25 Kilo wiegt die Freiheit

Als Backpacker durch Skandinavien

weltweiser · WorkandTravel · Backpacker · Norwegen

Geschrieben von: Merle Schmidt

Land: Norwegen

Aufenthaltsdauer: 4 Monate

Programm: Work & Travel

Erschienen in: (Nix für) Stubenhocker.

Die Zeitung für Auslandsaufenthalte,
Nr. 9 / 2019, S. 65-66

„Wie, ihr wollt einfach losfahren? Ohne Plan oder Kontaktadresse? Wo wollt ihr denn schlafen?“ So oder ähnlich sahen die Reaktionen meiner Freunde und Bekannten aus, wenn ich ihnen von meinem Vorhaben erzählte. Mein Plan, mit meiner besten Freundin ein paar Monate nach Skandinavien zu fahren, wurde meist als nette Idee gebilligt.

Diese Billigung war aber ganz schnell vorbei, als sich herausstellte, dass das unser gesamter Plan war: ohne etwas Konkretes ins Unbekannte aufzubrechen. Zugegeben, auch ich bekam ein paar Mal weiche Knie beim Gedanken daran, keinerlei Anlaufpunkte zu haben. Aber Lea und ich wollten nun mal die Lofoten sehen, die so viele als den schönsten Ort der Welt anpriesen, und wir wollten ein Abenteuer. Wir wollten sehen, was das Leben uns zu bieten hat. So packten wir unsere Sachen, zwei riesige Backpacks, die uns vor die erste Herausforderung stellten – alles, was wir zum Leben brauchten, so zu komprimieren, dass wir es selbst tragen konnten. Mit je 25kg auf dem Rücken, Bildern und Träumen im Kopf und unendlich scheinender Motivation machten wir uns auf den Weg, das Leben und uns selbst herauszufordern. Ich schätze, wir wurden zuerst herausgefordert. Nicht, dass es unserer Motivation einen Abbruch getan hätte, in Bahnhofshallen zu übernachten, uns auf öffentlichen Toiletten morgens und abends fertig zu machen oder tagelang nur Möhren, Käse, Knäckebrot und Schokolade zu essen. Ganz im Gegenteil: Wir wollten ja ein Abenteuer! Und so fühlte es sich an, ganz genau so. So fühlten sich die Nächte an und die Blicke, die uns zugeworfen wurden, so fühlten sich die Märsche durch Wind und Regen zum billigsten Supermarkt an, wenn wir mal ein paar Stunden in einer Stadt waren, so fühlte es sich an, an der Reling eines Schiffes zu stehen und die Gischt im Gesicht zu spüren. Und irgendwann waren wir da. Irgendwann sahen wir am Horizont die schroffen Felsmassive der Lofoten auftauchen und wussten: Wir haben es geschafft. Jetzt schaffen wir auch alles andere.

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Wahrscheinlich brauchten wir dieses Gefühl zu Beginn unserer Reise, um uns darüber klar zu werden, was es bedeutet, Backpacker zu sein. Es bedeutet, einen ganz anderen Lebensstil zu führen als gewohnt: kaum Geld zu haben, in Regionen ohne Zuganbindung auf die Güte der Autofahrer angewiesen zu sein, die dich vom Straßenrand mitnehmen, nur vom Nötigsten zu leben und nur das besitzen zu können, was in deinen Rucksack passt. Aber es bedeutet auch, dass jeder andere Backpacker dein Freund ist. Es bedeutet, Menschen aus aller Welt kennenzulernen, mit ihnen zu reden, zu kochen oder weiterzureisen, die unglaublichsten Dinge zu erleben, an den entlegensten Orten zu landen und immer wieder über dich selbst hinauszuwachsen. Wir fanden heraus, dass unsere einzige Grenze tatsächlich die 25kg auf unserem Rücken waren – eine Bürde, die zwar nicht immer leicht zu tragen war, aber immerhin die einzige, die wir uns selbst auferlegt hatten. Wir konnten gehen, wohin wir wollten, wir konnten tun, was uns gefiel, wir konnten unsere Zeit mit Menschen verbringen, die uns interessierten, und das Leben schien uns jeden Tag aufs Neue sämtliche Unannehmlichkeiten durch eine Flut an Möglichkeiten auszugleichen. Niemand, der uns sagte, was wir durften und was nicht, niemand, der uns sagte, was wir konnten und was nicht – wir fanden es selbst heraus, jeden Tag aufs Neue, als unser eigener Boss, Geldgeber und Vormund. Wir fühlten uns frei wie nie zuvor. Wir erfuhren mit Fahrrädern und Booten die Inseln, gingen wandern und spazieren, trampten von Norden nach Süden und zurück und genossen das Leben.

