Praktikum in Hanoi

Von Roller-Kamikaze und Büro-Hühnern

weltweiser · Mofafahren in Vietnam

Geschrieben von: Amelie Haupt

Land: Vietnam

Aufenthaltsdauer: 2 1/2 Monate

Programm: Auslandspraktikum

Erschienen in: (Nix für) Stubenhocker.

Die Zeitung für Auslandsaufenthalte,
Nr. 7 / 2017, S. 54-55

Obwohl ich erst seit einiger Zeit in Vietnam bin, habe ich schon so viel Wunderliches und Unbekanntes zu berichten. Am anderen Ende der Welt ist es doch schon ein wenig anders. Zunächst eine kurze Erklärung: Ich absolviere gemeinsam mit einer Kommilitonin hier in Hanoi ein zehnwöchiges Praktikum in einer Reiseagentur und es ist bereits jetzt ein einmaliges Erlebnis.

Schon das Essen hier ist ein einziges Fest, aber dazu später mehr. Meine Arbeitsstelle ist eine Reiseagentur, die bisher den amerikanischen und australischen Markt mit geführten Reisen durch Indochina versorgt hat und nun auch den deutschen Markt anvisieren möchte. In den ersten zwei Wochen kümmerten meine Kommilitonin und ich uns um die Übersetzung der Internetseite vom Englischen ins Deutsche und überlegten uns, was deutsche Touristen für Hemmschwellen haben könnten und was sie davon abhalten könnte, nach Südostasien zu reisen. Das Arbeitsklima in der kleinen Firma ist sehr angenehm und ich finde es toll, wie wir von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, aber auch von unserem Chef behandelt werden. Wir wurden gleich von zwei Leuten durch die Stadt geführt, mir wurde beigebracht, wie man Roller fährt und am Nachmittag werden wir immer zur gemeinschaftlichen Obstrunde geholt. Der Chef hat uns sogar an einem Wochenende zu einer Familienfeier ans Meer mitgenommen. Wir sind vollkommen eingebunden in das Geschehen und jeder ist bemüht, uns bei all unseren Anliegen zu helfen.

Pho Bho - Vietnamesisches Gericht
Mofafahren in Vietnam
Vietnamesisches Huhn - gegrillt

Das Wetter in Vietnam ist eher gewöhnungsbedürftig und gleicht einer Sauna. Bei 37°C und einer Luftfeuchtigkeit von circa 70% lernt man Klimaanlagen zu schätzen und zählt sie zu den weltbesten Errungenschaften. Unsere Wohnung und das Büro sowie alle Läden und Restaurants sind wohltemperiert und bieten Abkühlung nach der Hitze der Straße. Weite Wege werden auf dem Roller oder im Auto bestritten und somit verbringt man nur wenige Schritte vom Büro zum Restaurant in der prallen Sonne und feuchten Schwüle. So ist es ganz gut auszuhalten, und der Grund dafür, dass ich beim Rollerfahren so sehr geschwitzt habe, ist nicht etwa die schwüle Hitze, sondern ein ganz anderer. Es handelte sich hier eher um Angstschweiß. Auf einer „wenig befahrenen“ Straße, auf der gefühlt „nur“ alle zehn Sekunden ein neues Fahrzeug kommt, habe ich eine Einweisung bekommen und durfte zwei Mal im Kreis fahren, bevor ich mich durch die Rushhour manövriert habe, immer meiner vietnamesischen Kollegin hinterher. Aber schon nach dem dritten Tag bin ich mutiger geworden, habe sogar Spaß an der Fahrt gefunden, und weiß nun jede Lücke auszunutzen. In Deutschland hätte ich vermutlich bereits 42 verschiedene Gesetze gebrochen, aber hier folge ich nur immer den anderen Rollerfahrern und die Verkehrspolizei winkt fröhlich mit ihren Stöckchen und Schildern. Der Verkehr in Hanoi ist das, was man das „organisierte Chaos“ nennt.

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Trotz des Wetters sind viele Frauen hier mit leichten Jacken unterwegs, denn ironischerweise ist meine ungewollte Blässe hier das Schönheitsideal vieler Frauen. Das führt dazu, dass die meisten Frauen über ihre Blusen und kurzen Röcke eine leichte Jacke mit langen Ärmeln ziehen, um möglichst keinen Sonnenstrahl an ihre Haut kommen zu lassen. Das Ganze wird abgerundet mit einer Sonnenbrille, einem Helm zum Rollerfahren und einem Mundschutz, der sowohl gegen die Sonne als auch gegen die Autoabgase schützt. Abgesehen davon ist aber der Kleidungsstil sehr westlich geprägt. Und doch sind regionale Einflüsse, wie die klassischen Kegelhüte der Reisbauern, noch vertreten. Und dass es eben doch nicht in allen Bereichen so „westlich“ zugeht, konnte ich eines morgens um 9:30 Uhr feststellen. Es war Samstag, wir saßen im Büro und eine unserer Kolleginnen kam herein. In ihren Händen vor sich trug sie einen Teller, gefüllt mit jeder Menge Litschis und einem gerupften, noch vollständigen Huhn. Schon das kam mir etwas merkwürdig vor. Sie zeigte es ihrem Chef, er bedankte sich und zog sich einen Hocker vor die Wand. Er trat auf den Hocker, ließ sich den Teller mitsamt Huhn reichen und stellte ihn auf einem knapp unter der Decke angebrachten Sideboard ab. Darauf befanden sich bereits Kunstblumen und Kerzen. Meine Kommilitonin und ich schauten uns entgeistert an. Dann schauten wir wieder das Huhn an. Natürlich fragten wir nach, wofür denn nun das Huhn auf dem Regal gut sein soll, und es kam zu folgendem Gespräch: „Das ist eine Tradition, damit das Geschäft immer gut laufen soll und viel Geld bringt.“ „Ach so. Ja, dann ist das ja gut. Und was passiert mit dem Huhn?“ „Das essen wir später.“ Kurz blitzte eine Gedankenverbindung von rohem Hühnerfleisch und Salmonellen im Kopf auf. „Ist das Huhn bereits gekocht?“ „Ja.“ Ich war beruhigt und wendete mich wieder, immer noch leicht konsterniert, meiner Arbeit zu.

