Australien ist nicht Deutschland

Jobsuche eines Work and Travellers

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Geschrieben von: Ivo Thiemann

Land: Australien

Aufenthaltsdauer: 1 Jahr

Programm: Work & Travel

Erschienen in: (Nix für) Stubenhocker.

Die Zeitung für Auslandsaufenthalte,
Nr. 9 / 2019, S. 62-63

Das Visum war organisiert, die Koffer gepackt und ich war bereit, die beschwerliche Reise auf die andere Seite der Welt mitten in den australischen Winter anzutreten, die nächsten knapp 30 Stunden vor einem kleinen Bildschirm zu verbringen und mich durch die Hollywood-Neuerscheinungen der letzten Jahre zu arbeiten. Ich hatte ehrlich gesagt keine genaue Vorstellung davon, was mich am Ende der Reise erwartete, daher kaufte ich spontan im letzten Buchladen vor dem Einchecken ein Reisemagazin mit dem Schwerpunktthema Australien.

Als ich durch die Seiten blätterte, wurde mir bewusst, wie wenig ich doch eigentlich von diesem Kontinent wusste, welchen ich bis dato nur mit Kängurus, einem Korallenriff und einem großen roten Felsen in der Wüste assoziierte. Dies sollte sich im kommenden Jahr ändern. Die ersten Monate verbrachte ich in Melbourne, einer grünen Stadt mit vielen Parks und einem multikulturellen Ambiente, in das ich mich sofort verliebte. Insbesondere im gastronomischen Angebot spiegelt sich die unterschiedliche Herkunft der Menschen wider. Ich fand Thai-Imbisse neben Burger-Restaurants neben französischen Lokalen neben den für Melbourne so bekannten hippen Cafés. Nicht umsonst wurde Melbourne sieben Jahre in Folge zur „most livable city in the world“ gewählt.

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Ich wusste zwar, dass in Australien Linksverkehr herrscht, doch war ich nicht darauf vorbereitet, dass diese Regel natürlich auch auf den Fußwegen Anwendung findet. Ich war überrascht davon, wie automatisch ich nach rechts auswich und mich so – ohne auch nur einen Ton gesagt zu haben – als Reisender aus dem Reich des Rechtsverkehrs zu erkennen gab. Mit einiger mentaler Anstrengung schaffte ich es jedoch binnen weniger Wochen, mich von dieser deutschen Verkehrsregel zu trennen und mich so ein kleines Stückchen australischer zu fühlen. Mir war bewusst, dass ich nicht der einzige Deutsche in Australien war. Da ich jedoch auf der Suche nach dem „Australian Way of Life“ war, mied ich die in der Backpacker-Szene bekannten Hostels und lebte stattdessen die ersten paar Monate in einer WG etwas außerhalb vom Zentrum Melbournes. WG wird in Australien im Allgemeinen übrigens mit „share house“ übersetzt, und zwar, weil man sich in der Regel tatsächlich ein vollständiges Haus teilt. Als echter Geheimtipp, um erste Kontakte zu knüpfen und interessante Menschen kennenzulernen, stellten sich Sprach-Gruppen heraus, welche sich in der Regel wöchentlich treffen und die Gelegenheit bieten, mit Muttersprachlern zusammen das Sprechen in einer Fremdsprache zu üben. So gab es dort einen sehr internationalen Kultur-Mix zu erleben und neben Einwanderern aus verschiedensten Ecken der Welt und einigen Australiern kamen auch mehrere Teilnehmer aus verschiedenen Ländern Südamerikas. Da ich in der Vergangenheit bereits ein Jahr in Kolumbien verbracht hatte, bot sich für mich hier die Gelegenheit, mein eingerostetes Spanisch etwas aufzupolieren und ein paar Bekanntschaften zu schließen.

