Murphy’s Law

Ein irrer Tag bei den Iren

weltweiser · Auslandspraktikum · Cork · Irland

Geschrieben von: Nadine Glock

Land: Irland

Aufenthaltsdauer: 3 Monate

Programm: Auslandspraktikum

Erschienen in: (Nix für) Stubenhocker.

Die Zeitung für Auslandsaufenthalte,
Nr. 2 / 2012, S. 50-51

Verschlafen! Zum ersten Mal seit fünf Wochen habe ich meinen Wecker nicht gehört. 8:30 Uhr, eine halbe Stunde verpennt! Erst mal Juliette anrufen: Sie soll nicht draußen in der Kälte vergebens auf mich warten. „No problem, Nadine, me just got up, too!“, säuselt mir eine verschlafene Stimme mit herrlich „franzenglischem“ Akzent entgegen.

Französische Pünktlichkeit – ich liebe sie. Raus aus dem warmen Bett, rein in die Kälte meines Dachzimmers. Es gibt keine Heizung. Die Nächte sind im Süden Irlands, obwohl es erst Ende August ist, schon bitterkalt. Das Dauerprasseln des Regens vor meinem schlecht isolierten Fenster höre ich schon gar nicht mehr. Am Anfang hat es mich genervt, mittlerweile wirkt es fast beruhigend – es regnet, das heißt: Alles ist in Ordnung. Hektisch ziehe ich mich an und stolpere die mit altem Teppich bezogenen Treppen hinunter zur Küche. Zwei Weißbrotscheiben in den Toaster geschoben, etwas Milch in eine hoffentlich gespülte Tasse gefüllt, die in einem Berg aus Geschirr auf dem Tisch neben dem Waschbecken steht, und ab ins Wohnzimmer. Für zehn Minuten „Animal Planet“ schauen, wie jeden Morgen – beruhigende Routine. Der Bildschirm bleibt schwarz. Egal, wie oft und auf welche Knöpfe ich drücke, es geschieht nichts. Das ärgert mich! Nach fünf Minuten gebe ich auf, pfeffere die Fernbedienung auf das Sofa, beiße genervt in meinen Marmeladentoast und spüle den Frust mit einem beherzten Schluck Milch runter, die einen seltsamen Kaffeegeschmack angenommen hat. „Memo an mich selbst: Julien zusammenstauchen, weil er wieder nicht abgewaschen hat.“ Ich schnappe mir meine Gummistiefel und klemme mir den Knirps unter den Arm.

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Als ich aus der Tür trete, ist meine Jeans binnen weniger Sekunden klatschnass. Leise schließe ich hinter mir ab. Julien muss erst um 11 Uhr im Restaurant sein, kann ausschlafen. Auch wenn ich ihn für den Moment beneide, weiß ich genau, dass ich niemals mit ihm tauschen würde. Ich liebe meinen Job. Also: Knirps auf und ab dafür. Ich laufe die von bunten Häusern gezierte Barrack Street entlang. Mein Knirps wird vom stürmischen Wind heftig malträtiert. Ich gehe, so schnell ich kann, renne beinahe. An der ersten Brücke über den River Lee wartet Juliette. Sie ist tratschnass, hat keinen Schirm. Wir quetschen uns unter meinen zerfledderten Knirps und kämpfen uns durch Corks Innenstadt und schließlich „up Shandon“. Rauf, rauf, rauf – dieser Hügel scheint heute kein Ende zu nehmen. Wir biegen in eine Seitenstraße ein, eine Abkürzung. Schließlich erscheint vor uns der alte, lieb gewonnene Rundbau des Firkin Crane Theatre. Die roten Flügeltüren sind geschlossen. Sonst stehen sie immer offen und laden Passanten ein, einen kurzen Blick in die fantastische Welt dieses Theaters zu werfen. Als wir eintreten, begrüßt uns eine rauchige Stimme: „Good morning, Gurls!“ Ann blickt nicht von ihrem Schreibtisch auf. Sie sagt auch kein Wort dazu, dass wir zu spät sind. „Good Morning, Ann!“, rufen wir im Chor. Sofort ist John, der rundliche, alte Hausmeister, zur Stelle. Seine Wangen leuchten rot und sein Lächeln ist ansteckend: „Gosh, it’s rainin‘ cats and dogs! You must be soaked! Go get yourself a nice, hot cup’o Tea, gurls.“ Gesagt, getan. Wie jeden Morgen machen wir uns eine Tasse schwarzen Tee.

