Du bist dann mal weg

Die fünf Phasen des Ankommens

weltweiser · Stubenhocker · Auslandsaufenthalt

Geschrieben von: Peter Wagner

Land: Alle

Aufenthaltsdauer: -

Programm: Reisen & Abenteuer

Erschienen in: (Nix für) Stubenhocker.

Die Zeitung für Auslandsaufenthalte,
Nr. 1 / 2011, S. 68-69

Wer ein halbes Jahr oder ein Jahr im Ausland verbringt, kommt dort nicht so einfach an. Wer länger weg ist, kommt vielmehr in Phasen an – eine Beschreibung.

Phase 1: Da! Oder: Vom Bottich des Vertrauens

So geht es dir:
Du kommst dir vor wie ein weißes Blatt, auf dem zum ersten Mal geschrieben wird. Nach der Ankunft in der anderen Stadt, auf dem anderen Kontinent werden plötzlich all die Bilder und Gesichter Wirklichkeit, die du vorher immer nur im Auslandsjournal oder im Weltspiegel und vielleicht beim Blättern in Geo gesehen hast. Einen kurzen Moment lang wanderst du auf einem superschmalen Grat. In diesem Moment kannst du dich entscheiden, ob du zu einer Billardkugel wirst, die von den Menschen durch dieses Land geschubst wird. Oder ob du deinen Nacken streckst und deinen Kopf erhebst und diesem neuen Land in die Augen siehst. Direkt. Das erfordert Energie, die du in diesen ersten Tagen des Ankommens noch nicht so recht hast. Du magst toll verabschiedet worden sein, tausend Küsse und Wünsche und Umarmungen mögen mit dir sein. Hier aber sind sie nichts wert. Mit deiner Ankunft hat jemand, den du nicht gesehen hast, einen Bottich neben dich gestellt. Auf dem Bottich steht in großen Buchstaben das Wort „Vertrauen“. Dieser Bottich muss jetzt neu gefüllt werden. Mit guten Erlebnissen, mit neuen Bekanntschaften, mit Lächeln. Der Mensch ist so: Auch wenn er weiß, dass dieser Bottich zu Hause voll war – hier muss er wieder neu betankt werden. Also wirst du in den ersten Wochen zu einem kleinen Schleimer. Du grüßt den Hausmeister, die mürrische Frau am Kiosk und sagst sehr oft „Pardon“ oder „Sorry“ oder was es braucht, um in deinem neuen Land höflich zu sein. Du fängst von vorne an. Daheim hast du Freunde, die zu dir passen. Hier weißt du nicht, ob du auf die Schnelle Menschen von ähnlichem Schlag finden wirst. Deshalb ist es schon wichtig, ein Lächeln des Hausmeisters einzuheimsen. Du musst langsam anfangen.

So wirkst du:
Nach außen, in den Telefonaten und Mails und im Internet lässt du die Kraft der neuen Eindrücke wirken. Du gibst die schiere Wucht der Erlebnisse weiter. Der bloße Report der Tatsache, dass du angekommen bist, haut die Daheimgebliebenen für einen Moment um. Sie spüren, dass du weg bist, dass du ernst gemacht hast, dass ein neues Leben beginnt. Sie sind neidisch.