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Australien ist nicht Deutschland – diese Weisheit offenbarte sich mir, als ich mich nach ein paar Monaten dazu entschied, meine sieben Sachen zu packen und nach Tasmanien weiterzuziehen, um das Leben fernab der großen Metropole kennenzulernen. Um auf die südlich von Melbourne gelegene Insel zu kommen, gibt es genau zwei Möglichkeiten: Entweder man nimmt einen Linienflug und landet etwa eine Stunde später in Hobart, der malerischen Hauptstadt Tasmaniens, oder man wählt die elfstündige Überquerung der „Bass Strait“ via Fähre, welche einen im industriell geprägten Küstenort Devonport absetzt. Bei der Fahrt wird eine der weltweit stürmischsten Meerespassagen, die „Roaring Forties“, gekreuzt, was in der Regel zu einem entsprechend turbulenten Reiseerlebnis führt. Ich entschied mich für den Luftweg. Für Deutsche mit dem Working-Holiday-Visum gibt es in Australien eine interessante Regel, denn es wird einem die Möglichkeit auf eine einjährige Verlängerung des Visums eingeräumt, wenn man für mindestens 88 Tage in einem Job innerhalb der Landwirtschaft arbeitet. Da mir das Land nach ein paar Monaten immer noch sympathisch war, schien es mir keine schlechte Idee, mir diese Option für die Zukunft offenzuhalten. Nachdem ich erfolgreich eine WG in Hobart gefunden hatte, ging es auch direkt an die Jobsuche. Ich durchkämmte das Internet nach Höfen in der Region, rief an, stellte mich kurz vor und fragte nach einem Job. Das kostete mich zu Beginn durchaus etwas Überwindung, doch diese Vorgehensweise sollte sich bald auszahlen.

„Über die Sommermonate wurden viele Erntehelfer gebraucht“

Als ich bei einer Blaubeerfarm in der Nähe anrief, meldete sich eine Frauenstimme, und auf meine Frage, ob sie auf der Suche nach Erntehelfern seien, verneinte sie zunächst, stellte mir aber daraufhin die Gegenfrage, wie groß ich denn sei und ob ich alternativ an einem Job als sogenannte „farmhand“ interessiert sei. Ich verriet meine Körpergröße und am folgenden Montagmorgen stand ich auch schon Greg gegenüber, meinem zukünftigen Boss. Wie ich bald herausfand, brauchten sie jemanden, der groß genug war, um die Vogelschutznetze zu flicken. Diese Aufgabe sollte nur der Anfang von einer Reihe von unterschiedlichen Tätigkeiten sein, die Greg mir über die Zeit anvertraute. 88 Tage Farmarbeit hatte sich zunächst nach gar nicht so viel Zeit angehört, etwa drei Monate Arbeit eben, das sollte doch eigentlich machbar sein. Nach einiger Zeit fiel mir allerdings auf, dass ich ja nicht sieben Tage die Woche arbeitete, und außerdem war ich vom Wetter abhängig, da viele Arbeiten bei Regen nicht ausgeführt werden konnten. Es war daher gut, dass ich mit meiner Jagd nach einem Visum für eine Verlängerung des Visums im australischen Frühling begonnen hatte, da über die Sommermonate viele Erntehelfer gebraucht wurden.

„In einer hügeligen Küstenlandschaft mit weitem Blick auf das Meer pflückte ich Kirschen“

Neben meinem Job bei Greg auf der Blaubeerfarm arbeitete ich kurzzeitig bei einem Apfelbauern und landete schließlich auf einer Kirschplantage. Um dorthin zu gelangen, musste ich jeden morgen zusammen mit den anderen „Fruit Pickers“ mit einer kleinen Fähre etwa 15 Minuten lang auf eine vorgelagerte Insel, Bruny Island, übersetzen, wo wir dann mit einem Bus abgeholt und auf die Kirschwiesen gefahren wurden. Dies war definitiv mein schönster Arbeitsplatz bisher. In einer hügeligen Küstenlandschaft mit einem weiten Blick auf das Meer pflückte ich Kirschen, bis es Abend wurde. Alle Erntehelfer durften, und wurden sogar dazu angehalten, beim Pflücken regelmäßig auch Kirschen zu essen, um die Qualität der Früchte zu überprüfen. Obwohl ich ein ausgesprochener Kirschliebhaber bin, konnte ich nach einigen Wochen keine Kirschen mehr sehen, geschweige denn essen, denn durch das ständige Probieren wurden meine Zähne durch den Zucker und die Fruchtsäure so gereizt, dass ich schon nach wenigen Kirschen Zahnschmerzen bekam. Mein Zahnarzt dürfte sich gefreut haben, dass es nach etwa anderthalb Monaten keine Arbeit mehr für uns gab. Auch Greg freute sich und bot mir direkt wieder eine Beschäftigung auf der Blaubeerfarm an.

