Abenteuer Bauernhof

Sieben Wochen WWOOFing in Irland

weltweiser · WWOOFing im Hühnerstall

Geschrieben von: Miriam Schuster

Land: Irland

Aufenthaltsdauer: 7 Wochen

Programm: Work & Travel

Erschienen in: (Nix für) Stubenhocker.

Die Zeitung für Auslandsaufenthalte,
Nr. 7 / 2017, S. 63-64

WWOOFing – das Wort stand wie ein Fragezeichen im Raum. Aus großen Augen schauten meine Freunde mich an. Gerade hatte ich ihnen von meinen Plänen nach dem Abitur erzählt, die sie jetzt noch weniger verstanden als zuvor. Dass ich „nur“ nach Irland und nicht nach Amerika, Australien, Neuseeland oder noch weiter weg wollte, war schon für viele die erste Unverständlichkeit.

Aber dass ich auch noch freiwillig ohne Gehalt auf einer Farm arbeiten wollte, war für einige dann doch die größte Zeit- und Geldverschwendung, die sie sich vorstellen konnten. „Aha, und was ist diese WWOOF-Angelegenheit jetzt?“, hatte mich schließlich eine meiner Freundinnen gefragt. Worauf ich ihr erklärte, was WWOOF ist: WWOOF steht für „World-wide opportunities on organic farms“ und ist eine Organisation, die in vielen Ländern registriert ist und jeweils pro Land eine Liste mit ökologisch betriebenen Bauernhöfen erstellt, für die man sich über die jeweilige Länderwebsite als freiwilliger Helfer bewerben kann. Dass das meist kleinere Höfe sind, die eine umweltverträgliche Landwirtschaft aufbauen oder sich vergrößern wollen und dafür Hilfe für die Bewältigung der täglich anfallenden Aufgaben brauchen. Für die erbrachte Arbeit erhält man kostenlos Kost und Logis und kann ganz nebenbei einen tollen Einblick in die Kultur eines Landes gewinnen. Und genau dafür hatte ich mich zusammen mit Johannes, einem Freund, entschieden.

Gemüseverkauf auf dem Markt
Gruppenfoto nu

Wir meldeten uns auf der irischen Website an und konnten uns gegen eine kleine Gebühr alle ökologischen Höfe in Irland anschauen. Für uns war klar, dass wir wegen der Jahreszeit, in der wir gehen würden – Ende September bis November – im Süden suchen würden, in der Hoffnung auf ein angenehmeres Klima. So erstellten wir ein Profil, schrieben Höfe an und warteten. Aber schon nach nur 15 Minuten schrieb uns der Erste zurück. Nach einigem Überlegen sagten wir dem ersten Hof zu und buchten unsere Flüge. Das war die beste Entscheidung, die wir hätten treffen können. Trotz Kommunikation zwischen dem Farmer und uns blieben einige Fragen zu unserem Aufenthalt offen und mit einem leicht mulmigen Gefühl begannen wir unsere Vorbereitungen: Was sollten wir mitnehmen ins regenreiche Irland? Würde es kalt werden und was für Arbeiten würden uns erwarten? Schließlich standen wir morgens um 6 Uhr am Flughafen mit tausend Fragen im Kopf: War es eine gute Idee gewesen, so frei, ohne unterstützende Organisation ins Ausland zu gehen? Was würde uns auf dem Hof erwarten? Würden wir nur billige Hilfsarbeiter sein oder Teil der Familie? Nach einem kurzen Flug und einer etwas abenteuerlichen Busfahrt irgendwo ins Nichts standen wir bei strömendem Regen in einem Straßendorf und warteten auf den Farmer, der uns abholen wollte.

