Samstag, 27. Mai 2017
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Begegnungen mit Jung und Alt

Zweites Zuhause in Warschau

 

von Katharina Fißmer, erschienen in: (Nix für) Stubenhocker. Die Zeitung für Auslandsaufenthalte,
Nr. 4 / 2014, S. 49-50

 

Freiwilligendienst Polen

 

Als ich in Warschau ankam, um meinen einjährigen Freiwilligendienst in der jüdischen Gemeinde zu leisten, war zunächst alles fremd: die Sprache, die Menschen, meine ganze Lebenssituation. Nie zuvor hatte ich allein gelebt, nun befand ich mich auf einmal in einem anderen Land als der Rest meiner Familie. Nach dem Abitur wollte ich gerne ein Jahr als Unterbrechung zwischen Schule und Studium im Ausland verbringen, um neue Erfahrungen sammeln zu können. Dabei war es mir wichtig, nicht einfach irgendwo zu jobben, sondern einen sozialen Aspekt in meine Arbeit einzubringen. Daher entschied ich mich gegen eine Tätigkeit als Au-Pair oder ein Work & Travel-Programm, stattdessen sollte es ein Freiwilligendienst sein. Im Internet fand ich eine Entsendeorganisation, die mit Partnerprojekten in dreizehn Ländern in Europa, Israel und den USA zusammenarbeitet. Alle haben auf verschiedene Art mit Versöhnung und internationaler Verständigung in Verbindung mit dem Holocaust zu tun. Dazu gehört beispielsweise politische Bildung oder geschichtliche Aufklärung, aber auch verschiedene Aspekte sozialer Arbeit, unter anderem mit Asylsuchenden, sozial Benachteiligten wie Roma und Sinti und älteren Menschen. Diese Kombination von alltäglichen Tätigkeiten mit zugleich geschichtlichem Hintergrund und aktuellem Bezug sagte mir sofort zu. Da ich noch nie östlich von Deutschland gewesen war, eine neue Sprache lernen und eine andere Kultur erleben wollte, bewarb ich mich für Polen, die Ukraine und Tschechien. Nach der Bewerbungsprozedur wurde ich für einen Freiwilligendienst in Warschau angenommen.

 

"Ich hatte nicht nur intensiven Kontakt mit einer fremden Kultur, sondern gleich mit drei verschiedenen."

 

Zu Beginn hätte ich nie gedacht, dass mir der Abschied am Ende so schwer fallen würde. Doch meine Zeit in Polen war eine sehr besondere und während der zwölf Monate wurde die polnische Hauptstadt zu meinem zweiten Zuhause: Ich fühlte mich dort sehr wohl, fand gute Freunde, hatte eine schöne Arbeit, eine nette Mitbewohnerin und vieles mehr. Ich hatte nicht nur intensiven Kontakt mit einer fremden Kultur, sondern gleich mit drei verschiedenen: In meinem Alltag in Warschau erlebte ich die polnische Lebensweise aus nächster Nähe. Durch meine Arbeit mit verschiedenen Altersgruppen in der jüdischen Gemeinde erhielt ich außerdem immer wieder neue Eindrücke vom Judentum und dem komplexen Zusammenspiel von Staatsangehörigkeit und Religion in Polen. Und schließlich lernte ich auch die ukrainische Kultur durch meine Mitbewohnerin Galyna kennen, die ebenfalls als Freiwillige in Warschau tätig war. Wir verstanden uns gut und unternahmen gemeinsam etwas, wann immer wir die Zeit dafür fanden.

 

Nicht nur in den Gesprächen über den Alltag in unseren Heimatländern erfuhr ich viel Neues über die Ukraine, sondern auch schlichtweg durch unser Zusammenleben. Von Zeit zu Zeit ergaben sich Situationen, in denen die kulturellen Unterschiede deutlich wurden, zum Beispiel im Hinblick auf Geschlechterrollen: Sowohl in Polen als auch in der Ukraine sind diese ein wenig traditioneller, als ich es von zu Hause gewohnt bin. Beispielsweise wird ein Mann als richtiger Gentleman geschätzt, wenn er einer Frau das Fahrrad die Treppe hochträgt, Türen aufhält, Taschen trägt und ihr aus dem Bus hilft. Dieser Unterschied wurde bei einer lustigen Begebenheit deutlich, als die Türscharniere unseres Küchenschranks locker saßen. Unsere Reaktionen auf diese Entdeckung hätten nicht unterschiedlicher sein können: Während Galyna auf ihren Freund verwies, der den Schrank am Wochenende reparieren sollte, schlug ich dagegen vor, die Scharniere erst einmal selbst zu begutachten. Beide waren wir ziemlich verwundert über den Lösungsvorschlag der anderen und ich bin sicher, dass auch Galyna innerlich über meine Reaktion schmunzeln musste.

 

Aber nicht nur meine Freizeit war durch unterschiedlichste Erfahrungen geprägt, auch meine Arbeit gestaltete sich sehr vielfältig. So hatte ich während des letzten Jahres zwei Hauptaufgaben: Zehn Monate lang arbeitete ich im jüdischen Kindergarten in der Gruppe der Dreijährigen mit. Außerdem brachte ich täglich das Mittagessen aus der koscheren Kantine der Gemeinde zu alten oder kranken Menschen, die nicht mehr selbst dorthin gehen konnten. Beide Tätigkeiten erlebte ich auf unterschiedliche Weise als sehr erfüllend, gerade die Mischung der verschiedenen Arbeitsbereiche und Anforderungen beeinflusste meine Zeit dort sehr positiv. Immerhin hatte ich auf diese Weise gleichzeitig Kontakt mit Personen im Alter von zwei bis 101 Jahren! Meine Aufgaben brachten viele schöne Begegnungen mit sich und ich erlebte, dass nicht nur ich selbst viel dazulernte, sondern dass ich anderen auch eine Menge geben konnte. Meine Treffen mit Serafina, einer 93 Jahre alten Dame, waren eine ganz besondere Erfahrung. Sie stammte ursprünglich aus dem heutigen Usbekistan und war im Jahre 1947 nach Polen gekommen. Während des Krieges hatte sie viele persönliche Verluste erlitten und war deswegen schon mit 16 Jahren auf sich allein gestellt. Als ich sie kennenlernte, lebte sie in einfachsten Verhältnissen in einer kleinen Wohnung, die sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr verlassen konnte.

