Im Land der Leprechauns

Fremdsprachenassistentin in Irland

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  • GESCHRIEBEN VON: DEBORAH KLEIN
  • LAND: IRLAND
  • AUFENTHALTSDAUER: 8 MONATE
  • PROGRAMM: AUSLANDSPRAKTIKUM
  • ERSCHIENEN IN: (NIX FÜR) STUBENHOCKER.
    DIE ZEITUNG FÜR AUSLANDSAUFENTHALTE,
    Nr. 10 / 2020, S. 50-51

„Als Gott die Zeit machte, sagen die Iren, hat er genug davon gemacht“, schreibt Heinrich Böll in seinem 1956 erschienenen Irischen Tagebuch. Den deutschen Schriftsteller zog es bereits ab den 50er-Jahren immer wieder nach Éire, wie die grüne Insel in der ersten Amtssprache Gaeilge (Irisch-Gälisch) heißt. Besonders angetan hatte es ihm die größte Insel Irlands, Achill Island im County Mayo, an der dem Atlantik zugewandten Westküste. Fasziniert von der irischen Kultur, beschreibt er im Irischen Tagebuch in kleinen Anekdoten alltägliche Begegnungen und Besonderheiten des Landes. Eine Pflichtlektüre für jemanden wie mich, der beschlossen hatte, acht Monate in der Republik Irland zu verbringen!

Über mein Lehramtsstudium wurde ich auf das Programm des Pädagogischen Austausch Dienstes (kurz: PAD), der Dachorganisation für Fremdsprachenassistenten, aufmerksam. Nach einigem Vorlauf wurde ich zwei Sekundarschulen in den Küstenorten Rush und Skerries zugewiesen. Beide sind im County Dublin nördlich der Hauptstadt gelegen. Meine Vorfreude stieg, hatte ich doch Dublin schon mehrfach besucht und diese Stadt sehr ins Herz geschlossen! Zwei Urlaubssemester beantragt, schnell einen Flug gebucht, zwei Koffer hinzugefügt (man braucht ja viel warme Kleidung da oben im Norden!) und dank des Kontakts zu meiner Mentorin ein Zimmer zur Untermiete gefunden. Mitte September konnte es also losgehen – in ein neues Abenteuer. Das Fremdsprachenassistenz-Programm des PAD bietet schon seit einigen Jahrzehnten angehenden Lehrpersonen die Möglichkeit, Auslandserfahrungen zu sammeln und gleichzeitig ihre pädagogischen Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Neben dem klassischen Erasmus-Studium ist das (im Übrigen bezahlte) Praktikum eine Möglichkeit, noch näher in Berührung mit Alltag und der Kultur des Landes zu kommen. Und was macht man genau? Die Tätigkeiten sind von Land zu Land und von Schule zu Schule unterschiedlich. Gleich bleibt aber immer das Ziel des Programms: Als „native speaker“ die eigene Sprache den Schülerinnen und Schülern näher zu bringen und den Fremdsprachenunterricht zu unterstützen. In Irland lernen die meisten Sekundarschüler immer noch Französisch, und Deutsch hat, wer hätte es gedacht, den Ruf, sehr schwierig zu sein. Gerade hier konnte ich als Fremdsprachenassistentin helfen, den konkreten Anwendungsbezug der Sprache zu zeigen, landeskundliche Inhalte zu vermitteln und spannendes neues Unterrichtsmaterial fernab des Schulbuchs zu entwickeln.

Jedoch zurück zu Heinrich Böll, seinem in Deutschland so bekannten Irischen Tagebuch und dem Zitat vom Anfang. Das Verhältnis der Iren zur Zeit scheint er damit ganz gut eingefangen zu haben – am deutlichsten zeigte sich diese Mentalität für mich an der Bushaltestelle. Zur auf dem Busfahrplan angegebenen Zeit fuhr der Bus so gut wie nie. Man war dennoch schon früher da und wartete. Und das nicht nur zwei oder drei, sondern öfters auch mal zwanzig Minuten. Während in Deutschland empörte Fahrgäste schon bei einer Minute Verspätung ihrem Ärger Luft machen, die Unzulänglichkeiten des öffentlichen Nahverkehrs analysieren und ihre Ausführungen schließlich in einer Anklage an den gesamten Staatsapparat gipfeln lassen, steht man in Irland da – und wartet. Ändern kann ich an meiner momentanen Situation sowieso nichts, und vom minütlichen Auf-die-Uhr-Schauen kommt der Bus auch nicht schneller. Also lieber die Umstände akzeptieren, als sich an ihnen abzuarbeiten, denn das kostet sonst nur Energie und Nerven. Stattdessen: Entschleunigung. Vielleicht mal die Bäume im Gang durch die Jahreszeiten betrachten, ein gutes Buch lesen, tief durchatmen. Sein Schicksal annehmen und das Beste daraus machen. Eine Gelassenheit, die ich erst lernen musste und die ich auf jeden Fall mit nach Deutschland nehmen will!