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Ein alter Fischer nahm uns auf seinem Boot mit in den Trollfjord, denn wir hatten gelesen, dass man von dort – und nur von dort – zu einer Hütte samt Sauna in den Bergen gelangte, und so machten wir uns auf den Weg, 400 Höhenmeter hinauf. Es ist keine leichte Sache, nasse Felsen hochzuklettern, das kann ich euch sagen. Unsere schwarz-roten Freunde, die nette Bezeichnung für die 25kg auf unseren Rücken, machten die Sache ebenfalls nicht leichter, und doch kamen wir abends an, erschöpft und stolz, es geschafft zu haben, und blickten über die Bergketten, als wären sie unser Königreich. Die Farben sind ganz anders dort oben, ebenso wie das Licht. Die Sonne geht im Sommer nur für einige wenige Stunden unter, manchmal überhaupt nicht, und die Farben der Berge, des Meeres und des Himmels sind um ein Vielfaches klarer, kräftiger und intensiver als in Mitteleuropa. Ich habe noch nie so viele Farben auf einmal gesehen wie bei einem Sonnenaufgang dort oben im Norden, so viele Nuancen, lilapinke Seen, azurblaue Wolken auf orangerotem Himmel, gelbe und grüne Felder in unzähligen Schattierungen, jede erdenkliche Farbe und noch einige hundert mehr bis zum Horizont. Diese Freiheit zu erleben, machte uns unglaublich reich und führte dazu, dass wir fast vergaßen, wie arm wir eigentlich waren, zumindest was unsere Geldbeutel betraf.

„Wir konnten gehen, wohin wir wollten, wir konnten tun, was uns gefiel“

Leider kam irgendwann der Abend, an dem ich wohl oder übel unsere Finanzen durchrechnete, und mit ihm die Erkenntnis, dass es gar nicht so verkehrt wäre, sich nach Arbeit umzusehen. Wir verließen die Lofoten und fanden über WWOOF – eine Plattform, die Arbeit auf organischen und ökologischen Höfen gegen Kost und Logis vermittelt – eine kleine Farm in der Mitte Norwegens, die für zwei Wochen unser Zuhause wurde. Dort lernten wir Ziegen melken, Beeren sammeln, ein Dach zu isolieren, Elche beobachten, Holz hacken, Gemüse und Salat anbauen, Eishockey spielen mit ein paar norwegischen Soldaten und vieles mehr, was man zum Leben braucht. Schnell fühlten wir uns heimisch und wurden immer mehr zu einer kleinen, schrägen Familie. Trotz allem Abschiedsschmerz wollten Lea und ich aber weiter, denn nach den Lofoten hatten wir über WWOOF einen weiteren Traum gefunden: Wir wollten lernen, einen Hundeschlitten zu fahren. Nun mag man sagen, ein Leben mit acht Huskys, die täglich trainiert werden müssen und die im Winter auch gerne mal durch ausgedehnte Schneelandschaften rennen sollten, sei nicht unbedingt optimal für zwei angehende deutsche Studentinnen. Und damit hätte man nicht mal Unrecht. Trotzdem lebten wir immer noch mit dem Gefühl, dass gerade jetzt alles möglich sei, und hatten uns in den Kopf gesetzt, dass Hundeschlittenfahren nun eben nötig wäre. So kam es, dass wir uns kurz darauf tatsächlich zu einer kleinen privaten Huskyfarm durchschlugen. Dort trafen wir abermals auf zwei andere WWOOFer aus Frankreich und Österreich, mit denen wir uns auf Anhieb bestens verstanden und mit denen wir uns täglich um das Schlittenteam, bestehend aus acht Alaskan Huskys, und die Erziehung der vier Welpen kümmerten. Wir konnten unser Glück kaum fassen, obwohl wir nach eineinhalb Monaten daran gewöhnt sein sollten, immer und immer wieder Glück zu haben.