Phase 2: Raufrunter: Der ersten Euphorie folgt das erste Tief

So geht es dir:
Dein Praktikum, deine Arbeit, dein Studium beginnt. Das ist gut so, du willst ja keinen Urlaub machen, sondern das Land so erleben wie die Einheimischen. Deine alltägliche Aufgabe wird zum ersten Fixpunkt, sie wird zum Gerüst deines Lebens – um irgendwas herum muss man ja sein Haus bauen. Zwangsläufig begegnest du täglich Menschen, mit denen du über deine Aufgaben reden musst. Du bist froh darüber. Du musst aufstehen wie ein Einheimischer und Espresso oder schlechten Kaffee trinken wie die Einheimischen. Die Luft, die du auf der Straße atmest, mag stinken oder duften, das ist dir gleich, weil es die Luft ist, wegen der du hier bist. Es macht dir Spaß, den Ort mit dem Rad oder zu Fuß zu erkunden. Erst mal ohne Fotoapparat und Karte. Niemand soll sehen, dass du der Neue bist oder dass du vielleicht nur ein Tourist bist. Du schaust dir die Gesten von den Eingeborenen ab. Wie sie nach Taxis winken; auch wenn du keines benutzt. Du hörst genau hin, wie sie in Cafés und Kiosken bestellen, wie sie an der Supermarktkasse „Hallo“ und „Auf Wiedersehen“ sagen. Manchmal sagst du den Wortlaut vor dich hin und trainierst den einheimischen Zungenschlag. Es macht Spaß, dazugehören zu wollen. An die Dauer deines Aufenthalts denkst du noch nicht. Du fühlst dich frei und groß zugleich. In eben jenen Momenten aber spürst du auch die Ablehnung. Ein Mensch schreit dir auf offener Straße „Gringo“ ins Gesicht oder du wirst in der U-Bahn mehr als unabsichtlich von zwei Menschen in die Ecke gedrückt. Nach solch einem Erlebnis hast du das Gefühl, beobachtet zu werden, während du alleine in einem Straßencafé eine Zigarette rauchst. Dir fällt auf, dass die Fremde keineswegs freundlicher ist, nur weil man sie sich in Gedanken freundlich ausgemalt hat. Manchmal zweifelst du, ob es richtig war, wegzugehen. Wenn schon drei Samstagabende vergangen sind, ohne dass dich jemand zum Ausgehen mitgenommen hat, tut das ein bisschen weh. Du denkst viel an zu Hause.

So wirkst du:
Am Telefon hört man dich gern. Du sprudelst zu Beginn deiner Erzählungen und kleidest die Dinge in Worte, die deine Augen gesehen haben. Nur in langen Telefonaten tauchen auch die Zweifel auf wie kleine Moorgeister. Dann sagst du am Telefon wie zu dir selbst: „Aber das gibt sich schon.“

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Phase 3: Die längste Zeit, oder: Wenn Freundschaften wachsen und das Heimweh ziept

So geht es dir:
Eine kluge Frau, die für Ärzte ohne Grenzen nach Afrika gegangen war, sagte einmal in einem Interview, dass man, wenn man von zu Hause weggeht, dies nicht tun solle, um sein altes Leben hinter sich zu lassen. Es verfolgt einen, egal, wo man ist. Deine Gedanken bleiben bei dir und du bleibst im Wesentlichen derselbe, auch wenn du im Ausland bist. Das fällt dir in der dritten, in der längsten Phase des Ankommens auf. Das Atmen der dreckigen Luft, die Essensgewohnheiten und einige Menschen sind dir vertraut geworden. Die Dinge werden so normal, wie sie nach zwei bis drei Monaten werden können. Die ersten Menschen haben dich schon häufiger mitgenommen oder zu Festen und Essen eingeladen. Sie haben vielleicht selbst ihre Scheu vor dem Fremden überwinden müssen und sehen nun, wie sehr du den Alltag bereicherst. Die Menschen haben Spaß an dir. Das gibt dir ein gutes Gefühl. Du hast nun ein oder zwei Menschen, an die du dich immer wenden kannst, wenn was ist. Es fühlt sich an wie ein winzig kleiner Freundeskreis. Im selben Moment der Freude spürst du aber auch, dass Freundschaft in der Fremde auch nicht aners funktioniert als zu Hause. Und zu Hause, dort leben immer noch die wahren Freunde, die Kindheitsfreunde, deine „Homebase“. An manchen Abenden sinkst du glücklich ins Bett, spürst aber den Anflug von Heimweh, weil du erkennst, dass vielleicht die Sprache dich daran hindern wird, richtig gute Freunde im Ausland zu finden. Dann zählst du die Wochen bis zur Abreise. Dann wird in deinem Kopf alles bleich. Dann wird dir bewusst, dass die Reize des Neuen nachgelassen haben. Weil nicht jeder Tag eine Offenbarung ist. Dann sehnst du dich zurück. Aber: Manchmal ist es auch anders. Manchmal ist das fremde Leben eine Bombe. Sie erwischt dich, du verliebst dich, du wirst Teil einer neuen Clique und sinkst abends ins Bett und denkst: Weshalb bin ich nicht hier geboren worden?

So wirkst du:
Deine Blogeinträge werden kürzer, deine Mails seltener, deine Eltern machen sich manchmal Sorgen. Du bist nicht mehr der Korrespondent, der täglich vermeintlich Neues über das Leben der Fremden nach Hause sendet. Du wirst Teil vom Leben der Fremden. Das ist der Moment, in dem die Daheim denken, sie würden dich vielleicht nicht mehr wiedersehen.

Phase 4: Im Angesicht der Abreise das Gefühl: Ich bin doch einer von denen!

