Freitag, 26. Mai 2017
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USA: Studium - Austauschprogramm - Memphis

 

Text von Robert Köhler, erschienen in:

(Nix für) Stubenhocker. Die Zeitung für Auslandsaufenthalte, Nr. 6 / 2016, S. 56-57

 

„Walking in Memphis“

Studienstadt mit Ecken und Kanten

 

Der Wind pfeift, längst durchdringt die frostige Luft meine Handschuhe. Aus dem bedrückenden Grau da oben könnten gleich die ersten Schneeflocken fallen. Doch das Wetter ist gerade nebensächlich. Immer wieder muss ich Müllsäcken, Baumästen oder Autoteilen ausweichen, die auf dem Weg liegen. Fast im Slalom umfahre ich Schlaglöcher und steige alle paar Meter ab, denn abgesenkte Bordsteine gibt es hier nicht. Fahrradfahren in meiner neuen Heimat auf Zeit habe ich mir wirklich anders vorgestellt. Selbst die Fahrt zum Supermarkt wird schnell zum Abenteuer. Seit ein paar Tagen lebe ich nicht etwa in den Tiefen Sibiriens, sondern in Memphis, am Rande des US-Bundesstaats Tennessee. Die Südstaatenmetropole am Mississippi ist Heimat von Elvis Presley und Justin Timberlake. Weit über die Grenzen der USA hinaus ist sie als Hochburg von Soul- und Blues-Musik bekannt. Und dennoch ist Memphis nicht gerade das Traumziel für Studenten, die es ins Ausland zieht. Die Glitzermetropolen New York und Los Angeles sind weit weg, in den Medien taucht Memphis meist im Zusammenhang mit Armut und Kriminalität auf. Tatsächlich, auf den ersten Blick macht Memphis seinen Gästen das Leben schon schwer: Die Stadt ist so weitläufig, dass es gar keinen Sinn macht, irgendwo zu Fuß hinzugehen. Der öffentliche Nahverkehr ist miserabel, ohne Auto ist die Fortbewegung schwierig.

 

Viele Stadtviertel sind heruntergekommen, einige zu gefährlich, um sich dort aufzuhalten. Selbst die Innenstadt ist alles andere als lebendig – mit Ausnahme der Touristen- und Kneipenmeile Beale Street. Doch es sind gerade die Ecken und Kanten, die Memphis interessant machen, authentisch und lebenswert. Vier Monate studiere ich an der University of Memphis. Schon seit Jahren gibt es ein Austauschprogramm mit meiner Heimathochschule, der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Dort bin ich im Masterstudiengang Journalismus eingeschrieben. Gemeinsam mit zwei meiner Mainzer Kommilitonen habe ich den „Spring Term“ in Amerika zwischen das deutsche Winter- und Sommersemester eingeschoben. Dank der Hochschulpartnerschaft funktioniert das sehr gut. Außerdem fördert der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) unseren Aufenthalt. So bleiben uns die Studiengebühren erspart – allein die hätten sich auf mehrere Tausend Euro belaufen. Die Bewerbung für das Auslandssemester in Amerika ist allerdings sehr aufwendig und kleinteilig. Ich weiß nicht mehr, wie viele Formulare ich insgesamt ausgefüllt und wie viele Gebühren ich bezahlt habe, um mein Visum zu bekommen. Insgesamt sind es zehn Studenten aus dem Ausland, die sich dafür entschieden haben, den „Spring Term“ an der University of Memphis zu verbringen – nicht gerade viel für eine Hochschule mit mehr als 20.000 Studenten. Neben uns drei Mainzern zählt ein weiterer Deutscher dazu, außerdem zwei Franzosen, zwei Briten, ein Spanier und ein Mexikaner.