„Es war ein tolles Gefühl, so frei und flexibel zu sein und das zu machen, wozu ich Lust und Laune hatte“

Wahrscheinlich war ich selten so braun gebrannt wie zum Ende dieses Sommers, da ich fast jeden Tag unter freiem Himmel auf der Farm und auf verschiedenen Obstwiesen verbrachte. Zum Spätsommer hin hatte ich es dann tatsächlich geschafft, meine 88 Tage Farmarbeit abzuleisten. Darüber hinaus arbeitete ich aber auch in anderen Jobs. Ich trug Werbe-Kataloge aus, machte Gartenarbeiten und arbeitete in zwei verschiedenen Pizzerien als Küchenhilfe und Pizzalieferant, was dazu führte, dass ich mich in Hobart bald fast so gut auskannte wie die ansässige Bevölkerung. Gegen Ende meines Jahres als Work and Traveller machte ich mich schließlich auch noch selbstständig: Ich bin in der glücklichen Situation, dass meine Eltern ein Klaviergeschäft besitzen und ich dort in meiner Jugend das Klavierstimmen gelernt hatte. Ich wurde ganz offiziell Kleinunternehmer, verteilte Flyer, kontaktierte Schulen, Seniorenheime und Universitäten und bot meine Dienste als Klavierstimmer an. Neben einigen privaten Aufträgen erhielt ich so sogar den Zuschlag für die Betreuung eines Klaviers auf Dark Mofo, einem der größten Festivals in Tasmanien. Es war ein tolles Gefühl, so frei und flexibel zu sein und das zu machen, wozu ich Lust und Laune hatte. Zugleich lernte ich in dieser Zeit auch die ein oder andere Lektion zum Thema Selbstorganisation und selbstverantwortliches Handeln, was nicht immer ganz reibungslos vonstatten ging.

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Obwohl ich definitiv mehr Zeit mit Arbeiten verbrachte, als ursprünglich angenommen, unternahm ich in meiner Freizeit auch einige Reisen. Ich versuchte in meiner begrenzten Zeit möglichst viel von Tasmanien zu sehen und reiste vor allem in die entlegenen Ecken der Insel. So lernte ich nicht nur die Städte, sondern insbesondere auch die wilde Natur der Insel hautnah kennen, denn Tasmanien ist einer der wenigen Orte weltweit, wo es noch entlegene und vom Menschen unangetastete Regionen gibt, die heute zum UNESCO-Welterbe zählen. So hat das Wandern oder „bush walking“, wie es in Australien heißt, einen ganz anderen Stellenwert in der Gesellschaft. Sogar in der Schule gibt es das Fach „Outdoor Education“, welches die Schülerinnen und Schüler auf mehrtägige Wandertouren in der Wildnis vorbereitet. Ich, als absoluter Naturliebhaber, kam so während meines Work and Travel Jahres voll auf meine Kosten. Ich bestieg den „Frenchman’s Cap“, einen Berg, der erst nach einem zweitägigen Fußmarsch erreichbar ist, umwanderte die Tasmanian Peninsula und campte an der „Wineglass Bay“. Außerdem unternahm ich unzählige Tagestouren in das Umland von Hobart. Wenn ich so auf mein Jahr in Australien zurückblicke, kommen Erinnerungen von liebgewonnenen Menschen und wunderschönen Orten auf. Ebenso stelle ich fest, dass ich mich in dem Jahr persönlich weiterentwickelt habe. Sprich ich habe gelernt, die Dinge in die eigene Hand zu nehmen, Initiative zu ergreifen und selbstverantwortlich zu handeln. Könnte ich mich noch einmal entscheiden, ob ich ein Jahr auf der anderen Seite der Welt verbringen möchte, ich würde es sofort wieder tun.

Ivo Thiemann, 28, bringt sein in Australien gefestigtes Organisationstalent jetzt im weltweiser-Team ein und reist weiterhin regelmäßig nach Down Under.

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