So geht es dir:
Irgendwann, weit nach der Mitte deines Aufenthalts, hast du das Gefühl, ganz stark zu werden. Es fühlt sich an wie ein Wachstumsschub. Einzelne Menschen sagen dir, dass sie sich nicht vorstellen können, dass du wieder gehst. Das tut dir gut. Sie sagen dir, dass sich deine Sprachkenntnisse super entwickelt hätten. Eine Mutter eines neuen Freundes schließt dich in die Arme und sagt vielleicht, du seist jetzt auch einfach ein Mitglied der Familie. Egal, wie ernst das gemeint sein mag: Die Tatsache, dass das Ende des Aufenthalts absehbar wird, dass du durchgehalten hast, dass du zähe und glückliche Tage mit Bravour absolviert hast, macht dich stolz auf dich. Soll mal einer ein halbes Jahr oder ein Jahr wegbleiben. Soll mal einer! Du spürst, wie die Erfahrung dich nun vielleicht wirklich ein bisschen ändert. Zum ersten Mal in deinem Leben hast du ein Ausrufezeichen gesetzt. Du hast dir selbst etwas Mammuteskes vorgenommen und es durchgezogen. Dabei ist es dann erst mal egal, ob dein Aufenthalt wirklich zauberhaft oder doch eher eine Tortur war – weil vielleicht deine WG-Kollegen irgendwie miese Typen waren, die dich deine Fremdheit lange haben spüren lassen. Oder weil das Praktikum für die Katz war oder weil du feststellst, dass die Mentalität der Menschen dir nicht die Bohne liegt. Im Angesicht der Abreise und des absehbaren heroischen Einzugs in die Heimat wird vieles klein, was geschehen ist. Und in genau diesen Tagen kannst du dir schon wieder vorstellen, noch viel länger zu bleiben! Du denkst: Wer es so lange geschafft hat, der kann mehr!

So wirkst du:
Selbstbewusst. Angekommen. Wie ein verlorenes Kind, auf das sich nicht nur die Mutter langsam freut. Ein bisschen bist du zu Hause schon fremd. Es wird Zeit, dass du zurückkehrst. Oder?

Phase 5: Zu Hause – und schon Heimweh nach der Ferne

So geht es dir:
Die letzte Phase des Ankommens findet, so komisch das klingt, zu Hause statt. Nun beginnt die Legendenbildung. Vielleicht hat jemand eine kleine Fete für dich organisiert, vielleicht bist du mit einem kleinen Plakat am Bahnhof oder am Flughafen empfangen worden. Einen Tag lang darfst du nun auf den Thron steigen, für deine Familie und Freunde bist du der Größte. Erst ergehst du dich noch in detaillierten Erzählungen, flichtst manchmal, wie aus Versehen, noch mal ein Wort der Fremdsprache ein; vielleicht versicherst du auch, dass du schon manchmal in der Sprache geträumt hast. Dann komprimierst du deine Erzählungen auf Wesentliches, weil Freunde eben ungeduldig sind. Nur wenige lauschen jedem Wort. So bündelst du deine Erfahrungen zu einem kleinen verbalen Paket mit lauter positiven Aspekten. Und je öfter du dieses kleine Paket verschenkst, umso mehr fängst du im Zweifel selbst an, an die positiven Aspekte zu glauben. Der Aufenthalt, gestehst du dir, hat dich viel gelehrt. In deinen Augen kann man, wenn die Zeit im Ausland gut war, mitunter ein Verzücken und auch tiefe Trauer darüber erkennen, nun wieder zu Hause zu sein. Schon kurz nach dem Willkommensgruß umfängt dich die heimische Wirklichkeit mit einem kalten Handschlag. Nach ein paar Tagen ist der rote Teppich zu Ende gegangen. Dann fängt alles wieder an. Auch das Heimweh vielleicht. Diesmal ist es aber das Heimweh nach der Ferne, aus der du gekommen bist.

So wirkst du:
Du hast eine kompakte Ausstrahlung. Die Menschen sehen einen neuen Menschen in dir, der durch ein Bad fremder Einflüsse und Eindrücke geschwommen ist. Du hast viel Gepäck, du hast Fotos und Sachen aus der Fremde dabei. Nach zwei Tagen aber gibt es den ersten Streit mit dir und du wirkst komisch. Melancholisch. Zerrüttet. Kein Wunder. Du musst doch erst mal ankommen.

Ursprünglich erschienen auf jetzt.de, dem Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung.

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