 

Studium USA

 

Für viele von uns ist der Besuch beim Fahrradverleih auf dem Campus einer der ersten Schritte auf dem Weg in den neuen Alltag. Da Fußgänger und Radfahrer in Memphis zu irritiertem Verhalten der Autofahrer führen, muss ich auf meine Rolle als Exot erst vorbereitet werden: In einem Video lerne ich, wie ich mit meinen Armen merkwürdige Zeichen während des Bremsens geben soll. Auf dem Parkplatz muss ich zeigen, ob ich überhaupt mit einem Fahrrad umgehen kann. Und dann ist da noch das doppelte Schließsystem, bestehend aus einem flexiblen Schlaufenkabel und einem u-förmigen Bügelschloss. Seit meiner ersten Fahrt zum Supermarkt weiß ich, warum das alles notwendig gewesen ist. Während meines Auslandssemesters komme ich in einer Wohnanlage unter, die nur durch einen riesigen Parkplatz vom Campus getrennt ist. Hinter Schranken und Pförtnerhäuschen reihen sich hier dreistöckige Apartmenthäuser mit Wohnungen aneinander, die für jeweils vier Personen ausgelegt sind. Im Gegensatz zu den Wohnheimen hat hier jeder sein eigenes Zimmer, auch wenn sich das in der Miete widerspiegelt. Bett, Schreibtisch, Kommode und ein Kleiderschrank gehören zur Grundausstattung der Zimmer. Dazu kommen in jeder Wohnung zwei Bäder und ein großes Wohnzimmer mit offener Küche, und selbstverständlich eine Klimaanlage.

 

Einer meiner Mitbewohner studiert Theologie und Politik. Auf unserem Esstisch liegt eine Bibel, manchmal kommen Flyer dazu, die zu Veranstaltungen wie „Men‘s Bible Study“ einladen. Gerade in den Südstaaten spielt Religion eine große Rolle und beeinflusst den Alltag vieler Menschen. In Memphis gehören Kirchen fest zum Stadtbild. Es gibt zahlreiche Gemeinden, von der Bellevue Baptist Church bis zur Calvary Episcopal Church. Auch viele junge Menschen sind sehr gläubig und gehen regelmäßig in die Kirche. Bereits zur Begrüßung der internationalen Studenten an der Uni gesellt sich ein Mitglied der „V.I.S.A.“-Gruppe, „Visitors and International Student Alliance“, zu uns und verteilt Kekse und Kugelschreiber. „V.I.S.A.“ organisiert zahlreiche Veranstaltungen, daher ist eine Organisation wie diese eine Bereicherung für Austauschstudenten. Einmal gehen wir in ein nobles Viertel zu einer amerikanischen Bilderbuchfamilie. Die hat zum Kennenlern- und Spieleabend in ihr Haus eingeladen, samt einem riesigen Buffet für ihre Gäste. Auch wenn es eine tolle Erfahrung gewesen ist, habe ich mich nicht ganz wohl gefühlt. Der Glaubenshintergrund und die Lebenseinstellung schwingen doch immer unterschwellig mit. Nichtsdestotrotz machen solche Erlebnisse für mich den Reiz eines längeren Auslandsaufenthalts aus. Mit anderen Kulturen und Lebensweisen in Berührung zu kommen, zählt für mich zu den wertvollsten Erfahrungen überhaupt. Deshalb habe ich auch nicht gezögert, einen Teil meines Studiums im Ausland zu verbringen.

 

Auch wenn die typischen Klischees über die Südstaaten etwas abgegriffen sind, haben sie in vielen Fällen durchaus ihre Daseinsberechtigung. Das betrifft nicht nur die Religiosität der Menschen, sondern zum Beispiel auch die Küche. „Southern cookin‘ makes you good lookin‘“ – dass das Essen schöner macht, glauben hier vermutlich wirklich einige. Jedenfalls führt gerade in den Südstaaten kaum ein Weg an frittiertem, fettigem Essen vorbei. Fastfood-Restaurants gibt es an jeder Ecke der Stadt. Auch das zentrale Unigebäude ist mit einem „Foodcourt“ ausgestattet. Burger King, Taco Bell, Chick-fil-A, Dunkin‘ Donuts und Co. betreiben Filialen direkt auf dem Campus. Zudem gibt es eine All-you-can-eat-Mensa: Man bezahlt am Eingang einen Festpreis und kann dafür essen und trinken, so lange und so viel man will. Einige nutzen das sehr ausgiebig und stapeln Türme aus Pizzastücken auf  ihre Teller. Sehr bezeichnend ist auch, dass Wasser an Getränkezapfstationen meist gar nicht erst zur Auswahl steht. Die University of Memphis ist eine amerikanische Campus-Universität, wie ich sie mir immer vorgestellt habe, mit imposanten Säulenportalen, Glasfassaden und einem Uhrenturm. Das gesamte Gelände gleicht einem Park, Eichhörnchen kreuzen die Wege, das Gras ist grün. In der Freizeit warten Fitnesscenter, Hallenbad oder Museum, dazu kommen Restaurants und Cafés. Im Buchladen gibt es die gesamte Palette der Merchandising-Produkte – vom Kapuzenpullover bis zum Plüschtiger. Es werden also genügend Aktivitäten angeboten, um den ganzen Tag an der Universität zu verbringen.