„Wenn man mit mehreren Leuten zusammen speist, ist es üblich, viele Gerichte zu bestellen“

Trotz der Geschichte mit dem Huhn genieße ich die vietnamesische Küche sehr. In den letzten Tagen war ich stets froh über den Anflug eines Hungergefühls, da das bedeutete, dass ich noch mehr essen konnte. Zum Frühstück ist es hier üblich, eine kräftige Suppe zu sich zu nehmen. Diese Suppe – „Phở Bò“ genannt – besteht aus einer Brühe mit Gemüse, Rindfleischscheiben und Reisnudeln. Mittags dagegen wurden wir häufig von unserem Chef zum Essen eingeladen. Wenn man mit mehreren Leuten zusammen speist, ist es üblich, viele Gerichte zu bestellen, sodass jeder sich selbst bedienen kann. Das ist jedes Mal ein einziger Gaumenschmaus mit teilweise bekannten, teilweise aber auch völlig neuen Speisen. Von der Frühlingsrolle oder „Nem Rán“ über „Nem Cuon“, einer Sommerrolle beziehungsweise einer nicht frittierten Frühlingsrolle, die man selbst füllt und in hauchdünnes Reispapier wickelt, bis hin zum frittierten Reis, klebrigen Reis, Krabbenpasteten, Fleischbällchen jeglicher Art und noch vielem mehr ist alles dabei. Zu diesen Speisen werden zudem unterschiedliche Saucen gereicht: Natürlich Sojasauce mit oder ohne Wasabi, Zitronenwasseröl, Maggi, Limettensaft mit Salz und die sehr beliebte Fischsauce mit Chili. Auf dem Tisch steht zumeist noch ein Korb voll frischer Kräuter wie Minze, Koriander oder Basilikum. Da mir allerdings drei Mal am Tag eine warme Mahlzeit zu viel ist – so lecker das Essen auch sein mag –, bin ich froh über das breite Angebot an exotischen Früchten. Bereits in der ersten Woche habe ich schon mindestens fünf Früchte probiert, die es bei uns entweder überhaupt nicht oder nur aus der Dose gibt: Frische Litschis, Rambutan, verwandt mit der Litschi, Mangostinen, Jackfrucht und Pluotpflaume. Viele weitere Früchte habe ich bereits auf dem Markt entdeckt und sie warten nun darauf, von mir probiert zu werden.

„Letztendlich hat mir das Praktikum schon jetzt viel mehr als nur einen Einblick in die Arbeit der Reiseagentur geboten“

Ich werde definitiv so einiges von diesem Auslandsaufenthalt mit zurückbringen. Denn schon jetzt habe ich mir zu meiner eigenen Überraschung innerhalb kürzester Zeit zwei neue Fähigkeiten angeeignet: mit Stäbchen Essen und Roller fahren. Ersteres aus einer Notwendigkeit heraus, denn da man jedes Gericht hier mit Stäbchen isst und ich nicht vorhatte, aus Ungeschick zu verhungern, habe ich mir genau angeschaut, wie meine vietnamesischen Kollegen ihre Esswerkzeuge meistern, und kann nun selbst recht gut damit umgehen. Selbst die glitschigen Nudeln in der Suppe oder dünne Gemüsescheiben finden den Weg zu meinem Schälchen beziehungsweise in meinen Mund. Manchmal schummle ich aber auch ein wenig und führe das Schälchen näher zum Mund – völlig legitim und nicht unhöflich – oder ich nehme einen Löffel zu Hilfe. Letztendlich hat mir das Praktikum schon jetzt viel mehr als nur einen Einblick in die Arbeit der Reiseagentur geboten, und eines werde ich ganz sicher nie vergessen: das Büro-Huhn.

Amelie Haupt, 21, nutzt jede Gelegenheit, ihr Fernweh zu beruhigen. Sie studiert Wirtschaftspsychologie in Köln und hat sich das Semester im Anschluss an ihr Praktikum in Vietnam freigenommen, um Südostasien weiter zu erkunden.

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