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Vier Tage die Woche arbeitet man als Fremdsprachenassistenz in der Regel an der Schule, und dann hat man ein langes Wochenende. Und das jede Woche! Viel Zeit und Muße, um Land und Leute kennenzulernen und zu reisen. Da die Republik Irland flächenmäßig in etwa der Größe Bayerns entspricht und insgesamt weniger als 5 Mio. Einwohner hat, lässt sie sich gut an den Wochenenden bereisen. Ein Auto ist dabei von großem Vorteil, aber kein Muss. Und wenn man dann loszieht, mit dem Auto, dem Zug, dem Bus oder gar zu Fuß, wartet eine unglaublich abwechslungsreiche Landschaft auf einen! Sanfte grüne Hügel, nackte felsige Berge, tief herabstürzende Klippen. Der stürmische Atlantik mit seinen tosenden Wellen und blauen Untiefen auf der Westseite, auf der Ostseite das stille Wasser der Irischen See mit langen Sandstränden, die zum Spazieren einladen. Dazwischen grüne Weite, unzählige Schafe, majestätische Schlösser und die stillen Wasser des Shannon Rivers. Durch die Idylle der winzigen irischen Bauernhöfe und kleinen Ortschaften, die hier Städte sind, schlängeln sich die großen Autobahnen wie Adern von Ost nach West und von Nord nach Süd. Sie bringen Leben in die Abgeschiedenheit, sie verbinden die kleinen Orte mit den Zentren der Republik – Dublin, Galway, Cork.

„Mein Ziel für das knappe Jahr meines Aufenthaltes in Irland: den ganzen Wild Atlantic Way in Etappen abfahren.“

Der Wild Atlantic Way ist 2.500 Kilometer lang und schlängelt sich von Kinsale im Süden der Insel immer an der Atlantikküste entlang über die Counties Kerry, Clare, Galway, Mayo, Sligo und Donegal bis zum nördlichsten Punkt Irlands – Malin Head. Er ist durchweg ausgeschildert und am besten mit dem Auto zu erkunden. Mein Ziel für das knappe Jahr meines Aufenthalts in Irland: den ganzen Wild Atlantic Way in Etappen abfahren. Das Resultat: Bis auf ein paar kleine Abschnitte alles geschafft! Ich bin an weißen Sandstränden entlanggeschlendert, habe von steilen Klippen auf die tosende See geblickt, habe der traditionellen Musik in den urigen Pubs gelauscht und war immer wieder überwältigt von der schroffen Schönheit der irischen Natur. Da man einen Roman über alle diese Orte schreiben könnte, hier nur ein kleiner Überblick über meine persönlichen Highlights.

„In der an vielen Stellen noch unberührten Natur ging mir wirklich das Herz auf!“

Die Beara Peninsula ist eine Halbinsel im Süden Irlands und gehört mit ihren schmalen, gewundenen Straßen und atemberaubenden Ausblicken auf das Meer zu den (noch) unentdeckten Kleinoden entlang des Wild Atlantic Way. Während sich auf der benachbarten Halbinsel Iveragh entlang des Ring of Kerry die Busse voller Touristen, die Wohnwagen und die Mietautos den Platz auf der viel zu engen Straße streitig machen, ist man in der mindestens genauso bezaubernden Nachbarregion doch eher für sich. Ganz an der Spitze des Ring of Beara findet man außerdem Irlands einzige Seilbahn! Sie verbindet das Festland mit der Dursey Island und kann sechs Menschen gleichzeitig oder eine Kuh über das Meer transportieren. Wer wie ich nach traditioneller Musik, sogenannter „Trad Music“, sucht und nicht genug von den irischen Pubs bekommen kann, der fahre ins County Clare! Nicht nur die Cliffs of Moher sind ein Hingucker in der Region – viele Strände laden zum Surfen ein und im Landesinneren bietet das Naturschutzgebiet The Burren abwechslungsreiche Wanderwege. In den Worten von Seamus Heaney (1939–2013): „And some time make the time to drive out west / Into County Clare, along the Flaggy Shore / (…) / You are neither here nor there / A hurry through which known and strange things pass / As big soft buffetings come at the car sideways / And catch the heart off guard and blow it open.” In der an vielen Stellen noch unberührten Natur ging mir wirklich das Herz auf!