 

„Ich habe auch außerhalb der Kurszeiten immer einiges zu tun.“

 

Als Austauschstudent nehme ich an vier Kursen teil. Diese sind sehr an der journalistischen Praxis orientiert, eine Vorlesung im Hörsaal gehört nicht zu meinem Stundenplan. Stattdessen finden die Lehrveranstaltungen in kleinen Gruppen mit rund 20 Teilnehmern statt. Das sorgt für eine sehr angenehme Atmosphäre. Mit meinem Schulenglisch habe ich keine Probleme, die jeweiligen Anforderungen zu erfüllen. Allerdings gibt es während des Semesters immer wieder Deadlines für Hausaufgaben und Arbeiten. Ob Forschungsarbeiten, Blogbeiträge oder Design-Projekte, ich habe auch außerhalb der Kurszeiten immer einiges zu tun. Dennoch kommt der Spaß nicht zu kurz. Ich habe genug Zeit, um Memphis zu erkunden und größere Reisen zu unternehmen. Natürlich hat das riesige Land so viel zu bieten, dass die „Spring Break“-Ferien und ein paar Wochenenden längst nicht ausreichen, um Amerika in all seinen Facetten kennenzulernen. Dennoch ist jede Reise ein Highlight und ich habe immer wieder das Gefühl, neue Kulturen und Lebensstile kennenzulernen. Memphis als typische Stadt der Südstaaten ist überhaupt nicht vergleichbar mit San Francisco, Chicago oder New York. In den ersten Wochen bin ich in meiner Freizeit meist mit den anderen Austauschstudenten unterwegs. Wir radeln zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt oder gehen abends zum Feiern auf die Beale Street. Sie ist eine der wenigen Straßen in den Vereinigten Staaten, wo es erlaubt ist, draußen Alkohol zu trinken. Spätestens nach dem Ende der kalten Wintermonate, wenn es auch nachts relativ warm bleibt, drängen sich dort die Menschen.

 

Da viele amerikanische Studenten sehr interessiert an ihren Kommilitonen aus dem Ausland sind, fällt es mir nicht schwer, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und Freundschaften zu schließen. Bald schon gehört es für mich zur Tagesordnung, mit einem amerikanischen Kommilitonen Mittag zu essen, gemeinsam ins Kino, ins Einkaufszentrum oder zum Basketballspiel zu gehen. Selbst einer meiner Professoren lädt mich einige Male zum Mittagessen und Sightseeing ein. An einem Wochenende bin ich mit ein paar Austauschstudenten bei einer amerikanischen Studentin im Haus ihrer Eltern in Nashville zu Besuch. Wieder bin ich vollkommen überrascht von der Gastfreundschaft. Sie tischen uns Abendessen auf, organisieren einen Grillabend, und für ein Wochenende sind wir ein Teil der Familie. Als Fazit meines Aufenthalts kann ich sagen, dass Memphis zwar alles andere als perfekt ist und mit zahlreichen Problemen zu kämpfen hat, aber gerade das gibt der Stadt einen  besonderen Charme und einen authentischen Charakter. Vor allem wegen der Menschen, die hier leben, lohnt es sich, für eine längere Zeit in die Südstaaten zu kommen. Selten zuvor habe ich so viel Gastfreundschaft und Herzlichkeit erlebt. Das hat es mir ungemein erleichtert, dort nicht nur zu leben, sondern mich auch wohlzufühlen.

 

Robert Köhler, 27, hat abgesehen von seinem Aufenthalt in den USA auch in Peru und Polen studiert und möchte nach seinem Masterabschluss für eine Zeitlang im Ausland arbeiten.

 

 

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