Viva México! Ein Austauschjahr in Lateinamerika

Leben in der Großfamilie

weltweiser · Schülerin beim Salsa

Geschrieben von: Julia Hazelaar

Land: Mexiko

Aufenthaltsdauer: 12 Monate

Programm: Schüleraustausch

Erschienen in: (Nix für) Stubenhocker.

Die Zeitung für Auslandsaufenthalte,
Nr. 4 / 2014, S. 28-29

„Mexiko, was willst du denn dort? Das ist doch viel zu gefährlich!“ Das sagten mir viele, als ich ihnen mitteilte, dass ich für ein Jahr nach Mexiko gehen würde. Ich selbst machte mir weniger Gedanken über die Sicherheit, vielmehr malte ich mir stundenlang aus, wie denn meine Gastfamilie sein würde.

Als ich endlich die Informationen zu meiner Familie und dem Wohnort erhielt, hüpfte ich erst einmal wie eine Verrückte durch unser ganzes Haus. Ixtepec, Oaxaca stand in dem Brief. Wo ist das denn? Die nächsten Tage verbrachte ich vor dem Computer, um möglichst viel über mein zukünftiges Zuhause zu erfahren. Ixtepec ist eine Kleinstadt mit circa 24.000 Einwohnern im Süden des Landes. Sie liegt in Oaxaca, einem der ärmsten und zugleich kulturreichsten Bundesstaaten Mexikos. Drei Monate vor meinem Abflug fand mein lang ersehntes Vorbereitungsseminar statt. Endlich konnte ich die anderen zukünftigen Austauschschüler kennenlernen, die Teamleiter nach ihren Erfahrungen ausquetschen, die ersten Salsa-Schritte lernen und einige Kontakte knüpfen. Am Ende des Seminars war der „Latino-Spirit“ zu spüren und ich zählte eifrig die Tage bis zu meinem Abflug. Nebenher schrieb ich eine Packliste, organisierte meine Abschiedsfeier und lieh mir viele Bücher über Mexiko aus.

Schülerin auf mexikanischer Fiesta
Schülerin mit Freundin auf Tanzparty
Schülerin auf dem Ponyhof

Je näher der Tag meiner Ausreise rückte, desto gespannter wurde ich. Gleichzeitig war ich auch etwas ängstlich: „Wie würde es werden? Was würde ich ein Jahr ohne meine Familie und meine Freunde machen?“ Bei meiner Abschiedsfeier glitzerten ein paar Tränen in meinen Augen. Zum Flughafen nahm ich nur meine Familie mit. Die letzten Minuten wollte ich allein mit ihnen verbringen. Die anderen Austauschschüler, mit denen ich flog, hatten schon eingecheckt, und so blieb mir gar keine Zeit, sentimental zu werden: nur kurz meine Eltern und meinen Bruder umarmen und dann ab durch die Kontrolle. In Mexiko-Stadt wurden wir von den Mitarbeitern der Partneragentur meiner deutschen Austauschorganisation in Empfang genommen. Zusammen fuhren wir in die nahe gelegene Stadt Cuautla, wo unser Einführungsseminar stattfand. Zunächst durften wir in kleinen Grüppchen die Stadt erkunden. Ich fühlte mich wie in einer anderen Welt. Die Häuser waren alle bunt angemalt, Musik tönte aus jeder Ecke, und der Verkehr erschien mir viel lauter als in Deutschland. Die Luftballonverkäufer, Schuhputzer und vor allem die unzähligen Essensstände erzeugten eine ganz besondere Atmosphäre, und ich konnte mich nur mit Mühe davon abhalten, gleich jedes neue Gericht zu probieren. Als „güeros“, als Weiße, wurden wir neugierig beäugt, vor allem bei unserem ersten Einkauf. Dabei mussten wir uns mehr mit Händen und Füßen verständlich machen als mit unserem Spanisch-Kauderwelsch. Nach drei wunderbaren Tagen im Einführungsseminar ging es weiter zu meinem neuen Zuhause. Gemeinsam mit anderen Austauschschülern nahm ich einen typisch mexikanischen Nachtbus und nach zwölf Stunden Fahrt kamen wir im grünen Ixtepec an. Am Busbahnhof empfingen uns begeisterte Familien mit Plakaten, Luftballons und Blumen.