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Und dann kam er mit dem Lieferwagen, den wir noch zu schätzen lernen sollten. Patrick, der Farmer, begrüßte uns so herzlich, dass wir uns gleich willkommen fühlten. Während wir zur Farm fuhren, erklärte er uns sofort sehr viel über den Hof. Doch die fantastische Allee, die zum Hof führte, lenkte unsere Blicke auf die wunderschöne Landschaft um uns herum. Der Hof bestand aus den Wirtschaftsgebäuden eines alten Herrenhauses aus dem 19. Jahrhundert – hier fühlte man sich sogleich 100 Jahre zurückversetzt. Nach einem freien Nachmittag, an dem Johannes und ich die Umgebung erkundet hatten, fielen wir müde ins Bett, voller Erwartung auf den ersten Arbeitstag. Dieser, so stellte sich heraus, begann erst um 8:30 Uhr und sollte immer erst so spät beginnen. Wir mussten also nicht um 7 Uhr schon Kühe melken oder Ähnliches. Erleichtert über diese Tatsache, warteten wir neugierig auf unsere Aufgaben. Da Patrick hauptsächlich Gemüse anbaute, fiel die meiste Arbeit in den Gewächshäusern an: Unkraut jäten, anpflanzen, umgraben und jeden Freitag und Mittwoch ernten, für den Markt und Lieferungen. Doch entgegen unseren Befürchtungen, dass die Gewächshausarbeit langweilig werden könnte, war diese immer abwechslungsreich. Besonders den Pflanzen beim Wachsen zuzusehen und immer frische Zutaten zum Kochen oder mal eben zum Naschen zwischendurch um sich zu haben, lernten wir sehr schnell zu schätzen.

„Vogelgezwitscher, Sonnenstrahlen auf der Haut, eine frische Brise um die Ohren, von Erde verkrustete Hände und abends todmüde ins Bett fallen“

Noch in der ersten Woche gab Patrick uns einen freien Tag, damit wir zusammen mit ihm zur größten Agrikultur-Messe Europas, die jährlich in Irland stattfindet, fahren konnten. Von den riesigen Menschenmassen, die uns auf dem Ausstellungsgelände erwarteten, waren wir alle sehr überrascht. Nach vier Stunden im Gedränge und Gewühl hatten wir die größten Zuchtbullen, Schafe und Ziegen gesehen, Hütehunde- und Pflugwettkämpfe beobachtet und uns immer wieder gefragt, warum alle Leute mit gertenartigen Stöcken durch die Gegend gelaufen waren. Ein Ausflug nach Kilkenny, bei dem wir von Iren in einem kleinen Pub für das nächste Wochenende zur Wiederholung des Finales des Hurlingpokals eingeladen wurden, rundete anschließend unsere erste Woche in Irland ab. Vogelgezwitscher, Sonnenstrahlen auf der Haut, eine frische Brise um die Ohren, von Erde verkrustete Hände und abends todmüde ins Bett fallen – so sahen unsere nächsten Tage aus, an denen wir viel lernten und sehr herzlich in der Familie aufgenommen wurden. Um 17 Uhr endete unsere Arbeitszeit und Patrick war immer erpicht darauf, dass wir auch wirklich Feierabend machten. Gerade mir fiel es dennoch schwer, dieser Bitte Folge zu leisten, da mir die Arbeit im Freien so viel Spaß machte.

„Das frühe Aufstehen scheuten wir nicht und der Marktverkauf bereitete uns große Freude“

Nach unserer ersten Woche kamen schließlich noch zwei baskische Freiwillige an und zu fünft sollten wir in den folgenden Wochen eine Menge Spaß haben. Wie wir von ehemaligen WWOOFern erfahren hatten, sollten die Marktsamstage in Cork das absolute Highlight sein, sodass wir uns schon darauf freuten. Das frühe Aufstehen scheuten wir nicht und der Marktverkauf bereitete uns große Freude – die Gespräche mit den offenen Iren in Cork, die immer wieder interessiert nach unserer Herkunft fragten, der Geruch von frischem Brot, frischem Fisch aus dem Meer, Crêpes und anderen Leckereien machten die Samstage immer wieder zu einer Möglichkeit, noch tiefer in die irische Kultur einzutauchen, und boten eine Abwechslung zum sehr ruhigen Landleben unter der Woche. Hierbei konnten wir beruhigt feststellen, dass der irische Akzent nicht so stark war, wie wir befürchtet hatten, sah man von John, dem irischen Arbeiter auf dem Hof ab. John verstanden wir alle nur zu etwa 50%, was zu teilweise sehr lustigen Missverständnissen führte. Meistens konnte man ihn einfach reden lassen, denn er erzählte sehr viel, und man bastelte sich anhand einzelner verstandener Wörter seine eigene Geschichte zusammen. Diese verglichen wir abends, sodass immer sehr abenteuerliche Storys über Johns scheinbar wildes Leben zustande kamen.