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Lange Zeit zum Plaudern bleibt uns aber nicht. Als Ann unerwartet zur Schule ihrer jüngsten Tochter fahren muss und Paul sich krank meldet, bricht das Chaos aus, das heißt, noch mehr Chaos, als ohnehin schon in der Verwaltung herrscht. „Admin‘ is yours!“, grinst Ann, schaltet ihren PC aus und huscht durch die großen, roten Flügeltüren. Juliette und ich ahnen, dass dies ein anstrengender Tag werden wird. Es dauert keine halbe Stunde, da tauchen die ersten Tänzer auf, die einen Saal zum Proben zugewiesen haben wollen. Juliette schaut auf die Excel-Tabelle mit dem Stundenplan. Er ist von Freitag! Kein Update. Improvisieren ist angesagt. Eine Gruppe Kinder erscheint. Ihre Tanzlehrerin ist noch nicht da. John versucht sie zu unterhalten und erzählt ihnen von der ehrwürdigen Tradition des Firkin Crane. Die Kinder interessiert es wenig. Sie hopsen überall durch den Eingangsbereich. Das Telefon klingelt. Juliette ruft nach mir – sie versteht den Iren am Telefon nicht, sagt sie. Es ist ein Schotte, der Karten für die Tanzvorführung am Mittwochabend haben möchte. Ich verbinde ihn mit Marie, die den Ticketverkauf koordiniert.

„Ich habe keine Ahnung!“

Es klopft am Fenster der Rezeption. Einige gertenschlanke Mädels in Ballettkleidung fragen mich, wo das Vortanzen stattfindet. Ich habe keine Ahnung! Hilfe suchend schaue ich zu John. Der alte Hausmeister ist aber viel zu sehr mit den tobenden Kindern beschäftigt, als dass er meine flehende Miene bemerken könnte. „One second, please“, sage ich also und rolle Juliette auf ihrem Bürostuhl ein Stück zur Seite. Ich muss den Saalplan einsehen. Aha: „10.30 a.m., Chandelier Room, Audition“. Ich schicke die Tänzer nach oben. Die Kinder wurden inzwischen von ihrer Lehrerin abgeholt. John lässt sich in den Stuhl an der Rezeption sinken und schlägt die Tageszeitung auf, grinst: „Look what the weather forecast says: Should be raining tomorrow. Unbelievable!“ Es kommen unzählige Anrufe rein. Dauerbetrieb auf den Fluren. Laute Diskussionen. Streit um die Proberäume. Juliette ist deprimiert, weil es in unserer Vorratskammer, wo die Süßigkeiten lagern, die während der Shows verkauft werden, ihre Lieblingsschokoriegel nicht mehr gibt – eine Katastrophe! Als wir um 15 Uhr Schluss machen, regnet es natürlich immer noch. Es wäre ja auch zu schön gewesen, einmal in trockenen Klamotten nach Hause zu kommen. An der Brücke verabschiede ich mich von Juliette. Küsschen links, Küsschen rechts. Juliette sagt, sie ist total müde, und auch ich bin damit einverstanden, mal einen Abend der Woche nicht in einem Irischen Pub oder einer Disco zu verbringen. Zu Hause angekommen, fällt mir das Problem mit dem Fernseher wieder ein. Ich versuche ihn einzuschalten, doch der Bildschirm bleibt schwarz. Ich rufe bei meinem „accommodation service“ an. Antoine sagt, er schickt jemanden raus. Ja, klar, die Frage ist nur: noch in dieser Woche?!