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Ich stellte bereits kurz nach meiner Ankunft in der Gastfamilie fest, dass doch nicht alles so einfach werden sollte, wie es auf dem Vorbereitungsseminar schien: Allein die Kommunikation mit der Familie war durch meine begrenzten Spanischkenntnisse eine Herausforderung. Es hatte aber auch seine lustigen Seiten. Beispielsweise begriff ich nicht, was mir meine Gastfamilie zu den auf dem Tisch stehenden Chilis erzählte. Ich verstand nur das Wort „chile“, also dachte ich, ich sollte sie essen – was ich auch tat. Die nächsten fünf Minuten tränten meine Augen heftig und ich lief wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Küche. Als ein paar Tage später die Schule begann, musste ich mir eine Schuluniform zulegen. Das war schon immer ein Traum von mir gewesen: nie wieder am Morgen über die Kleidung nachdenken, einfach in den Schrank greifen, Schuluniform anziehen, fertig. An andere mexikanische Gewohnheiten musste ich mich etwas länger gewöhnen, zum Beispiel an das entspannte Lebens- und Zeitgefühl. Wenn meine Freunde ein Treffen auf 17 Uhr ansetzten, meinten sie eigentlich 18 oder 19 Uhr. Der erste Monat war geprägt von neuen Bekanntschaften und so vielen Eindrücken, dass ich sie gar nicht richtig verarbeiten konnte. Ich schrieb täglich Tagebuch, um möglichst viel davon festzuhalten. Der Kontakt nach Deutschland gestaltete sich schwierig, weil der Computer meiner Gastfamilie nur sporadisch funktionierte. Ich glaube aber, dass mir das dabei half, mich intensiver mit meiner Umgebung auseinanderzusetzen.

„Ich wurde „poco a poco“, Stück für Stück, Teil der riesigen Großfamilie“

Nach einigen Wochen merkte ich, dass meine Gastfamilie und ich aus verschiedenen Gründen nicht zusammenpassten. Also informierte ich die Austauschorganisation und nach mehreren langen Gesprächen entschieden wir, dass ein Gastfamilienwechsel das Beste sei. Das hieß, wieder bei null anzufangen. Die zweite Gastfamilie war jedoch ganz anders als meine erste. Wir passten sehr viel besser zueinander, und bei ihnen merkte ich erst richtig, dass ein Austauschjahr bedeutet, ein Teil der Familie zu werden. Zum Beispiel nenne ich meine Gasteltern bis heute „mamá“ und „papá“. Als Familienmitglied gehörten verschiedene Hausarbeiten zu meinen Aufgaben. Eine große Herausforderung war es, meine Wäsche mit der Hand zu waschen, da die Waschmaschine nicht funktionierte. Zusätzlich half ich meiner Gastmutter in unserem Internetcafé aus. Ich wurde „poco a poco“, Stück für Stück, Teil der riesigen Großfamilie. Bis heute ist mir das Geburtstagsfest meines mexikanischen Großvaters besonders in Erinnerung geblieben. Die Familie kam aus allen Teilen Mexikos nach Ixtepec. Dafür wurde extra ein Rind geschlachtet und drei Tage lang wurde die „palapa“, ein Strohdach, errichtet, um bei der Feier genügend Schatten zu spenden.

„Meine Klassenkameraden hatten immerzu gute Laune und häufig einen Witz auf den Lippen“