 

Trotz alledem war und blieb Serafina solch eine positive und offene Frau, dass es mich immer wieder erstaunte. Wenn ich als ihre "deutsche Enkelin" zu Besuch kam und ihr das Mittagessen vorbeibrachte, leuchtete ihr Gesicht jedes Mal auf und sie grüßte mich so fröhlich, dass ich gar nicht anders konnte, als mich ebenfalls zu freuen. Daher blieb ich oft eine halbe Stunde oder Stunde, um mich mit ihr zu unterhalten. Unsere Gesprächsthemen waren vielfältig: Bei ein und demselben Besuch konnten wir einander zum Beispiel vom Leben und Alltag in Warschau und in Deutschland erzählen, uns aber auch über Hitler und Putin unterhalten. Serafina erzählte außerdem viel von ihren Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend. Dabei betonte sie immer wieder mit großer Ernsthaftigkeit, dass sie an das Gute in den Menschen glaube, egal ob sie Russen, Polen oder Deutsche seien, es komme nicht auf die Nationalität eines Menschen an. Gerade vor dem Hintergrund ihrer persönlichen Geschichte fand ich das sehr beeindruckend.

 

Rückblickend stelle ich fest, dass die größte Schwierigkeit eindeutig in der unbekannten, zunächst ziemlich unverständlichen Sprache und der dadurch vorhandenen Sprachbarriere lag. Je fließender ich Polnisch beherrschte, desto besser konnte ich mich nicht nur mit den Senioren unterhalten, die ich besuchte, sondern auch einfacher mit den Kindern im Kindergarten interagieren. Dadurch wurde ich sowohl von den Erziehern als auch von den Kindern mit der Zeit ganz anders wahrgenommen. Während ich mich zunächst in der Rolle als Hilfskraft oder Langzeit-Praktikantin wiederfand, fühlte ich mich nach und nach den anderen Erziehern ebenbürtig. Es macht eben doch einen großen Unterschied, ob man einem Kind eine Jacke lediglich hinhält oder ob man mit ihm diskutieren kann, weshalb es sie anziehen muss. Ebenso war ich während dieser Arbeit zu der Erkenntnis gelangt, dass eine Situation sich deutlich zum Besseren wenden kann, wenn man Eigentinitiative und Interesse an der Sache mitbringt. Die positiven Veränderungen im Kindergarten ereigneten sich nämlich, nachdem ich nicht mehr zweimal die Woche zum Polnischunterricht ging, sondern täglich bei den Kindern war und mit ganz anderer Präsenz auftreten konnte. Das trug stark zu meiner Rollenveränderung bei, sodass ich mich letztlich mit einem lachenden und einem weinenden Auge von den Erziehern und den Kindern verabschiedete. Die Zeit im Kindergarten hatte die zweite Hälfte meines Freiwilligendienstes intensiv geprägt. Ich würde davon viele schöne Erinnerungen an die Kinder mitnehmen, an freudige Begrüßungen, bei denen meine Beine umarmt wurden, an selbstgemalte Bilder oder die beleidigte Frage "Warum warst du so lange nicht hier?", wenn ich wegen einer Kurzreise ein paar Tage nicht im Kindergarten war.

 

"Kurz gesagt versuchte ich, noch einmal alles mitzuerleben, was diese Stadt und dieses Land für mich ausmachte."

 

In den zwei bis drei Monaten vor meiner Abreise erlebte ich immer wieder einen "Abschied auf Raten", nicht nur im Kindergarten, sondern auch bei Treffen mit Freunden und in den letzten Tagen, an denen ich für alte oder kranke Menschen das Essen austrug. Hinzu kam der Abschied von Warschau: Ein weiteres Mal besuchte ich meine Lieblingsplätze in der Stadt, fuhr mit dem Fahrrad an der Weichsel entlang, verspeiste günstige, typisch polnische Gerichte, spazierte durch die Altstadt und unterhielt mich in der interessanten Sprache, die ich zu lieben gelernt hatte. Kurz gesagt versuchte ich, noch einmal alles mitzuerleben, was diese Stadt und dieses Land für mich ausmachte. Die Abreise war von gemischten Gefühlen begleitet: Ich freute mich zwar sehr darauf, meine Familie und meine Freunde wiederzusehen, aber es fiel mir trotzdem schwer, Warschau zu verlassen. Zum Glück liegt die Stadt nicht so weit von Deutschland entfernt, sodass ich sicher sein kann: Der ein oder andere Besuch wird sich in der nächsten Zeit auf jeden Fall ergeben!

 

Katharina Fißmer, 20, studiert in Köln Regionalstudien Ost- und Mitteleuropa und Sozialwissenschaften. Sie spekuliert darauf, ein oder zwei Studiensemester im Ausland zu verbringen, wahrscheinlich ein weiteres Mal in Polen. Außerdem plant sie bereits einen längeren Urlaub in der Ukraine.

 

 

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