„In dieser Zeit leiteten wir den Hof beinahe gänzlich alleine“

Tag für Tag wurde uns mehr Verantwortung von Patrick übergeben und wir lernten täglich dazu. Knoblauch und Zwiebeln zu pflanzen gehörte genauso zu unseren Aufgaben, wie zwei Tonnen Äpfel zu sammeln, die 700 Meter lange Allee von Blättern zu befreien, die Hühner zu versorgen, Holz zu zerkleinern, Schafe einzufangen, alles für den Markt vorzubereiten oder Türen zu streichen oder gar zu fertigen. Dass wir für Patrick keine billigen Hilfsarbeiter waren, wurde uns insbesondere in den letzten zwei Wochen bewusst, in denen sein Vater im Sterben lag und er sich viel um seine angereisten Verwandten und den anstrengenden Papierkrieg kümmern musste. In dieser Zeit leiteten wir den Hof beinahe gänzlich alleine, wie er uns einmal selbst sagte. Auch den Markt und die wöchentlichen Lieferungen an Restaurants in Cork führten wir nun alleine durch. Und mehr als einmal sagte uns sowohl Patrick als auch seine Familie, dass wir in dieser Zeit eine große Hilfe waren.

„Sobald es in einer Stadt in Irland etwas zu feiern gibt, ist die gesamte Stadt auf den Beinen“

Während der gesamten Zeit zeigte sich das Wetter von seiner besten Seite, sodass wir fast sechs Wochen am Stück jeden Tag Sonnenschein mit nur wenigen Regenschauern hatten. Wir nutzten diese Zeit, um einige Ausflüge zu machen. Dabei lernten wir vor allem eines: Sobald es in einer Stadt in Irland etwas zu feiern gibt, ist die gesamte Stadt abends und nachts auf den Beinen, um es richtig krachen zu lassen. Zum ersten Mal erlebten wir das bereits in Kilkenny, als wir der Einladung, das Hurling-Spiel zu schauen, folgten. Zwar verpassten wir leider das Spiel an sich, aber die Party danach nicht. Zusammen mit hunderten von anderen Menschen tanzten wir vor dem Hintergrund der alten Burg und den mittelalterlichen Häuschen durch die gelbschwarz geschmückten Straßen Kilkennys. Um etwas mehr von der atemberaubenden Landschaft Irlands zu entdecken, fuhren wir an einem Wochenende den Ring of Beara entlang, besichtigten Bantry mitsamt Schloss und fühlten uns bei warmen Temperaturen und strahlendem Sonnenschein manchmal direkt ans Mittelmeer versetzt. Auch die Musik kommt in Irland nicht zu kurz, obgleich wir leider keine einzige richtige Folk-Session erleben durften. Die in den Pubs gespielte Musik entsprach eher den Songs aus den 70ern und 80ern. An einem Wochenende im Oktober gab es dann das dreitägige Cork Jazz-Festival, welches wir nach unserem Marktverkauf, mit Übernachtung in unserem weißen Van zwischen Knoblauchkisten und Lauchstangen, in vollen Zügen genossen.

Viel zu schnell ging unser Aufenthalt in Irland zu Ende. So wurden wir beide für unsere Abreise liebevoll mit kleinen Sandwiches versorgt und machten uns nach einem kurzen, aber herzlichen Abschied wieder auf den Weg zurück nach Deutschland, in das aber keiner von uns so wirklich zurückwollte. Auch wenn wir leider keine tiefen Freundschaften mit gleichaltrigen einheimischen Iren schließen konnten, einfach weil dafür die Berührungspunkte gefehlt haben, haben wir viele tolle Leute kennengelernt. Patrick, der mit Enthusiasmus seinen kleinen biologischen Hof betreibt und vor unerschöpflicher guter Laune nur so zu sprühen scheint, hat uns in dieser Zeit mit sehr viel Witz und Humor so viel gezeigt und erklärt und Johannes und ich waren beide froh, dass wir uns für diesen Hof entschieden haben. Ich kann für mich sagen, dass ich noch nie täglich so viel gelacht habe wie in diesen sieben Wochen WWOOFing in Irland. Auch heute stehen wir noch in Kontakt mit der Familie und wir werden beide gerne nochmal auf dieser Farm helfen. Und Zeitverschwendung, kann ich sagen, war diese Erfahrung überhaupt nicht.

Miriam Schuster, 19, studiert Ökologische Agrarwissenschaften an der Universität Kassel und hat für das erforderliche Vorpraktikum noch einmal Zeit auf der Farm in Irland verbracht.

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