„Man kann das Leben nicht planen“

Wir liefen stundenlang durchs Fjell und durch die Wälder, sammelten kiloweise Beeren, schipperten mit einem kleinen Boot über den nahen See, besserten die Trainingsbahn mit Kies aus dem Fluss aus und machten Trainingsausflüge in andere Gegenden, wo wir in Zelten ums Lagerfeuer und unter dem Sternenhimmel schliefen. Hier sahen wir auch zum ersten Mal wirklich große Nordlichter, hellweiß bis kräftig grün, die sich wie zerrissene Seide über den Himmel spannten. Aber auch von diesem Ort mussten wir uns wieder verabschieden. Zwei Freunde, die sich mit einem VW-Bus nach Norwegen aufgemacht hatten, nahmen uns ein paar Tage mit. Wir verbrachten eine weitere halbe Woche in Oslo und entschieden schließlich, nach Stavanger zu fahren, einer Stadt an der Westküste. Letztendlich stellte sich wieder einmal heraus, dass diese fast willkürliche Entscheidung zu einer ganzen Reihe weiterer genialer Erfahrungen führte. Auf der Suche nach einer günstigen Bleibe landeten wir bei einem Hippie, dessen Haus voller Kräuter und Gitarren war. Täglich fuhren wir einige Stunden mit ihm mit dem Fahrrad umher, sammelten Kräuter, fütterten seine Hühner, kümmerten uns um seinen Schrebergarten, bemalten seine Schränke mit Blumen und was eben noch so anfiel oder uns einfiel, und im Gegenzug schlief er bei seinen Eltern auf dem Bauernhof und überließ uns sein Haus. Statt der geplanten zwei Tage blieben wir eine Woche, und als wir uns dann schließlich doch auf den Weg machten, waren wir alle drei ein bisschen traurig. Für uns war langsam die Zeit gekommen, uns auf den Rückweg zu machen. Zwei Wochen dauerte es, bis wir über Schweden und Dänemark wieder in Deutschland angekommen waren, und diese zwei Wochen standen dem Rest der Reise in nichts nach.

„Letztendlich haben wir genau das gefunden, was die ganze Zeit da war: uns selbst“

Wir schliefen bei den verschiedensten Menschen auf der Couch, bei Studenten, aber auch bei einem dänischen Minister und Finanzberater, trampten zum ersten Mal auch mit LKWs, und wollten mit jedem Kilometer, den wir zurücklegten, weniger gern in unser altes Leben zurück. Das ist das Verrückte am Reisen: Du bist plötzlich an den abgelegensten, fremdesten und exotischsten Orten zu Hause. Wir haben so viele Gegenden bereist, so viele Menschen kennengelernt, so viel Neues erfahren und so viel Glück gehabt, aber letztendlich haben wir genau das gefunden, was die ganze Zeit da war: uns selbst. Und so oft wir diese Aussage von anderen Reisenden gehört haben, so alt und abgenutzt sie klingt, so wahr ist sie auch. Das ist das, was wir gelernt haben. Man kann das Leben nicht planen. Aber wenn man mal alle Grenzen außer Acht lässt und ihm einfach die Chance gibt, zu passieren, bringt es dich genau da hin, wo du hin musst, und macht dich zu genau dem, der du bist und sein willst, wenn dich nichts und niemand abhält. Deswegen kann ich jedem nur raten: Tu es. Pack deine Sachen, fahr los, begib dich ins Abenteuer. Stürz dich ins Leben, es ist nicht schwer. 25 kg, das ist das Gewicht der Freiheit.

Merle Schmidt, 20, war vor Beginn ihres Psychologie-Studiums noch einmal alleine in Norwegen und Ecuador und mit ihrer Schwester in Indonesien backpacken. Derzeit macht sie ein Auslandssemester in Australien und möchte im Anschluss noch mit dem Rucksack durch Australien und Neuseeland reisen.

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