„Ich glaube ihm zwar kein Wort, aber böse sein kann ich ihm auch nicht“

Julien kommt heim. Er summt grinsend vor sich hin. „How was your day?“, fragt er. Ich erzähle ihm von dem Chaos auf der Arbeit, dem kaputten TV und davon, dass irgendjemand wieder nicht abgewaschen hat, obwohl er an der Reihe war. Juliens Grinsen wird immer breiter, als er mir zum gefühlt hundertsten Mal verspricht, auf jeden Fall am Abend den Abwasch zu machen. Ich glaube ihm zwar kein Wort, aber böse sein kann ich ihm auch nicht. Während er uns als Friedensangebot eine Pizza „Julien Special“ macht – das heißt, alles Essbare, was sich noch im Kühlschrank befindet, wird auf eine Fertigpizza geschmissen und mit Käse überbacken –, kommt der TV-Mann. Ich zeige ihm das Problem. Julien löst unterdessen den Feueralarm aus. Er ruft nach mir. Ich renne in die Küche, zusammen versuchen wir, mit Handtüchern wild herumwedelnd, den Rauch zu verteilen. Das schrille Piepen des Alarms hört endlich auf. Komisch, Julien hat mit seinen Kochkünsten schon dutzende Male, seit wir zusammen in diesem Haus wohnen, den Feueralarm ausgelöst, die Feuerwehr haben wir aber nie gesehen. Ich gehe zurück ins Wohnzimmer, wo der TV-Mann gerade seine Sachen zusammenpackt: „Everything’s fine now“, bescheinigt er mir. Ich bedanke mich. Julien beginnt Frikadellen zu braten. Die wird er, wie ich ihn kenne, auch noch auf die Pizza packen. Es stinkt im ganzen Haus und der Alarm geht wieder los. Ich seufze und schnappe mir ein Handtuch. Als ich den Fernseher später anschalte, sind alle Kanäle wild durcheinandergewürfelt. Ich brauche ewig, bis ich ungefähr weiß, wo meine Lieblingskanäle abgeblieben sind. Julien kommt rein, einen großen Teller mit einer noch größeren Pizza in der Hand. Er reicht mir ein Stück, dann beginnt er zu futtern. Wie ein ausgehungerter Wolf schlingt er die Pizza runter. Als er meinen leicht ungläubigen Blick bemerkt, grinst er, den Mund so voll, dass er aussieht wie ein Goldhamster. „My mom says, I eat like a pig. What you think?“. Ich grinse nur und wünsche ihm „bon appetit“.

Auslandspraktikum: Was ist das?

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Ich muss duschen, diesen Frikadellengeruch aus meinen Haaren kriegen. Als ich das Wasser aufdrehe, kommt eine modrig riechende, braune Brühe heraus. Ich fluche lauthals. Ein Gefühl von spontanem Heimweh überkommt mich. Julien ruft nach mir: „You okay?!“ Ich wickele mir ein Handtuch um, hole Julien und zeige ihm das Problem. Er ist noch angewiderter als ich von der bräunlichen Modersuppe. „This is not a good day!“, sagt er und erzählt mir schließlich, dass er auf der Arbeit Probleme mit seinen Kollegen hatte, die ihn ständig für alles, was schief geht, verantwortlich machen würden. Sonst redet er nicht viel über seine Arbeit, aber nun schüttet er mir sein Herz aus. Da sitzen wir also: Er mit Tomatensauce verschmiertem Gesicht und ich, in ein Handtuch gewickelt und nach Frikadellen duftend, gebeutelt von diesem irren Tag. „You know what? We go to the cinema!“, schlägt Julien plötzlich vor, so als könne diese Idee all unsere Probleme lösen. In jenem Moment scheint es mir absolut logisch – vielleicht hat sich alles normalisiert, wenn wir zurückkommen. Also machen wir uns fertig, lassen alles stehen und liegen und gehen ins Kino. Natürlich kommen wir zu spät und verpassen die ersten 15 Minuten des Films, doch das ist uns egal. Wir wollen nur den Kopf frei kriegen, einfach abschalten.

„Die Clique denkt jedoch nicht daran, ohne mich zu feiern“

Als wir abends zurückkommen, ist tatsächlich wieder alles im Lot. Das Wasser ist klar und auch unsere Gemüter haben sich wieder aufgehellt. Nachdem ich geduscht habe, ruft Juliette an: „Nadine, me and de others go to de Qube. Wanna come with us?“ Soviel zu „ich bin ja so müde und brauche einen Tag Pause“. Natürlich sage ich zu. Eigentlich habe ich keine Lust auf das Qube, weil wir da die ganzen letzten Nächte waren. Als die Gruppe also beschließt, doch lieber ins Crane Lane zu ziehen, glaube ich, dass mein Glück zurückgekehrt ist. Am Crane Lane angekommen, verlangt der Türsteher unsere Ausweise – wie jeden Abend. Erschrocken stelle ich fest, dass ich meinen vergessen habe. Ich entschuldige mich bei den anderen und sage, sie können ruhig ohne mich reingehen. Die Clique denkt jedoch nicht daran, ohne mich zu feiern, und beschließt einstimmig, zurück Richtung Qube zu laufen. Den Türsteher dort kennen wir, der wird nicht nach meinem Ausweis fragen. Also doch wieder Qube! Aber das ist mir in dem Moment ganz egal, ich bin nur froh, mit diesen tollen Menschen zusammen zu sein.

Nadine Glock, 27, hat während ihres Anglistik-Studiums an der Universität Siegen ein Praktikum in Cork absolviert und ist für einen Sprachreiseveranstalter in Köln tätig. Zudem hat sie für ein paar Monate in einer Sprachschule in Dublin gearbeitet.

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