Da das Essen in Mexiko so vorzüglich war, dass ich schnell etwas mehr Fett auf die Rippen bekam, fehlte mir noch ein passender Sport. Ich meldete mich im Karateteam der Stadt an und verbrachte fortan mittwochs bis freitags die Abende in der Trainingshalle. Das war bei einer Durchschnittstemperatur von 27°C leichter gesagt als getan. Mit der Zeit lernte ich viele nette Menschen kennen, sowohl beim Sport als auch in der Schule. Letztere empfand ich zwar aufgrund des Frontalunterrichts als langweilig, ich war jedoch froh, meine Freunde dort zu treffen, da viele von ihnen nachmittags arbeiten mussten und deshalb nach dem Unterricht keine Zeit hatten. Meine Klassenkameraden hatten immerzu gute Laune und häufig einen Witz auf den Lippen. Mexikaner sind nämlich überaus freundlich und in der Schule wurde ich ständig gegrüßt. Bei einer Schule mit 300 Schülern ist das auch nicht verwunderlich – man kennt sich. Nach einem guten halben Jahr hatte ich eine enge Freundesgruppe gefunden, mit der ich eine Menge unternahm, zum Beispiel eine gemeinsame Fahrt ans Meer. Anders als in Deutschland musste ich meine Gastmutter jedoch jedes Mal, wenn ich ausgehen wollte, ausdrücklich fragen und ihr all meine Freunde vorstellen. Nach einiger Zeit verstand ich, dass dies ihre Art war, Zuneigung auszudrücken. Indem sie sich um mich sorgte, zeigte sie mir, dass sie mich als Tochter angenommen und lieb gewonnen hatte.

„Wir luden 80 Leute und einen Fotografen ein, ich suchte die Musik aus und studierte zwei Tänze ein“

Etwas ganz Besonderes waren die traditionellen Feste, zum Beispiel das Dorffest im September. Für die sogenannten „velas“ wurde eine Straße abgesperrt, Stühle und Tische sowie eine Bühne für die Musikband aufgebaut, und alle zogen die regionale Tracht an. Die Feierlichkeiten begannen gegen Mitternacht mit der Krönung der „Königin des Festes“ und dauerten bis zum frühen Morgen. Das absolute Highlight meines ganzen Jahres war jedoch mein Geburtstag. Meine Gastfamilie wollte mir einen „quinceaños“ bieten, eine typisch lateinamerikanische, große Feier zum 15. Geburtstag. Dabei störte es keinen, dass ich eigentlich 16 Jahre alt wurde. Ich hatte immer von den dafür üblichen Ballkleidern geschwärmt und diese Tatsache nahm meine Gastmutter zum Anlass, mich selbst in ein solches zu stecken: rosa, fluffig und wunderschön. Wir luden also 80 Leute und einen Fotografen ein, ich suchte die Musik aus und studierte zwei Tänze ein. Es wurde ein unvergesslicher Abend!

Der letzte Monat meines Aufenthalts war der schönste und zugleich der traurigste. Ich hatte so viele Menschen kennengelernt und wusste gar nicht, wie ich mich von ihnen verabschieden sollte. Ich schrieb sogar eine Liste, um ja keinen zu vergessen. Vor allem meine Gastfamilie war mir sehr ans Herz gewachsen und ich war ihnen so dankbar für alles. Der Abschied war schmerzhaft. Bei der Abreise aus Deutschland hatte ich gewusst, dass ich nach einem Jahr wiederkommen würde. Aber wann würde ich nach Mexiko zurückkehren können? Unsere Betreuerin machte mir Mut: „No es un adiós sino un hasta luego.“ „Es ist kein endgültiger Abschied, sondern ein auf Wiedersehen.“ Und genauso verhielt sich auch meine Gastfamilie. Als ich meinem Gastvater den Hausschlüssel zurückgeben wollte, sagte er: „Behalte ihn, damit du zurückkommen kannst, wann immer du möchtest. Du bist ein Teil unserer Familie.“ Diese Worte bedeuteten mir mehr als alles andere! In dem Auslandsjahr habe ich viel über eine neue Kultur, eine andere Lebens- und Denkweise, aber auch sehr viel über mich selbst gelernt. Häufig musste ich mich überwinden, Neues auszuprobieren, und änderte in einigen Dingen meine Einstellungen und Meinung. Ursprünglich wollte ich nach Mexiko gehen, um Spanisch zu lernen – am Ende fand ich eine zweite Familie und entdeckte meine Leidenschaft für dieses Land.

Julia Hazelaar, 18, ist inzwischen mit der Schule fertig und absolviert derzeit einen Freiwilligendienst in Kolumbien. Im Anschluss plant sie, Psychologie zu studieren.

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