Und wer die große Liebe noch nicht gefunden hat, kann dem alljährlichen Matchmaker Festival in Lisdoonvarna einen Besuch abstatten. Irlands letzter Heiratsvermittler, Willie Daly, ist stolzer „Matchmaker“ in dritter Generation. Schon sein Großvater hat Heiratswillige auf Rinder- und Pferdeauktionen zusammengebracht – damals war es auf dem Land für die Bauern schwer, die passende Frau zu finden. Leider findet es dieses Jahr erst Ende August statt, sonst hätte ich doch gerne mal aus reiner Neugier vorbeigeschaut! Achill Island ist Irlands größte Insel und durch eine Brücke mit dem Festland verbunden. Hier verbrachte Heinrich Böll einige Jahre lang mit seiner Familie den Sommer. Sein Ferienhaus steht immer noch und beherbergt heute Schriftsteller für Schreiburlaube – ein großes Schild am Zaun angebracht weist die neugierigen Touristen auf Deutsch darauf hin, dass dies kein öffentliches Haus und klingeln nicht erwünscht sei. Was man dennoch betrachten kann, sind die Orte, von denen Böll schreibt und schwärmt. Achill Island ist auch fünfzig Jahre später noch eine magische Insel: lange Sandstrände, steile Klippen, kleine Dörfer – und immer wieder der unvermeidliche Regen, wie man ihn vor allem an der Westküste, aber auch im Rest Irlands kennt. Sich über den Regen beschweren ist aber nicht angebracht; es ist genau dieser Regen, der die ganze Insel mit dem wunderschönen saftigen Grün überzieht, für das sie so bekannt ist. Die höchsten Seeklippen Irlands befinden sich im County Donegal. Sie sind zwar nicht so steil wie die Cliffs of Moher, aber ich finde sie noch beeindruckender! Die wunderbare Verbindung von grünen, roten, gelben und grauen Farbtönen eignet sich besonders für schöne Erinnerungsbilder. Die Weite der See zu Füßen und die schroffen Felsen über sich, fühlt man sich als Mensch plötzlich ganz klein in der überwältigenden Natur. Da kann man sich gut vorstellen, wie all die Sagen, Legenden und Mythen Irlands entstanden sind – Geschichten von Feen, Elfen und Kobolden, die diese atemberaubende Landschaft bevölkern und von denen man in den irischen Märchen hören kann.

„Und was hat es eigentlich mit den Leprechauns auf sich?!“

Die Leprechauns sind Kobolde aus der irischen Mythologie und haben normalerweise grüne Kleidung, rote Haare und einen roten Bart. Sie wachen über den berühmten Topf mit Gold am Ende des Regenbogens – wer auf seiner Reise durch Irland mehr über die Fabelwesen erfahren möchte: in Dublin gibt es sogar ein ganzes Museum über die Leprechauns. Also geht selber auf Entdeckungsreise durch Irland! Es lohnt sich! Die „Emerald Isle“, so der poetische Name Irlands, hat wirklich viel zu bieten. Ich nehme unglaublich viele schöne Erinnerungen von meinem Aufenthalt dort mit, von denen ich noch lange zehren werde. Irland hat auch mich in seinen Bann gezogen – es dauert sicher nicht lange, und ich komme wieder zurück.

Deborah Klein, 26, studiert momentan weiterhin Lehramt (in Bayern auf Staatsexamen). Danach möchte sie gerne noch einmal ins Ausland und könnte sich auch gut vorstellen, später als Lehrerin in einem anderen Land zu unterrichten.

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