählten Gegenstände eine Botschaft zu vermitteln.

„Ich kann jedem Bewerber raten, sich aktiv in die Gespräche und Diskussionen einzubringen“

Am Morgen des Vorauswahltreffens saßen außer mir dreizehn weitere nervöse Bewerber mit ihren Eltern in einem Studienkolleg in Münster. Nachdem das Auswahlkomitee uns allen das Parlamentarische Patenschafts-Programm zunächst noch einmal vorgestellt hatte, mussten wir uns von unserer elterlichen Unterstützung verabschieden. Wir fanden uns bei einem Frühstück mit dem Komitee ein, wo wir uns gegenseitig kennenlernten und dem Komitee Fragen zum Auswahlverfahren und dem Jahr in den USA stellen konnten. Danach setzten wir uns in einem Stuhlkreis zusammen. Die von uns mitgebrachten Gegenstände sollten nun reihum vorgestellt werden. Zugegeben, als ich an der Reihe war, zitterte ich und hoffte sehr, die richtigen Worte zu finden. Auch die anderen Bewerber hatten sich viel Mühe mit ihren Gegenständen gemacht und ich traf auf andere Kuscheltiere und Tabak. Nach der Vorstellungsrunde stellten uns die Komitee-Mitglieder Fragen, spielten mögliche Situationen mit uns durch und jeder konnte sich zu den angesprochenen Themen äußern. So machten wir uns beispielsweise gemeinsam Gedanken zum Thema Gastgeschenke. Ich kann nur jedem Bewerber raten, sich aktiv in die Gespräche und Diskussionen einzubringen. An den, der nichts sagt, kann sich das Komitee hinterher nicht mehr erinnern! Nach der Gesprächsrunde stand ein einfach zu bewältigender politisch-geschichtlicher Test zu den Vereinigten Staaten und Deutschland auf dem Programm. Die danach folgenden Einzelgespräche rundeten den Tag ab.

„Das hieß ganze vier weitere Monate warten“

Auf der Rückfahrt stellte sich dann wieder die bekannte Nervosität ein und ich versuchte, mir meine Chancen auszurechnen. Ich hoffte, in den nächsten Tagen Post zu erhalten. Fünf Tage nach der Auswahlrunde erhielt ich die Zusage für das kostenpflichtige Regelprogramm der Austauschorganisation, für das ich mich parallel beworben hatte. Doch ich lehnte meinen sicheren Platz ab und entschied mich dafür, alles auf eine Karte zu setzen. Einen Tag nach der Bestätigung über die Aufnahme in das reguläre Programm kam per Post der Bescheid, dass ich immer noch im Rennen um das PPP-Stipendium war. Als Anlage zu diesem Schreiben erhielt ich eine Erläuterung zum weiteren Verlauf des Verfahrens. Ich wusste, dass meine Bewerbung im nächsten Schritt dem Bundestagsabgeordneten meines Wahlkreises vorgelegt werden würde und dieser im Februar eine Entscheidung fällen würde. Das hieß ganze vier weitere Monate warten. Ich erkundigte mich bei meinen Mitbewerbern, die beim Treffen in Münster dabei gewesen waren, und erfuhr, dass nur ein weiterer Junge es auch in diese Runde geschafft hatte. Damit stiegen meine Chancen natürlich erheblich an und – wie bereits bekannt – wurde ich im Februar tatsächlich nominiert.

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Mit den Platzierungsunterlagen, die ich mit meiner Zusage im Februar erhielt, kam einiges an Aufwand auf mich zu. Innerhalb von nur drei Wochen musste ich eine Einschätzung meines Englischlehrers einholen, meine gesundheitliche Eignung anhand ärztlicher Gutachten nachweisen und weitere Formulare unter anderem zur Beantragung des Visums und zum Thema Programmregeln vervollständigen. Online gab es noch einen persönlicheren Teil auszufüllen. Ich gab meine Hobbys an und vermerkte meine Wünsche in Bezug auf Gastfamilie und Schule. Man wurde zudem gebeten, einen Brief an die potenzielle zukünftige Gastfamilie zu verfassen. Dadurch erhielt ich die Chance, die mögliche Familie direkt anzusprechen und detailliert über mich als Person und meine Charaktereigenschaften zu informieren. Als ich die ganzen Unterlagen endlich vollständig ausgefüllt hatte, fühlte ich mich erleichtert. Ich ging ins Bürgerbüro, beantragte meinen Reisepass und erzählte jedem, der es hören wollte, von meinem Stipendium. Jetzt konnte ich mich voll und ganz auf mein Jahr in den USA einstellen.

„Der ‚Spirit‘ überfiel uns und stärkte unser Gemeinschaftsgefühl“

Für Mai wurde ich zu einem einwöchigen Vorbereitungsseminar nach Niedersachsen eingeladen, wo ich auf die anderen Stipendiaten traf. Im Vorfeld sollte jeder Teilnehmer ein kreatives Projekt ausarbeiten, über das Wünsche, Vorstellungen, Erwartungen, Ängste sowie das Wissen über unser Gastland zum Ausdruck gebracht werden sollten. Ich entschied mich für eine Collage. Die anderen Teilnehmer des Vorbereitungsseminars brachten ebenfalls Collagen, selbst geschriebene Lieder oder Gedichte mit. Nachdem wir uns am ersten Abend noch etwas verhalten gegenübergestanden hatten, lernten wir uns in den folgenden Tagen erstaunlich gut kennen. Der „Spirit“ überfiel uns und stärkte unser Gemeinschaftsgefühl. Endlich traf ich Gleichgesinnte, mit denen ich über meine Ängste, Empfindungen und Erwartungen sprechen konnte. Nach dem Seminar hatte ich das Gefühl, die bestmögliche Vorbereitung bekommen zu haben, die ich kriegen konnte.

„Ich habe ein zweites Zuhause gefunden“

Doch wo sollte es denn eigentlich hingehen? Gute Frage. Ich wusste bis dato nicht, in welchem der US-Bundesstaaten ich leben würde. Das Visum war da und das Abflugdatum rückte immer näher. Erst zwei Tage vor der Ausreise erhielt ich Nachricht, wo und bei welcher Gastfamilie ich das Schuljahr verbringen würde. Es würde nach Rhode Island gehen, in den kleinsten Bundesstaat, zu einer Gastfamilie mit vier Kindern. Das Warten hatte sich gelohnt und meine Vorfreude stieg weiter. Erst einmal freute ich mich besonders darauf, die anderen „PPPler“ in Washington D.C. wiederzusehen. Dort würden wir zum Auftakt drei Tage miteinander verbringen, genauso wie am Ende des Programms. Endlich würde ich in das Land meiner Träume aufbrechen – in Erwartung und Hoffnung auf eines der besten Jahre meines Lebens! Nachtrag: Heute blicke ich auf zehn Monate Amerika zurück – zehn Monate, die ich bei einer liebevollen Gastfamilie im wunderschönen Barrington, Rhode Island, verbrachte. Ohne Zweifel haben Land und Leute Einfluss auf mich und mein weiteres Leben genommen, denn nach einer solchen Zeit sagt man nicht einfach „Goodbye“. Ich habe ein zweites Zuhause gefunden und die vielen Erinnerungen und Erlebnisse begleiten mich in meinem deutschen Alltag. Was als Abenteuer in einem fremden Land begann, endete mit dem großen Versprechen: „See you soon then!“

Isabelle Kopineck, 18, lebt in Lünen nahe Dortmund und besucht dort die 12. Klasse eines Gymnasiums. Ihr High School-Jahr hat sie im Bundesstaat Rhode Island im Nordosten der USA verbracht.

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